Besonders interessante Manuskriptproben (noch unveröffentlicht)

Wir veröffentlichen hier gute Manuskripte und Manuskriptproben (Auszüge) etc. von Kurzgeschichten, Romanen und Gedichten. Alle Manuskripte und Auszüge erscheinen derzeit nachstehend unsortiert, je nach Einstellung und Neubearbeitung, noch ohne sortiertem Titelverzeichnis. Für die eine oder andere Arbeit wird hier auch eine eigene Seite angelegt, unter dem gleichen oder einem anderen Titel.

Die jeweils ausgesuchten Arbeiten werden mit Einverständnis der Autoren hier vorgestellt. Diese sind uns bekannt. Die Manuskripte oder fertigen Arbeiten unterliegen dem jeweiligen Copyright* der Autoren und dürfen nur für den Eigenbedarf genutzt werden. Die Arbeiten werden von Zeit zu Zeit ergänzt oder weiter bearbeitet.

Verlage wenden sich bei Interesse bitte an uns.

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Die Wissenschaft vom Zufall, Gesetze der Periodizität und Zwangsläufigkeiten, Empirik, Erkenntnisse auch am Roulette und anderen Glücksspielen. Die Machenschaften der Glücksspiellobby, das Geschäft mit dem Glück, Lotto, Spielautomaten, Roulette, Zufall,  Bekenntnisse, die wichtige persönliche Permanenz, die einzig möglichen Gewinnmöglichkeiten und die angewendete  Verlustreduzierung

Kommando Batterie

Kurzgeschichte

1967/68, Berlin Rummelsburg, Hauptstrasse, im sogenannten Haus am See

Es begann im April 1967, als man mich in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik wegschloss in eine Zelle, in der noch weitere fünf Schicksalsgenossen den Neuzugang erwarteten. Kurz zuvor war ich gerade 18 Jahre alt geworden.

wird fortgesetzt

Das Menschlein und der Tod                        

Kurzgeschichte

Tief gesunken auf den Boden der Tatsachen saß ein kleines Menschlein. Auf seinen Schultern trug es eine schwere Last, die für es so unerträglich war, dass es sich gar nicht vom Boden erheben konnte.

Sein kleines Herz war mit endloser Traurigkeit so gefüllt, dass es bitterlich weinen musste.

Es weinte so sehr, und so unaufhörlich, dass es überhaupt nicht bemerkt hatte, wie aus seinen salzigen Tränen ein kleiner See entstand.

Es sah auf einmal ein verkümmertes, nasses Gesicht, das ihm so jammervoll entgegenblickte, dass es zutiefst erschrak.

 

Es dauerte einige Augenblicke, bevor das Menschlein erkannte, dass es sein eigenes Spiegelbild war. Dennoch sank sein trauriges Herz nur noch tiefer.

Das kleine Menschlein war so verzweifelt geworden, dass es den Tod rief, er möge zu ihm kommen.

Der Tod, der sehr barmherzig war, hörte das Flehen des kleinen Menschleins und ging zu ihm hin, um sich darüber zu erkundigen, weshalb er gerufen worden war.“Nun sag mir, oh kleines Menschlein, weshalb du mich gerufen hast?“

„Ach“, sagte das Menschlein, „mein Herz hat sich schon oft nach dir gesehnt, und ich habe dich gerufen, damit du mich in deine Arme nimmst und mich zärtlich küsst. Denn du bist erhaben und mächtig. Sei du gnädig mir und berühre mich mit deiner sanften Hand.“Der Tod, der neben ihm saß, schwieg eine Weile und sagte:“ Du bist mir teuer, meine kleine Menschenseele. Gern würde ich dein Herz erlösen von deinem Kummer – doch das Lebensgesetz hat es mir verboten. Gewiss, erhaben und mächtig ist mein Wesen, aber dein Sehnen nach mir ist umsonst. Ich kann dich nicht berühren und küssen, denn, wahrhaftig, es ist mir untersagt.“

Da blickte das kleine Menschlein den Tod mit großen, traurigen Augen an und sagte:„Oh, barmherziger Herr, der Zweifel und die Traurigkeit halten mich gefesselt, und ich kann mich von dem Boden der Tatsachen nicht mehr erheben. Muss ich denn für alle Ewigkeit hier bleiben? Nur du kannst mir diese schwere Last, die auf meinen Schultern liegt und mich niederdrückt, wegnehmen. Ich flehe dich an, mich zu umarmen.“

„Ich sage dir, oh Menschenseele, berühren darf ich dich nicht. Das Lebensgesetz hat es mir verboten – wahrhaftig, es ist so.“

„Ach“, sagte das Menschlein, „das Lebensgesetz ist mir nicht zugeneigt. Selbst die Liebe ist mir bis jetzt nicht begegnet, und sogar mein bester Freund – die Hoffnung – hat mich vor langer Zeit verlassen. Die Verzweiflung ist mein ständiger Begleiter, und die Traurigkeit hat mein Herz erobert. Deshalb bin ich von dem Boden der Tatsachen gefangen. Und du, mein verehrter Tod, bist mein Retter.“

Der Tod blickte liebevoll das Menschlein an und sagte: „Das Lebensgesetz ist wohl dir zugeneigt, aber du hast es vergessen; und die Liebe ist stets dein Begleiter gewesen, doch du hast sie nicht erkannt. In deiner Unwissenheit hast du den kostbaren Reichtum, den das Leben und die Liebe dir schenkten, beiseite gefegt wie der Wind ein Blatt. Der Zweifel hat deinen Geist verwirrt und deinen Glauben an das Gute dir geraubt, deshalb hat dein Freund, die Hoffnung, dein Herz verlassen. Nun bist du gefesselt in den Ketten der Dinge, und darum bist du auf dem Boden der Tatsachen stecken geblieben. Wahrhaftig, meine kleine Menschenseele – es ist so.“

***     

Der Esel (The donkey)

Gedicht

Wär´ ich ein Esel, so tät´ich´s nimmer mehr

und dächt´, des Bösen sei nun Maß.

Nachdem der Herr mit starken Schlägen

das Fell gegerbt mir ohne Gnad´

so gäb´s nicht viel mehr abzuwägen

– ich ließ den schmackigen Salat

 

Indes mein menschlicher Verstand

den dummen Esel nicht versteht

werd´ ich nicht Herr der eig´nen Hand

so brech´ ich ein in jedes Beet…

Die Entscheidung                                

 Kurzgeschichte

Es war ganz sicher, zumindest für eine gewisse Zeit, das berauschendste, glückhafteste Ereignis, als mir in jener Nacht im „Altdeutschen Ballhaus“ (vielleicht war es auch in “Clärchens Ballhaus“) – ich war schon reichlich alkoholisiert und genauso stark desillusioniert – Fräulein S…… über den Weg lief. Nüchtern hätte ich mich niemals an sie herangemacht, also auch Glück – das mit dem Alkohol.

Jedenfalls johlte ich allein auf der schokoladenbraun verbohnerten Tanzfläche gerade die Arie vom abgebrochenen Tenor, und im Hintergrund spielte blechern die Hausband – eine wahre Rentnerband – auf antiquierten Blech- und Holzinstrumenten die Schlager von Gestern.

Plötzlich erfasste mein trunkener Blick direkt vor mir ein wippendes Mädchenpaar, um die zwanzig Jahre alt, die eine, kleinere, von korpulenter nichtssagender Gestalt mit ausdruckslosem Gesicht, – aber die andere – in ihrem Arm! – DIE WAR ES!!

Die ragte hoch empor, in einem engen Rosa-Strickpullover, in Bluejeans, mit einem herben, stupsnasigen Gesicht und großen hellblauen Augen – dunkelblond, mit einer die Ohren zeigenden Pagenfrisur, eine Jane Fonda im billigen Tanzsaal des Endzeitfilms „Auch Pferden gibt man den Gnadenschuss“!

Oh, dank dir Alkohol, dank dir Kumpel, dass du mit mir in dieser erst so traurigen und späten Nacht in diese Insiderkaschemme geschlittert bist. Traurig war es ja, dass ich mich mit meinen fünfundzwanzig Jahren und meiner irrationalen romantischen Ader sehr einsam fühlte und Tag und Nacht auf der Suche nach der großen Liebe war – bisher immer vergebens.

Ich lebte spürbar sehr auf, als ich die plötzliche Weiblichkeit nach meinem mutig gesäuselten „Darf ich bitten?“ im Arm hatte und den Druck Ihres Körpers eng und warm an mir spürte.

Ich tanzte glücklich – immer noch Arien singend – mit dieser herben Großen über den bohnerwachsduftenden, glatten braunen Boden – und sie lachte und schwenkte mit mir herum; ich sah nicht, dass die Freundin ein langes Gesicht zog – das erfuhr ich erst später – erfuhr, dass sie vor Neid wie eine Suppe aufgekocht war.

Aber ich hatte am Ende, als der Kumpel mit mir wieder auf der nächtlichen Gasse stand, und als der kalte Wind in der Dunkelheit an den abgeblätterten alten Fassaden alter Mietshäuser vorbeistrich und mir ins Gesicht fuhr – ja, da hatte ich einen Zettel in der Tasche, auf den Jane Fonda mir ihre Adresse ohne sich zu sträuben ´raufgekritzelt hatte.

 

Es vergingen etwa drei Wochen, bis ich meinen ganzen Mut zusammennahm – inzwischen war ich ja längst nüchtern (und schüchtern!) – und gleich nach Arbeitsschluss die paar Stationen mit der Straßenbahn zu ihrer Wohnung fuhr. Vor der Hausnummer 4 eines weißgekachelten Plattenbaus holte ich tief Luft und klingelte an der Sprechanlage.

In diesem Moment war mir, als fühlte ich die körperliche Nähe dieses schlanken und hochaufgeschossenen Weibes mit dem markanten Pagenkopf und den armbanduhrgroßen Augen von der Farbe eines frisch ausgewaschenen Jeanshemds.

Wie würde ich es verkraften, wenn dieses stattliche und frauliche Wesen es fertig brachte, mich spätestens nach Fixieren meines dünn bebarteten Milchgesichts über einem ebenso dünnen, knapp mittelgroßen, belanglosen Körper, einfach wegzuschicken?? Ich blickte an mir hinunter.

Am liebsten wäre ich schnell wieder davongezogen.

Zu spät – Knacken, Rauschen, – und plötzlich sprach mich unvermittelt eine heisere Blechstimme an, – unpersönlich, schnarrend und laut, als befände sich der dazugehörige Mund fast an meinem Ohr:

„JA? WER IST DA??“

„Ein guter Freund.“ (Die Spontaneität meiner Antwort überraschte mich)

Sofort summte das Türschloss. Die gleiche Stimme ertönte wieder, kurz und bündig:

„SECHSTER STOCK!“

An der Wohnungstür drückte ich auf einen kleinen Klingelknopf unter einem Alltagsnamen.

Das Gesicht im Türrahmen befremdete und überraschte mich gleichzeitig. Wieder strahlten mich diese unendlich hellblauen, großen Augensterne an, skeptisch, abwartend, erwartungsvoll – aber wenigstens nicht abweisend. Doch der Mund schien mir etwas herb zu sein und vielleicht zu groß; zwischen den Vorderzähnen zeigte sich eine kleine Zahnlücke.

Die wellige Pagenfrisur bedeckte nicht die Ohren und war so aus der Form geraten, dass die dunkelblonden Haare ein wenig angeklebt wirkten. Im Bruchteil einer Sekunde glaubte ich zu wissen: `Die ist nicht dein Typ, – und ziemlich groß ist sie auch; ich würde schon gerne etwas auf sie herabsehen wollen, und, und, und…! `

Aber nun war ich schon mal da, – und ich spürte ihre neugierige, unaufdringliche Erwartung.

Also murmelte ich einen Spruch, der sich auf unsere Begegnung und den Zettel mit ihrer Adresse bezog. Sie bat mich herein, während ihr strahlend hellblauer Blick unverwandt meine Augen in Schach hielt.

Während sie uns Tee in der kleinen Küchennische machte, saß ich am Tisch in dem einzigen Zimmer der Wohnung und schaute mir die Einrichtung an. Der Raum war nicht sehr groß. Die wenigen hell-kieferfarbenen Möbel waren sauber und standen an der richtigen Stelle. Einige gefüllte Bücherregale, zerstreute Schreib-Utensilien, zwei oder drei wenig aufdringliche Bilder und passende kleine Skulpturen aus naturfarbenem Holz vermittelten einen wohnlichen, geschmackvollen Eindruck.

Alles war einfach und weiblich aufgeräumt, ohne langweilig zu sein. Ich fühlte mich wohl.

So saßen wir uns gegenüber, tranken Tee und unterhielten uns, und bald offenbarte ich ihr meine verschiedenen, nicht ganz in der Norm liegenden Ansichten, auch die politischen.

Ihr schalkhafter Widerspruch reizte mich zu kleinen Diskussionen und etwas hitzigen Vorträgen. Wir redeten und redeten, und ich begann mich richtig wohl zufühlen.

Unbarmherzige Zeit!

Spät abends, etwa gegen elf Uhr, entschloss ich mich schweren Herzens zu gehen, um den Anschein von Anstand zu wahren und mir die Blamage eines sanften Rausschmisses zu ersparen. Aber ich erlebte jetzt eine der angenehmsten Überraschungen meines Lebens, die wie eine Glücksquelle in mir hoch aufsprudelte.

Also, ich murmelte: „Dann werd´ ich jetzt mal gehen, – ich will dich nicht weiter stören, es ist ja schon spät geworden.“ – (Warum war ich plötzlich so traurig und niedergeschlagen?)

Sie wurde ganz blass, und mich entzückte ihre sichtbare Enttäuschung – sie schien erschrocken, als ich aufstand, um zu gehen.

Dann kamen sie, diese ERSEHNTEN WORTE:

„Bleib` doch noch ein bisschen da, ich mach´ noch einen Tee.“

Sichtlich erschrocken war sie, ja, und ich darüber entzückt.

Ich blieb. Nur zu gern und von Freude beseelt. Blieb über Nacht; die S-Bahn fuhr längst nicht mehr.

Ich blieb länger, und schon nach wenigen Tagen war ich verliebt und glücklich wie niemals vorher und niemals nachher.

Nur zwei Monate später, Weihnachten kam und Sylvester, waren wir wie im Rausch – die Verliebtheit schien unwirklich.

Als ich sie nach nicht einmal einem Jahr verließ, hatten wir  wesentliche Differenzen bereits durchlebt und durchdiskutiert, und waren nicht nur noch ineinander verliebt – die Liebe begann!

Die Entscheidung zu gehen, traf ich, ohne darüber nachzugrübeln.

Ich liebte das Mädchen, aber ich sehnte mich nach Freiheit; nein ich war davon besessen und beseelt. Mein Verlangen, der Willkür, der Enge und  übermächtigen Bevormundung zu entkommen, brannte seit Jahren in mir wie ein höllisches Feuer.

Verhaftungen, Geschepper von Blecheimern, klirrendes, rasselndes Knallen und Donnern der Gittertüren,  dröhnendes Gebrüll, in den Fluren Gerüche von Scheuermitteln, Küchenabfällen  und billigstem Kantinenfrass, vermischt mit schweißigem Männergestank und  Bohnerwachsdunst – lange Jahre noch plagten mich nächtlich Alpträume dieser Art. Bis heute verabscheue ich menschlichen, unartikulierten Lärm.

O nein! Keine andere Frau hat mir damals den Kopf verdreht, – es war etwas gänzlich anderes. Es war die lang ersehnte persönliche Freiheit, für die ich selbst kompromisslos eine  Liebe aufgab, welche ich  so leidenschaftlich erträumt hatte, bevor sie mir nun endlich begegnet war. Und dennoch gab es für mich nicht einen Moment des Bedenkens, als ich nun in jenem August des Jahres 1975 die Ausreisegenehmigung aus Ostberlin nach Hamburg bekam – obwohl unsäglich verliebt, obwohl voller Glück – dieses wirklich große, das wirklich seltene, nie mehr wiederkehrende.

Unsere heiteren, streitenden und tiefsinnigen Gespräche,  das warme Sehnen, die erfüllende süße Ruhe, die körperliche und geistige Anziehung – so unwirklich schön das alles auch war, – mir bot sich endlich, noch so jung, die  einmalige Gelegenheit, den verhassten Staat zu verlassen und in eine noch unfassbare, absolute Freiheit  zu gelangen.

Dazu noch jenes, sich schon ab den vorpubertären Jahren aufgebaute  Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht. Nach den Erfahrungen und Enttäuschungen aus frühesten Jugendjahren, erschien es mir animalisch und oberflächlich – ja fast vulgär.

Die Entscheidung, mit nichts in der Tasche als den Ausreisepapieren, einer Fahrkarte nach Hamburg, drei Koffern und zwanzig Westpfennigen, im blühendsten Alter von fünfundzwanzig Jahren nun dieses Mädchen zu verlassen – verlassen zu müssen! –  habe ich nicht bereut.

Mir war klar, Liebe oder nicht, ich hätte sie nie dazu bringen können, mir in den Westen zu folgen, dazu war sie von der Politik dieses Zwangsstaates viel zu überzeugt.

Unsere Verbindung war nach meiner Ausreise für alle Zeiten beendet – aber das hatte ich im Wirrwarr meiner Gefühle völlig übersehen, und wenn nicht, so hätte das an meinem Entschluss zu gehen, nichts geändert.

Nachdem sie mir bei meinem ersten Besuch im Osten, wenige Wochen später, unmissverständlich klar machte, dass es mit uns aus war, überfiel mich eine andauernde, schwere Depression.

Zunächst aber machten wir ES noch einmal eine Stunde lang. Sie drängte es mir fast auf (ich werde die Gefühle einer Frau nie verstehen), und ich war fast drauf und dran, wieder zu ihr – und damit in den Osten – zurückzukommen. Glücklicherweise – sage ich heute –  blieb sie hart, und  war am Ende fast ohne Gefühl für mich. Kalt schob sie mich nach zwei Stunden aus der Wohnung. Am Boden zerstört schlich ich davon.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, fuhr ich im Wahn, es würde dennoch wieder wie früher zwischen uns werden, zu ihr nach Ostberlin und klingelte entschlossen unten an der Sprechanlage.

Ein eisiges „Nöö!“ – ein Knacken.

Kein Stammeln nützte etwas; alles war aus.

Für Wochen versank ich in eine Art Totenstarre.

Das Wunder trat ein, als ich in einem Zwischenhoch meiner tiefen Depression nach einigen Wochen an Weihnachten noch mal in Ostberlin meine alten Kumpels besuchte.

Am 1. Weihnachtstag saß ich kurz vor meiner Rückkehr nach Westberlin spät abends noch unten im Fernsehturm-Cafe´ am Alexanderplatz, war vom Rotwein schon erheblich angesäuselt und in schwermütiger Stimmung.

Es war nicht zu glauben – plötzlich spazierte sie mit ihrem Bruder und einem Kerl herein.

Die drei setzten sich mir fast gegenüber, wie bei einer Verabredung, mich zu treffen, aber mich dabei gänzlich zu übersehen.

Ich starrte hinüber, trank noch mehr Rotwein, – farbige Ringe begannen vor meinen Augen zu tanzen.

Blöd muss ich dagesessen haben; in Erinnerung  sind mir nur Leere und Schwere, eine zementsackschwere Last und verhaltene Tränen, die mir langsam an der Nase vorbei rannen.

Als sie aufstand und in der  Toilette verschwand, schob ich mich hoch und ging ihr nach.

War dies meine Chance, die nie wiederkehren würde? Natürlich, sie wollte mir Gelegenheit geben, uns auszusprechen, bildete ich mir ein.

Das Gespräch war indes kurz und ernüchternd.

Schuldzuweisung an mich, Kühle, Ablehnung, Rückkehr an ihren Tisch. Fremdheit trennte uns, so, wie eine unsichtbare aber undurchlässige Folie zwei Wesen nur trennen kann.

Ich trank noch mehr Wein. Die wallenden Ringe vor meinen Augen wurden farbiger und die Tränen größer und schneller. Grußlos gingen die drei bald darauf hinaus.

Gerade begann ich, im Stuhl endgültig zusammenzusacken, da ging die Tür wieder auf, und sie kam allein zurück. Nicht, weil sie etwas vergessen hatte, denn sie setzte sich an einen leeren Tisch, als wäre sie eben gar nicht hier gewesen und ich jetzt gar nicht vorhanden.

Ich bildete mir also ein – wer hätte dies in meiner Situation nicht getan? –  sie hätte sich besonnen und wäre meinetwegen zurückgekommen. An dieser Hoffnung klammernd, ging ich zu ihr hinüber, fragte und durfte mich zu ihr setzen, ertrug einige Zeit ihre eisige Ablehnung, ihre anteilslosen Vorwürfe. Schließlich platzte ich hinaus:

„Du bist ein Schwein!“

Überrascht und sichtlich getroffen sah sie mich fast ungläubig an, stand auf  und ging.

Ich habe sie nie wieder gesehen, bis heute, über dreißig Jahre danach. Aber mein Liebeskummer, und damit die schlimme Depression, waren am nächsten Morgen beim Frühstück im Westberliner Hotel, wie weggeblasen, für immer.

Welch Erlösung!

 

Der Emigrant

 Gedicht

Im Maien war´s da stand ich am Schlagbaum

zum Land meiner Flüche und Nöte,

im Rücken die Stadt, die da lag in heller Morgenröte

So fremd war mir´s noch von draußen her an der Grenze

als Mensch zu pilgern, wo Kreuze begruben

– mitsamt den Bildern von zerschossenem Fleische –

die noch im Tode verdammte Leiche…

 

Wie finstre Ruhe im weißen Kleid mir deuchte Beton und Pistolen,

und so ward mir im Frieden, im Herzen versöhnt,

der Mutter Boden befohlen

Doch da schallt´s schon im altvertrauten Ton, wie ehemals dem unbequemen Bürgersohn:

„Kehrt, marsch, zurück, deine Sorte ist hier nicht erwünscht, und spar dir die weit´ren Worte!“

Sodann kommt der erste beste Sozialist daher und schwenkt seine rote Fahne,er frisst Kommunismus mit Sahne, und huldigt sich feste

und tut sich schwer und einer von dieser Sorte trägt das Arbeitertuch! Ihm öffnet man willig die Pforte…

Es ist der Arbeiterfluch!

 

*

Von einem, der auswandern wollte

 Gedicht

Ein Toter ward auf den Friedhof geschleppt

Er starb auf Friedens Boden

Rings um das Grab rauschen Blätter im Wind

Und seht, sie legen sich sacht auf das Kind

Im offenen Grabe…

 

Und an der Mauer prangt leuchtend ein Brett

Ein rotes, mit weißer Schrift

Die verkündet, dass Freiheit und Menschlichkeit

Hier alle Menschen trifft

 

Doch es wendet sich ab von Freiheit und Glück

Die Mutter des Sohnes im Grabe

Sie wird nie versteh´n

Wie konnte der Mord

Im Lande des Friedens gescheh´n

 

Die hinter dem schützenden Riesen steh´n

Die wissen, warum sie die Mörder befahlen

Und Deutschland, ach Deutschland, ich glaube für immer

Wirst du Freiheit mit Leben bezahlen

 

Kommunismus, das ist nicht nur Arbeit und Brot

Nicht nur krumme Buckel!

Kommunismus ist Liebe und Achtung vor ihm

– Dem Sohne

Des Mutter Euch droht…

 

Tausend Jahre                                           *

Gedicht

Tausend Jahre sind vergangen

Tausend Jahre einer Zeit

In der Menschen angefangen

Tausend Jahre Erdenleid

 

Tiefe Wasser, lieblich klar

Dichte Wälder wunderbar

Urig wüchsig die Natur

Blätterrausch in Waldesflur

 

Durch die Steppen zogen Herden

Sonnenkräfte sich bemüh´n

Wo die Weiten sich verlaufen

Von der Erde zartem Grün

 

Über all´ die langen Jahre

Still der Wasser klarer Blick

Silbrig Wogen flüstern wahre

Lebenskraft und einzig Glück

 

Droben hielt am klaren Himmel

Stolzer Schwinge Kraft und Macht

Über Jahrmillionen Schönheit

Starker Greif die Himmelswacht

 

Tief drunten in den Wogen

Klangen Zaubermelodien

Freier Wesen unsresgleichen

Erfüllt mit Lebensharmonien

 

Doch Tausend Jahre sind vergangen

Und der Kelch ist bald geleert

O süßer Lebenswein und Freiheit

Da der Geist auf dieser Erde

Gift und Mord noch mehr verehrt

 

Tausend Jahre werden kommen

Darin der Geist bereits erstarb

Erloschen sein des Frühlings Düfte

Im Ruß erstickt das Meer, der Erde Lüfte

Zurück der Raum den Staub erwarb

 

Eine Mutter, Berlin, die gute alte Zeit und ich

(Arbeitstitel)   Roman

 

Nachruf und Hommage eines inzwischen älteren Herrn an seine Freunde

(Statt eines Vorworts)

Sigi! Was ist es, das wie ein einziges Warten ist, und wie kann es sein, dass nun so viele Jahre einfach vergingen in Nichtstun, Nichtssein, einfach nur altern und hoffen, dass es endlich lebendig und so schön wird, wie in der Jugend, ganz früher – oder doch wenigstens so, wie es mit uns war, mit dir und Björn in Berlin, in der Großstadt, in Cafes und Kneipen, zusammen in deiner alten, vollgepfropften Wohnung mit den tausend alten Platten und den Bergen von Zeitungspapier. Wir beide, ein alter Plattenspieler, Benjamino Gilgi und dein dicker, alter schwarzer, blinder Kater, um den du dich so kümmertest, ihm immer was mitbrachtest, das er dir aus der Hand fraß, dankbar und treu, freudig und oft auf der Fensterbank saß und die Sonne genoss.

„Ihr seid wie Brüder,“ war Björns Meinung.

„Die Menschen haben keine Kultur mehr.“  Sigi, lange hast du aber an eine Kultur geglaubt, bis du nicht mehr weiter wußtest, bis alles zusammenbrach, bis die Menschen zum Albtraum für dich wurden. Das Tragische ist, daß wir uns alle zusammen viel zu spät kennengelernt haben. Björn, auch du kamst mir wie ein Bruder vor.

Sigi, du alter Westberliner, du sensibler, guter Mensch, kunstbegeistert, das Gegenteil von grob und hart. Hast deinen Polizei-Job in Berlin nach 18 Jahren hingeschmissen, weil du die Gemeinheiten und den Klüngel nicht mehr mitmachen wolltest – das habe ich in meiner Dummheit nie gewürdigt und geachtet. Für einen selbständigen Geschäftsmann warst du dann viel zu anständig und wurdest betrogen – Endstation Sozialamt. Habe dir nie gesagt, was für ein Kerl du warst, wußte es einfach nicht. Sigi, ein Gräuel waren dir die Matronen mit Faltenrock und Stegbundhosen, ich musste lachen, wenn ich dein Gesicht dann ansah. Der Typ auf der Straße, was sagte er zu dir? „Mein Fideo ist kaputt, mit Zurd Jürgens drauf.“ Du hast dich geschüttelt.

Björn, du fehlst mir, wie Sigi, du Kunstmaler, lang, hager, ein Paganini der Leinwand. Endstation Sozialamt.

Wollen Sie wissen, was mich noch am Leben erhalten hält? Ich sag´s Ihnen: Heißer, gut gefilterter (früher war mir das Filtern nicht so wichtig), kräftiger und wirklich schmackhafter Kaffee, besonders morgens, am besten, wenn ich ausgeschlafen habe. Eine Prise Tabak, ein Pfeifchen und Muße, ohne Zeitung und Radio, Stille der Natur – Kuckuck und Tschilp! Frühstück mit Ei, alles von der Sonne vergoldet und bestrahlt. Menschen, die Niveau und Kultur haben, intelligent oder wenigstens lieb sind. Um mich herumschnurrende Katzen, ein mich abschmatzender Hund, eine geräumige, helle Wohnung, in die Sonnenstrahlen hineinblitzen.

Zwischendurch habe ich – kurz, nachdem ich die Sätze oben schrieb – mir diese lebenserhaltende Dinge für unabsehbare Zeit eigenhändig zerstört. Der Mietvertrag, der mir, meinen Katzen und meiner jungen Hündin in Kürze ein Leben auf dem Land, nicht weit von der Ostsee, in einem alten Haus mit großem Garten und wenig Kosten, in absoluter Ruhe, garantierte, ist dahin. Alle Freude war erst mal dahin, nur die Hoffnung und die Sorgen um meine Tiere hielten mich am Leben, da ich nicht einfach wenigstens für Monate aus diesem Land heraus komme, da ich nicht meinen alten Traum vom einfachen Leben am Mittelmeer, in Griechenland oder den Kanarischen Inseln wahr machen kann, meiner Tiere wegen, die mich brauchen.

Also eben hier wieder von vorn anfangen, auf der erneuten Suche nach Ruhe, Natur und „der einsamen Mühle am rauschenden Bach“, außerhalb der Menschenplage.

Eine Zeit lang war nichts mit mir los, auch keine Klassikmusik, Country-Johnny Cash und Jim Reeves und Slim Withman, kein Schreiben, Romane und Kurzgeschichten lesen, Sachbücher und Wissenschaft schmökern, Abenteuer und Forschung, und Literatur atmen, die man so bezeichnen kann, von sympatischen und klugen Köpfen geschrieben, Klassiker wie Dostojewski, Poe, London, Conan Doyle, Defoe etc. pp. und Neuklassiker wie Charles Bukowski und seine Generation von Literaten in Amerika …, Steinbek, …, Schriftsteller, die jeder kluge lesende Kopf kennt, inzwischen gehört auch Jörg Fauser dazu, der deutsche Bukowski (jedenfalls bis heute). Es fehlt mir absolute Ruhe, nur unterbrochen von Naturlauten und Vogelzwitschern, Klopfen des Spechts und Wasserplätschern, Gesprächen und Dialogen, Unterhaltungen mit Menschen von feinem Wesen und Güte.

In meinem Leben, zu meinem Frühstück, in meiner Wohnung, neben mir, haben jetzt, nach vielen traurigen Erfahrungen und etwas Erkenntnis und mehr Weisheit mit über 60 Jahren nur noch Menschen etwas zu suchen, die in die Bühne meines Lebens hineinpassen – und das sind die wenigsten, die meisten erzeugen nur widerliche Geräusche, ihre lauten oder kreischenden Stimmen sind mir zuwider. Sie sägen, bohren, schleifen, Laub wegblasend, da ist nur Krachen, Heulen, übler Motorenlärm, Knattern und Donnern.

Dinge, die mir das Leben zum Kotzen machen. Sie wuseln, putzen und fummeln in ihren Gärten herum, fegen, schaben, spritzen Unkrautgifte auf gesunde Pflanzen, wienern ihre Stuben und Häuser, bis sie sich darin spiegeln können und auf ihren Klosetts nur noch sterilen Kot und gefilterten Urin ablassen. Autos und Motorräder rasen stinkend, brüllend herum, dumpf bullern Bässe aus klumpigen Karossen, bis Häuser und Bäume erzittern und Ohren ertauben, hinterlassen blutige Tierkörper auf dem Asphalt. Die „Dorfstraße“ auf dem „Land“ ist inzwischen zur rasanten Landstraße mutiert. Kinder spielen am Straßenrand, nur Zentimeter entfernt rauschen und donnern die Blechlawinen und Traktoren an ihnen vorbei. Stacheldraht windet sich überall wie zu Kriegszeiten, die Bauern sperren ihre Ware Rinder dahinter ein, Lämmer und Zicklein werden gevierteilt, brutal geschlachtet, landen für Geld im Magen speckbäuchiger Leute.

Fleisch aus dem Supermarkt wird in die wartenden Autos draußen hineingepfercht. Wird bald in die schon überfüllten Mägen herunter geschlungen, Berge von gierig  zusammengerafften Konsumartikeln liegen im Gepäckraum.

Ich hasse diese Schlachter, Quäler, Katzentöter und Hundefeinde, diesen menschlichen Irrtum der Natur, Ergebnis von Primitivität, Raffgier und Generationen der Vereinigung gleich dummer Wesen, unablässig noch dümmer und kränker werdend.

Als Großstädter fehlt mir nach Jahren, ja, fast nach einem halben Leben voller vergeblicher Versuche, die Ruhe und das natürliche Leben in deutschen Dörfern zu finden. Ich ziehe seit Jahren wie Beethoven von einem Nest in das andere.

Mir fehlen die murmelnden Stimmen mich umgebender Tische in einem gemütlichen Kaffeehaus. Ein kleiner Stammtisch, feines Kaffeegeschirr, der Bohnenkaffeeduft im Raum. Ich sehne mich nach echter, kultureller Stille, wie in einer Longe im feinen Hotel, am Kamin, im Ohrensessel. Mir fehlen Ruhe – und Oasen wie Bibliotheken nahe bei alten Mauern einer Universität, nahe bei den alten, sonnenbeschienenen eisernen Geländern am Fluss, die Blicke über Dächer, zwischen den Dachziegeln alter Häuser aufragende Schornsteine aus Blechrohren oder steinern, groß und dick, rötlich, im Abendlicht glänzend.

Die Vorstellung, doch noch täglich irgendwo in einem ruhig gelegenen, sonnigen Gärtchen wie im Paradies, inmitten von Sträuchern und blühenden, duftenden Pflanzen an einem Marmortischchen Kaffee zu trinken, umgeben von meinen Haustieren und glücklich zu sein, hatte ich längst aufgegeben.

Doch dann diese Chance, die  unerwartete, der Mietvertrag, die „Finca“ auf dem Land,  Ungestörtheit, Ruhe, Freiheit, auch für meine Tiere.

Meine Zweifel, mein Misstrauen, meine inzwischen gestörte Psyche in einem eigentlich weise zu seiendem Alter ließen mich den Vertrag noch vor dem Umzug leichtfertig annullieren – zweimal. Einmal zu viel, aus! Also wieder neue griesgrämige Vermieter und Nachbarn, denen meine Lebensweise nicht passt. Die es lieber sehen würden, wenn ich, wie sie, schnippend, harkend, fegend und grabend, schleifend, sägend, bohrend und anderswie lärmend, Ordnungshüter in meinem Garten spiele – sofern ich überhaupt wieder einen bekomme –  mit schnurgeraden Beeten und Blumen und Hecken, auf Kante geschnitten, ohne ein Gramm „Unkraut“, alles chemisch gereinigt und vergiftet, angelegt nach deutschem Wesen.

Meine Unterkunft und die meiner Katzen und der Hündin Georgina ist auch eine Wartezone auf bessere Zeiten. Warten? Albern im Alter – der körperliche Zerfall, die verschwundene Jugend, das Wissen vom bald bevorstehenden Ende drängen sich pausenlos in meine Gedanken, nur die Träume in der Nacht sind voller Leben und Erlebnisse, unglaubwürdig, abstrakt aber unglaublich angenehm.

Das Aufwachen bringt nicht selten Leere, Sorgen und Trauer um meine gestorbenen Tiere aber auch Liebe und Frieden beim Anblick und der geliebten noch lebenden.

 

Mein Tagesablauf reduziert sich möglichst auf die schönen Dinge. Bisher nur im Kopf schrieb ich meinen ersten Roman. Aber das Schreiben, Lesen und gute Musik hören packt mich wieder. Irgendwie komme ich wieder klar, in dieser Wohnung jetzt, unter dem Dach, mit Sonne und Ruhe. Hoffentlich bleibt es so.

Einmal war ich auch kurz ein Geldsack, vor vielen Jahren, in Berlin, in der Zeit nach dem Mauerfall, etwa drei Jahre lang. Ich durfte das Leben in scheinbar finanzieller Unabhängigkeit bis zur Neige auskosten. Die Totalschäden an meinem Porsche 928 und dem Zwölfzylinder – Jaguar fielen zeitgleich etwa mit dem Platzen meiner und anderer Spekulationsblasen zusammen, und das Ende war auch bei mir die Riesenpleite, das Sozialamt und die 36-qm-Wohnung im Plattenblock aus den Fünfzigern, mit mürrischen Rentnern, jungen Säufern, aggressiven Psychopathen und dummen Schlägern mitten im bürgerlich-beschaulichen Berlin – Lichterfelde-West.

Fehler, wie ich sie machte, dürfen einem Kaufmann eben nicht passieren. Erst eine Herrenhausruine in Mecklenburg kaufen, für die ich eigentlich noch Geld hätte dazubekommen müssen, und ein Spekulationsgrundstück nach dem anderen, das war es dann auch bald. Die dicken Autos und horrende Unterhaltskosten, die zwei Totalschäden und schließlich der Marktzusammenbruch, Ende gut, alles schlecht!

Ich hielt mich eine Zeit lang für den Macker im Immobiliensektor und verlor die Bodenhaftung. Außerdem bin ich im Herzen kein Kaufmann, auch wenn ich damals eigentlich genau wusste, was zu tun ist und was zu unterlassen. Nein, ich bin ein risikofreudiger Spontanmensch und handle mitunter, in entscheidenden Dingen, ohne zwingenden Grund gegen jede Vernunft, sogar ganz bewusst.

Ich gleiche mich dir mehr und mehr in vielen Dingen an, Sigi, wenn ich auch nicht annähernd deine feine Sensibilität und deine kulturellen Eigenschaften habe. Du und Björn habt immer zu mir gehalten, seid euch treu geblieben – und mir, trotz meiner Eskapaden.

Björn, du würdest noch öfter als früher mit mir zusammen losziehen, wir würden über Italien, die Mittelmeerinseln, die Magie und die Kunst des Malens, die Farben und die Technik, über Spiel und Abenteuer reden, und unseren Kaffee in der Sonne auf der Bank vor dem Kleister schlürfen, oder im Schwarzen Cafe uns die Nächte um die Ohren hauen. Ja, da saßen sie, die Homunkel, wie du sie nanntest, dumm unentwegt plappernd, babbabbabbabbab … – und da drüben, das war die Appaclass, so nanntest du die, die abgehoben waren. Wie recht du hattest! Weißt du noch, damals – du liefst mit mir durch die alten Gemäuer der Kunstuni in der Hardenbergstraße, zeigtest mir die verstaubten Winkel, den Raum deines Profs.

Und weißt du noch, das Cafe´gegenüber, das „Hardenberg“ – wie oft saßen wir da inmitten der Studenten und unter der „Appaclass“ und genossen die Erbsensuppe, das Bier und den Cafe´, verdammt lange her. All´das fehlt mir, ihr fehlt mir, alte Garde.

Das letzte Mal, als ich dich sah, alter Paganini-Monet, gab ich dir vor deiner Haustür noch eine alte Kladde von mir mit: Dostojewskis „Der Spieler“.

*

 

Manuskriptprobe

Kurzbeschreibung

Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Inge, die junge, ehemalige Funkhelferin aus Berlin lernt Heinrich („Enrico“), der gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, in Oberbayern kennen. Er wird die große, aber kurze, Liebe ihres Lebens. Sie heiraten. Nach einer bitteren Enttäuschung und der baldigen Scheidung ist Inges einziger Trost zunächst „Mops“, ihr properes, blondwuscheliges Söhnchen …

Dieser „Mops“ war kein anderer als ich. Meine Geschichte beginnt mit der für meine Mutter tragischen Bekanntschaft mit „Enrico“ – meinem Vater. Doch davon später.

11. August 1961,  Zwischenszene

„Erna is uff Scheisshaus!“ Emil hatte die Wohnungstür einen Spalt aufgemacht und lugte mit dem sabbernden, feisten Gesicht durch. Feuchtwarme, abgestandene Luft waberte in den Hausflur, wie eine Wand stand dort sofort ein noch üblerer Geruch, als er ohnehin ständig im Treppenhaus hing. Diesmal stank es nach Urin, dünner Suppe, gammligen Kohl und klebrigem Schmutz. Auf Emils schmuddliger Schürze, die er um den fetten Bauch geschnürt hatte, stand eingestickt: Vati hilft gern.

„Kommste nu rin oder wat?“

Ich folgte ihm in die Küche, wo Emil sich wieder am Herd zuschaffen machte und mit einer Schöpfkelle die Brühe oder Suppe, die den die ganze Wohnung erfüllenden Gestank verbreitete, genüsslich umrührte. Fliegen surrten im Dunst über dem Topf.

Malle, eine der beiden Töchter, steckte den Kopf durch den Türrahmen. „Du sollst Erna Scheißpapier bringen!“

„Gleich, die denkt wohl, damit ick allet uff eenmal machen kann“, nuschelte Emil in die wabernde Wolke um sein rotes, schwitzendes Gesicht, „kann dit mal sein, das ick gerade Mittag mache?“ „Is gleich fertig, willste wat mitessen, Thomas?“

Emil meinte es gut, aber ich bedankte mich und sagte, ich hätte gerade gegessen. Als ich mich umdrehte, sah ich Erna, die vom Treppenklo im Hausflur zurückgekommen war, durch die Wohnung schlurfen. Offenbar hatte sie doch noch Klopapier gefunden. Sie kam in die Küche, drehte den alten Wasserhahn über einem ehemals weiß emaillierten und mittlerweile halb verrosteten Gussbecken auf, und das Wasser schoss rauschend wie aus einem Feuerwehrschlauch heraus.

Erna und Emil waren ein unzertrennliches, altes Ehepaar, die Umgangssprache war rau, simpel und deftig aber im Grunde herzlich. Das Leben der Familie – Erna, Emil, zwei Töchter, ein fester Schwiegersohn, ein angehender Schwiegersohn und noch ein gutmütiger, strohhaariger schnodderschnäuziger und dicker Sohn – spielte sich hauptsächlich und zentral in der großen Wohnung des alten, muffigen Berliner Mietshauses ab.

Erna rieb sich mit Kernseife unter dem kalten Wasserstrahl die Hände, wischte sie sich an dem kornblauen Etwas ab, was einmal ein Kleid war und ihren dicken Körper umspannte und kam dann auf mich zu.

Ich zog den Zettel, den mir Mutti mitgegeben hatte, aus der Tasche und drückte ihn Erna in die Hand. Nach einem kurzen Blick darauf rief sie: „Malle, hol mir mal zwanzig Mark für Inge her!“ in die staubige Unendlichkeit hinter die Küchentür. Dunkelheit und Sonnenstrahlen wechselten sich da in einem Labyrinth von Zimmern ab, deren Holztüren mit dem vergilbten alten Lack sämtlich offenstanden. „Inge braucht wat zum Essen, Geld gibt´s erst am Freitag.“

Das große Wohnzimmer mit den Fenstern zur Straße raus war der eigentliche Mittelpunkt aller. Emil begann, die Teller hineinzutragen und wuchtete dann allein, unter Aufbietung aller seiner Kräfte, den dampfenden, verbeulten Aluminiumtopf, riesig wie ein Waschzuber, mitten auf den mächtigen und ausladenden Wohnzimmertisch, noch bevor ich helfen konnte. Nicht auszudenken, wenn das Ungeheuer von Topf mit der Unmenge schwappenden, heißen Inhalts auf die Dielen krachen würde.

Ich musste mich höflichkeitshalber dazusetzen und mir einen Teller auffüllen. Die Suppenkelle war ebenfalls überdimensional groß.

Erna war Muttis Arbeitskollegin in der Fabrik, in dem schmutzigen Kohlebetrieb, in dem Mutti sich die ohnehin schwache Lunge nach und nach zerstörte.

Ich musste an Mutti denken, wie sie jetzt nicht weit von hier allein in unserer kleinen Wohnung saß und unruhig auf das Geld wartete, damit wir einkaufen konnten; ich würde jetzt an die Ecke in die Kaufhalle gehen und für mich eine Tafel Schokolade mitnehmen. Für Mutti würde ich zwei Schachteln Zigaretten und eine Flasche Halb und Halb, eine Mischung von Schnaps und Likör, einpacken. Der Rest ging für ein paar Lebensmittel drauf.

 

Prolog und Beginn

Der junge Mann mit dem fehlenden Kragen unter dem hoch geknöpften Sakko stand mitten unter der Dorfjugend in der Nähe der Tanzfläche. Die handgemachte Dorfmusik brummte und schrillte aus einer Tuba, eine uralte Gitarre schrammte und klirrte blechern gegen eine Rassel an, die im Stakkato klapperte, als würden Kiesel in einer leeren Zigarrenkiste wild herumgeschüttelt.

Zwei Mädchen, etwa Anfang zwanzig, ein größeres, und ein kleineres mit zartem Gesicht und sichtlich das jüngere von beiden, in einfachen hellen Uniformjacken ohne Schulterstücke, tanzten miteinander. Obwohl sie sich nicht im Geringsten ähnelten, waren sie Schwestern.

Auf die Kleinere hatte der junge Mann ungeniert längst seine grauen, hellen Augen geheftet, seine ganze junge, schlanke Erscheinung war attraktiv und anziehend. In der pedantisch sauberen, doch erkennbar zusammengewürfelten Schlotterkleidung, deren Krönung ein um den sonst völlig unbekleideten Hals gewundener dünner Schal war, wirkte er jedoch noch immer armselig und abgerissen.

*

Inge erinnerte sich, wie dieser Jüngling auf dem Festplatz ganz allein in der fröhlichen Menge herumstand, schüchtern und nur notdürftig angezogen, unter dem Arm einen „Persilkarton“ wie ein Notgepäck im hiesigen Volksmund genannt wurde.

Erst gestern hatte sie ihn nach zwei Ehejahren, maßlos enttäuscht und unglücklich, endgültig verlassen – genau genommen, musste er nach dem Schuldspruch des Scheidungsgerichts wegen Untreue und Ehebruch aus ihrer gemeinsamen Wohnung ausziehen.

Der Liebe auf den ersten Blick, die auf dem Dorffest in einem Örtchen bei Landsberg am Lech, in Oberbayern, begann, folgte eine mehr und mehr nervenaufreibende Zeit, in der sich Heinrich, der neu gebackene Ehemann, als skurriler und treuloser Exzentriker entpuppte. Kaum verlobt, hatte der bettelarm aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Bayern entlassene junge ehemalige Gefreite darauf bestanden, Inge schnellstens zu ehelichen, allerdings nicht in Bayern, sondern in ihrer Heimatstadt Berlin, obwohl es sich dort in diesem Nachkriegsjahr 1948 vermutlich viel schlechter leben ließ als hier in Oberbayern, einen Steinwurf entfernt vom idyllischen Landsberg am Lech.

Inges kleines Zimmer beherbergte von nun an auch den eben noch Heimatlosen, der nichts hatte außer seiner erfrischenden Jugend und ein gutes Aussehen. Hilde brach den eigentlich für länger geplanten Besuch bei ihrer Schwester kurzerhand ab und machte sich auf die Heimreise nach Berlin, wo sie in einer Dachkammer in Steglitz, einem bürgerlichen Berliner Westbezirk seit dem Ende ihrer Schneiderlehre allein wohnte und sich, ohne feste Arbeit, mit Nähen und Flicken durchschlug.

Ohne zu wissen warum, konnte sie den smarten Heinrich nicht ausstehen.

*

Nach nur wenigen Wochen schon mauserte sich der künftige Ehemann zu einem von erfrischend jungenhafter Natürlichkeit strotzenden Frauentyp mit Witz und Intelligenz. Nach seinem interessanten, regelmäßig geschnittenen Gesicht mit den verträumten, hellen Augen und seiner geraden, schlanken Gestalt drehten sich die jungen Frauen in der Gegend schon bald immer öfter um und verrenkten sich ihre schönen, schlanken, dünnen, dicken oder auch nur unschönen Hälse.

Inge war im jetzt sowjetisch besetzten Ostteil Berlins herangewachsen, direkt in der Mitte der Stadt. Genau dahin zog es Heinrich, den Jungkommunisten, wie er sich bezeichnete.

Als Hochzeitsgeschenk würde es für ihn eine Zuzugsgenehmigung in die ausgebombte alte Reichshauptstadt geben.

Einige Zeit lebte das verliebte Paar noch zusammen in Inges kleinem Zimmer, unter dem Dach des Dorfgasthauses, einem mächtigen Blockhaus im ländlich-bayrischen Stil – direkt neben einem Weiher, hinter dem sich Tannen und andere Nadelbäume über sanftes Hügelland hinweg bis zu einem unübersehbaren Wald ausbreiteten. Die beiden frisch Verliebten kuschelten sich auf dem Messingbett, wenn lange vor dem Einschlafen die letzten Strahlen der nur noch zwischen den Bäumen hervorlugenden Abendsonne wie flüssiges, rötliches Gold durch das Fenster blitzten. Inge tippte tagsüber, einige Busstationen von ihrem Zimmer entfernt, in einem Büro in Landsberg am Lech als Sekretärin für ihren Chef die Korrespondenz, und Heinrich genoss derweil ganz allein die einzigartige Ruhe in der Waldpension, wo das duftende, dickflüssige, klebrige, beinahe durchsichtige Baumharz sich zwischen Fichtennadeln und verdunstendem Wasser, fast bis hinunter zu den Schlingpflanzen und Seerosen des Weihers auch am  Boden seinen Weg bahnte, und die sonst alltäglichen und trivialen Sinne der Menschen hier mit einer in der glasklaren Luft liegenden, fast betörenden Gewürzmischung einhüllte. Außer dem Klopfen eines Spechts und dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln ringsum, mitunter auch einem Zischen und Pfeifen vom Schilf am Weiher her, wenn ein Unwetter dicht über dem Wasser dahinfegte, waren nur ein unbändiges Zwitschern des täglichen Vogelkonzerts und hin und wieder die dumpfen Einschläge einer Axt in Holz zu vernehmen.

Doch Heinrich hielt es nicht in dieser Idylle, er drängte Inge so lange, bis diese endlich nachgab und schweren Herzens ihre Arbeit und das kleine Zimmer im Wald aufgab, um künftig mit ihm, verheiratet, in Berlin zu leben. Es gab noch einen sehr bedeutenden anderen Grund dafür: Inge war inzwischen schwanger, das Baby würde wohl spätestens im Mai des nächsten Jahres – 1949 – zur Welt kommen.

So richteten sie sich noch im späten Sommer in der Joachimstraße ein, bei Inges Mutter Paula, die einsam und unglücklich war nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm, dem noch in den letzten Kriegstagen die Brust von Bombensplittern aufgerissen wurde. Paula brach über die Rückkehr Inges, ihrer Kleinen, die sie besonders liebte, in Tränen aus.

*

Paula hatte ihren Wilhelm im Ersten Weltkrieg vor einem Kino in ihrer Geburtsstadt Hamburg kennengelernt.

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sie genau in dem Moment mit einer Freundin interessiert vor einem Kinoplakat stehen blieb, als ein schnurrbärtiger Soldat im grauen Feldzwirn, den rechten Arm in einer Gipsbinde verborgen, sich nach seiner Frontverwundung im Heimaturlaub befand und in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs auf seinen Zug nach Berlin wartete. Paula, aus „gutem Hause“ stammend, war zwanzig Jahre alt, rothaarig, mager und sommersprossig. Ihr schmales, blasses Gesicht wurde von einer mit diesen Sommersprossen gänzlich übersäten, ausgeprägten Adlernase beherrscht, und zwei grüne, offen blickende Augen mit Wimpern, die man wegen ihrer hellen Farbe nicht sah, fixierten – für ein Fräulein ihres Standes etwas zu auffällig – den neben ihr stehenden Soldaten, der sich offenbar ebenfalls für das bunte Plakat vor dem Kino interessierte.

Wilhelm fackelte nicht lange und sprach sie an. Von diesem Tage an waren die beiden unzertrennlich, und Paula änderte die in der Familie geschmiedeten Pläne.

Zum großen Ärger ihrer Eltern dachte sie nun nicht mehr daran, nach Brasilien in Übersee zu reisen, um dort Kindermädchen zu werden – wie in wohlhabenden Kreisen für die „höheren“ Töchter als einstweiliger Berufsersatz allgemein üblich – sondern verließ stattdessen Hamburg, um in Berlin ihren Wilhelm, den Schuhmacher aus der mitten in einem berüchtigten Stadtteil – genannt Scheunenviertel – liegenden Joachimstraße, zu heiraten. Die Joachimstraße war kaum mehr als einige Dutzend Meter lang, aber in ihr gab es ein Ballhaus der „alten Schule“, in dem die Boheme´ aus Berlin-Mitte noch fast bis zu den Bombeneinschlägen im 2. großen Krieg – Jahrzehnte später – verkehrte, und gleich daneben, am Koppenplatz, rings um die Linienstraße und der Gipsstraße grenzten Eckkneipen das Viertel ein. Arbeiter, Arbeitslose, Ganoven und Künstler waren hier zu Hause, und dazu kamen ständige ominöse Gäste, von denen zumindest ein Teil des Nachts in verschiedenen Hinterzimmern ihr Quartier aufschlug. Hier, im Zentrum, in der alten Mitte, war Berlin berlinerischer als sonst wo, zumindest im östlichen Teil der Stadt; – und ausgerechnet hierhin zog Paula und heiratete den einfachen Arbeiter Wilhelm, der sich allerdings von der zwielichtigen Szene und den halbseidenen Gestalten im Kiez unterschied, wie der Tag von der Nacht.

Die Salmoses, Paulas Eltern, enterbten sie umgehend. Die reiche jüdische Brauereifamilie mit dem Adelstitel mütterlicherseits und sehr vielen Bierfässern väterlicherseits, welche ständig mit fettem Gewinn an die Hamburger Kneipen, Biergärten und sonstigen Gaststätten umgesetzt wurden, verstieß Tochter Paula, da gab es kein Federlesen. Immerhin hatte sie noch drei Geschwister, und es ging um ein ansehnliches Vermögen. Der arme Schuhmacher, der Erbschleicher, und die offenbar unzurechnungsfähige gewordene Tochter, sollten zu keiner Zeit etwas davon erhalten.

Zu dieser Zeit ahnte niemand in der Familie, dass sie später, durch Inflation und Weltwirtschaftskrise, alles bis auf die letzte Mark verlieren sollten.

Neben einer Schwester hatte Paula zwei Brüder, und der jüngere, an dem sie sehr hing, hielt in jeder Hinsicht als Einziger zu ihr. Er starb, einen Sohn hinterlassend, als einer der ersten gefallenen Fliegerpiloten im kommenden großen Weltkrieg, der im August 1914 ausbrach.

Später, in der Hitlerzeit – das Kaiserreich und die nachfolgende Republik, die man die „Weimarer“ nannte, waren vergangen – entging Paula als Jüdin nur knapp der Verschleppung in ein Konzentrationslager der Nazis.

Doch Wilhelm hielt zu seiner Paula. Die „reinen Ärsche“, wie die, welche sich mit ihrer „arischen“ Herkunft besonders hervor taten, unter der Hand verballhornend genannt wurden, ließen sich indessen einer nach dem anderen von jüdischen Lebenspartnern, die sie in früheren Zeiten einmal geheiratet hatten, scheiden. Anfangs aus ganz praktischen Gründen, der verschiedenen eigenen Vorteile wegen, doch bald schon aus der nackten Angst, wegen „Rassenschande“, vom Regime verfolgt zu werden. Die Aussicht, dann im Konzentrationslager zu landen, war hier hoch. Hermann Göring hatte bereits lauthals ein neues Gesetz dafür ausgerufen.

Wie auch immer, ob naiv loyal oder opportun angepasst, die Geheime Staatspolizei, Gestapo, kannte und fürchtete jeder.

Da er seine Frau nicht verließ, wurde Wilhelm von den Ämtern pausenlos bösartig schikaniert. Er hatte noch Glück und verlor am Ende nur seine Arbeit als Schumacher, doch ein Teil seiner Bekannten, glücklicherweise nicht der beste, zog sich aus Angst und Eigennutz von ihm zurück.

Wie schon Inges Schwester konnte sich auch Paula für ihren Schwiegersohn, der sich in Berlin inzwischen Enrico nannte, zu keiner Zeit erwärmen.

Dessen Kaliber stand in schroffem Gegensatz zu ihrem ernsthaften, verantwortungsbewussten Wilhelm; zu einem Mann, der als Luftschutzwart der beiden Gebäude, in dessen hinteren sie seit ihrer Heirat vor nun fast dreißig Jahren, zusammenlebten, noch kurz vor Kriegsende beim Wasserholen für die im Keller hockenden Menschen von Splittern einer Luftmine schwer getroffen wurde. Der, nachdem sie ihn in den Keller zurückgetragen hatten, in den Armen seiner Frau mit den Worten starb: „Lass man, Paula, ist schon gut für sonen ollen Feldwebelveteranen, grüß mir ja noch die Inge und die Hilde, und nu hör´mal mit dem Weinen uff, und gib deim Wilhelm eenen Kuss.“

Für Wilhelm war Geld in seinem Leben immer eine Nebensache, er verlangte wenig und tat dafür viel, half allen und flickte weiter Schuhe. Fast alles im Haus reparierte und bastelte er selbst. Nebenbei schrieb er seit seinem Militäreinsatz in China, wo England, Deutschland und andere Kolonialmächte gegen den Boxeraufstand der Chinesen los schlugen, eigenhändig auch in chinesischer Schrift ein Buch: Erinnerungen und Erfahrungen aus China, über chinesische Kultur und Alltag. Der andere Wilhelm – der Deutsche Kaiser – dagegen war auf seinem Thron eine unheilvolle Fehlbesetzung, was die Welt spätestens bei seiner berüchtigten „Hunnenrede“ gegen die Chinesen mitbekam.

Nachdem ihm seine Arbeit gekündigt wurde, saß Wilhelm oft in der einfach und spärlich möblierten Wohnküche auch in den Nächten, wenn Totenstille wie ein alles einhüllender, schwerer Mantel über dem Haus lag, beim schwachen Licht einer Glühbirne am Küchentisch. Sorgsam, bis zum Morgengrauen malte er filigrane chinesische Schriftzeichen auf Pergament. Eine Seite nach der anderen füllte sich, immer von oben nach unten, wie die Chinesen es tun. Dabei schlürfte er genussvoll seinen Muckefuck – Bohnenkaffeeersatz – aus seiner geliebten, selbst blau emaillierten Blechtasse.

An einem Wandhaken hingen noch seine Kopfhörer, wahre Ungetüme aus Metall aus Kaisers Zeiten. Mittels einer Nadel und einem kleinen Stein aus einem Kristall entlockte er dieser Erfindung noch immer gern leise krächzende Stimmen und blecherne Musik. Doch mittlerweile stand dafür auf dem Brett der Küchenwand neben einer Blumenvase ein kleines, kompaktes Radiogerät – die „Goebbelschnauze“ –, das war aus dünnem braunen Kunststoff, Bakkalit, schmal und hoch, mit einem kleinen Drehknopf vorn.

Wie der mächtige Holztisch im Wohnzimmer, mit den gedrechselten, untereinander mit fettleibigen Streben verbundenen Beinen, war dieses Radio nicht mehr wegzudenken, ein Mittelpunkt in der kleinen Wohnung im Hinterhaus der Joachimstraße. Weniger für Paula, aber Wilhelm begeisterte sich für alle technischen Neuheiten und Erfindungen.

                                                                    *

Bald nach Beginn der Hitlerdiktatur versuchte wer konnte die eigenen unangenehmen Erfahrungen, den persönlich spürbaren Druck und die aufkeimende Kriegsgefahr zu vergessen, zu verdrängen oder mit Alltäglichem und den „guten Dingen, die Hitler macht, die Volksgemeinschaft, Kraft durch Freude, Arbeitslosigkeit beseitigen, und nun sind wir wieder wer“ zu übertünchen. Manche begriffen allerdings noch immer nicht, was die Stunde geschlagen hatte.

Wenn es gelang, das Notwendigste oder sogar noch mehr für sich zu sichern, hatte man schon viel erreicht, und vielleicht ging es ja doch voran, auch wenn die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen waren für die, welche sich mit dem Regime nicht übermäßig arrangiert hatten.

Die politische Bevormundung, die direkte persönliche Bedrohung waren das eine – das andere war, dass man doch einigermaßen leben konnte, sofern man sich geistig, kulturell und materiell einschränkte und vor allem nach dem Motto lebte: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.“ Diese Lebensart war für viele Deutsche allerdings seit jeher nichts Fremdes und Ungewöhnliches und fiel ihnen nicht sehr schwer.

Die Versorgung mit Gas und Strom gehört zu den lebenswichtigen Dingen eines Haushalts. Bei beiden wurde schon immer gespart und eingeteilt, zumindest überall dort, wo man Geld hart erarbeiten musste oder sich nur mit staatlicher Hilfe über Wasser hielt.

Die Preise dafür waren fast unerschwinglich, nicht nur im Scheunenviertel. Die Gaswerke verdienten sich dumm und dämlich, so wie auch die BEWAG, der Stromlieferant in Berlin, und auch die vielen anderen Abstauber aus Industrie und Handel. Zu Kaisers Zeiten war es so, ebenso in der nachfolgenden Republik (welche ja eigentlich von den Sozialisten gegründet worden war, der Arbeiterpartei SPD) und nun, im Dritten Reich der Nationalsozialisten, lief es nicht anders – die Reichen blieben den Armen nichts schuldig, wenn es darum ging, sie wie eine Zitrone auszupressen.

Immerhin waren die Inflation und die wirtschaftliche große Krise vorbei, man hatte offenbar das Schlimmste überstanden, und es gab wieder Arbeit. Es sah so aus, als hätten die Deutschen richtig gewählt. Hitler war angekommen, nach langem Bemühen, und Deutschland war nun scheinbar in unaufhaltsamem Aufschwung.

Doch jeder fühlte, etwas lag in der Luft, allgegenwärtig und unübersehbar waren Repressalien und Bevormundung, und dann gab es noch die Schläger der SA, die schwarzuniformierten SS – Einheiten mit den Totenkopfsymbolen und einen allgegenwärtigen Mob, der bei allen Gelegenheiten den Arm hochriss und brüllte: „Heil Hitler!!“ Wer sich nicht taub und blind stellte, erfuhr von den Denunziationen, von Nachbarn, meist Juden, die plötzlich verschwanden, sah die brennenden Synagogen in der Kristallnacht, hörte zumindest von den vielen Verhaftungen und Morden in dieser Zeit, andere erschienen plötzlich sehr verändert, ängstlich, zogen sich zurück, – wieder andere plusterten sich auf, benahmen sich tyrannisch und zeigten offen ihre guten Beziehungen zu Polizei und Staatsmacht. In Deutschland waren über Nacht Strassen und Häuser gespickt mit den Hakenkreuzsymbolen des Regimes – kaum, dass im Januar 1933  Hitler Reichskanzler wurde.

Die zunehmend kulturlosen, lebensbedrohlichen Verhältnisse in einem Land, das sich eben noch als Demokratie verstand, trotz Unzulänglichkeiten an allen Ecken und Kanten, erweckten zunächst Unglauben, dann Furcht und Schrecken, da passte man sich mehrheitlich schnell an und behielt seine Meinung für sich, insbesondere nach den zahlreichen Verhaftungen nach dem Brand im Reichstag und der folgenden Reichstagsbrandverordnung – dem Beginn der absoluten Diktatur der Nazis.

 

*

Wilhelm nahm, nachdem er arbeitslos war, kaum noch am öffentlichen Leben teil. Abgesehen davon, dass es nun finanziell immer schlechter ging, wurden die Mieter im Hinterhof andererseits doch vor den zahlreichen Gelegenheiten verschont, die elenden Umstände mitzuerleben, die die Diktatur um sie herum mit sich brachte. Nur der alte Friedrich Maus hängte zu bestimmten Anlässen, die in den letzten Jahren allerdings immer zahlreicher wurden, die Fahne mit dem Hakenkreuz heraus.

Da kaum Fremde auf ihren Hof kamen, nahmen es die Mieter hier nicht ganz so genau mit einigen staatlich verordneten Vorschriften oder Selbstverständlichkeiten. Die meisten von ihnen waren Rentner oder arbeitslos. Außer dem alten, mürrischen Maus waren sie alle ältere Ehepaare, deren Kinder längst ausgezogen waren. Paula und Wilhelm lebten ebenfalls allein, Hilde war in Steglitz und Inge in Bayern. Zehn Wohnungen waren es insgesamt im Hinterhaus, in fünf Stockwerken.

Im Vorderhaus hing, zumindest bei bestimmten propagandistischen Anlässen, grundsätzlich an den meisten Fensterneine Hakenkreuzfahne, dafür sorgten schon die beiden Ruppigs im Parterre, ein schwatzhaftes und neugieriges Rentnerpaar. Keiner im Haus ließ es auf deren Denunziation ankommen. Vorn liefen auch zu viel Leute vorbei, man musste vorsichtig sein, auch wenn im Scheunenkiez andere Regeln als anderswo in Berlin galten, da man hier relativ weit weg war von Spießertum und Bürgerlichkeit, wo, wie jeder wusste, fast immer Denunziantentum und Gehässigkeit untereinander an der Tagesordnung waren.

 

*

Der kleine Messinghahn am Ende eines roten, daumendicken Gummischlauchs, der an einem Gasrohr steckte, wurde selten von Wilhelm oder Paula aufgedreht, und den Mädchen war dies grundsätzlich und strikt verboten. Im Winter ging in der riesigen Kochstelle, hinter weißen Keramikplatten, unter den gusseisernen Ringen und Platten die Glut fast niemals aus. – Holz, Kohlenreste und Koksstücke glimmten und glühten auch nachts vor sich hin, und wurden zum Heizen und Kochen geschickt immer wieder angefacht. Doch je länger später der Krieg dauerte, desto schwerer wurde es, an Heizmaterial heranzukommen. Mit dem, was man hatte, waren die Wohnungen nicht warm zuhalten, Strom und Gas wurden, je länger der Krieg anhielt, knapper denn je und fielen zunehmend ganz aus.

Ab Kriegsbeginn waren Zuteilungen über Lebensmittelmarken allgemeiner Standard. Haustiere, Hunde und Katzen und sogar die Kaninchen, die bisher oft in den Klosetts im Treppenflur gehalten wurden, verschwanden nach und nach, und man zog es vor, nicht darüber zu sprechen, wo sie blieben.

Wenn Wilhelm des Nachts in der Küche schrieb, lag Paula oft schlaflos allein nebenan in der „Guten Stube“, besorgt von der allgemein zunehmenden Not und den Problemen.

Inmitten des „zivilisierten“ Europas tobte ab 1914 der Erste Weltkrieg, das fürchterlichste Hauen, Schießen, Vergiften und Stechen, dass die Welt bis dahin gesehen hatte. Die Europäer hatten sich nun selbst ineinander mörderisch und barbarisch verbissen, nicht anders als alle „Zivilisationen“ und kriegerischen Völker vor ihnen.

Wilhelm tat auch hier seinen vaterländischen Dienst; er überlebte, als Feldwebel einer Armee, die es nach dem verlorenen Krieg nicht mehr gab. Chinesische Kultur und Sprache aber zogen ihn weiter in ihren Bann.                               Seine Tochter Inge, in der nachfolgenden Republik zwei Jahre nach Hilde geboren, kam ganz nach ihm. Sie war intelligent und liebenswert und hätte zu anderen Zeiten studieren können, denn die Schule schlug sogar ein Stipendium für sie vor. Ihre Zeugnisse und ihr ganzes Wesen waren glänzend und hervorragend. Aber daraus wurde nichts für die „Judentochter“. Nach dem Ende der Weimarer Republik, im „Dritten Reich“, wurden Kinder aus sogenannten Mischehen, Juden und „Arier“, „bastardisiert“, – man ließ sie zwar halbwegs in Ruhe, solange die Ehe bestand, doch Vater Wilhelm war heilfroh, für Inge wenigstens eine Stenotypistenlehrstelle zu bekommen – im süddeutschen Oberbayern. Seine Inge tippte fehlerlos, sehr schnell beherrschte sie Maschinenschreiben und Stenografie, hatte eine schnelle Auffassung und vielseitige Begabung. Mit der Mathematik und Physik klappte es weniger, wie bei den meisten sprach – und künstlerisch begabten Menschen.

*

Wenige Wochen nach Beginn der Lehre, noch vor Weihnachten des Jahres 1938, stand Inge jedoch unversehens zu Hause in der Joachimstraße wieder vor der Tür.

Im Vorderhaus blickte das Ehepaar Ruppig im Parterre gerade aus dem Fenster, wie immer.

„Na, wat denn, die Inge, biste wida zurück oder haste Urlaub?“

Die beiden Alten drückten ihre mageren Körper nebeneinander auf zwei Kissen und erheischten Antwort. Sie waren lebende Litfaßsäulen, wenn es darum ging, Neuigkeiten zu erkunden und zu tratschen.

Inge war gut erzogen, sie grüßte, ging durch die Toreinfahrt über den mit roten, sandig-brüchigen Ziegeln gepflasterten Hof ins Hinterhaus und stieg – sich mit der rechten Hand am Holzgeländer hochziehend, die mit billigem, schokoladenfarbenen Linoleum belegten, knarrenden Treppen im engen Hausflur zur Wohnung im 4. Stock hinauf.

Dort spähte Friedrich Maus, den man nur Fritze nannte, ein murriger, spindeldürrer Rentner, vom Treppenpodest herunter. Früher war er Tischler und nun, seinen schäbigen Lebensabend noch immer in der gleichen muffigen Wohnung verbringend, war er der einzige im Hinterhaus, der gewöhnlich seine Tür ständig geschlossen hielt, und die Hälfte des Tages verbrachte er damit, diese Tür und den Hausflur im Auge zu behalten, was im Treppenhaus vorging, oder ob nicht irgendjemand durch seinen Briefschlitz spionierte. Alle anderen Bewohner hielten ihre Türen meist bis abends sperrangelweit auf und nutzten den Hausflur auf den ständig knarrenden, ausgetretenen Treppenabsätzen als gemeinschaftlichen Treff, den Kopf mal in die eine, mal in die andere Wohnung steckend, untereinander und miteinander plappernd und tratschend.

Wenn es draußen dunkel war, und durch die dünnen Glasscheiben in den Holzrahmenfenstern vom Hof kaum noch Licht ins Treppenhaus fiel, drückte man auf den dicken roten Glasknopf in einem Gehäuse an der Wand, am dicken Kabel über dem Putz, in gleichem Farbton wie die Wände war auch dieses Kabel der Länge nach mit satter grüngelber Ölfarbe überpinselt worden.

Mit einem lauten Klick, das schon mehr einem ganz plötzlichen Krachen ähnelte, leuchtete dann in jeder Etage gleichzeitig wieder eine einzige Glühbirne an der Decke auf, schwach und müde, und im Parterre begann gleichzeitig unter der Decke in einem Kasten ein Stromzähler zu ticken. Wenn er nach einigen Minuten still war, ging das Licht wieder aus. Das Treppenhaus lag mit einem Schlag komplett im Dunkeln.

Nur das Glimmen einer kleinen Lampe, ein flackernder, kleiner roter Fleck in der Dunkelheit, blieb sichtbar, genau an der Stelle, wo sich der Lichtknopf befand. Einer der miteinander Plappernden, je nachdem, wer am Nächsten stand, drückte den Knopf wieder hinein, – so stand man mitunter über Stunden miteinander schwatzend im Gang. Das lange Stehen im Flur war recht anstrengend, doch wurde hingenommen, denn in den Hinterhäusern sorgten die Abgeschiedenheit zur Straße hin, und weil man sich über Jahre untereinander ständig auf kleinem Raum begegnete, dass man sich miteinander wohlfühlte. Der griesgrämige Rentner Friedrich Maus wurde übersehen.

 

   Später                                                  *

 

Paula rubbelte ein dickes Wäschebündel angestrengt in einem schäumenden, nach billiger Kernseife riechenden Wasserberg in einer mächtigen Zinkwanne herum. Eine Glühbirne an der Decke bemühte sich nach Kräften, die mit Dampfschwaden vernebelte Wohnküche zu erhellen, war aber so schwach, dass man sie nur als glimmendes Etwas im feuchten Dunst der Küche erahnen konnte. Vor der wuchtigen Kochmaschine, auf deren sonst blanken eisernen Kanten nun ein dicker Wasserfilm troff, strapazierte Paula rhythmisch ihren gebeugten Rücken, ohne Inge hinter sich zu bemerken. Die Wohnung hatte keinen Flur, und wer durch die doppelte Eingangstür, eine äußere und eine innere Holztür, kam, stand direkt in der Küche.

Schließlich reckte sich Paula stöhnend hoch, um die durchgewalkte Wäsche zum Spülen abzulegen. Als sie sich umdrehte, blieb sie mit der Nase beinahe an einem mit Fliegen übersäten, herabhängenden Fliegenfänger kleben – und sah geradewegs in Inges verweintes Gesicht.

„Ingschen, mein Jott, bist du´s??“

(Und so geht es weiter: Inge wurde vom Chef sexuell belästigt. Wilhelm fährt nach Bayern und nimmt sich den Mann vor. Ilse macht die Lehre zu Ende – immerhin entstammt sie einer problematischen Mischehe, woran Wilhelm denken muss).

*

Mutti hatte mir ihre Geschichte bis zu diesem Punkt wiederholt, und immer sehr belustigt, recht genau erzählt. Was dann kam, als sie mit dem wütenden Vater Wilhelm zusammen in Bayern aus dem Zug stieg, und sich ausmalte, was ihrem sogenannten Lehrherren bevorstand, der sich an sie herangemacht hatte, war für ihren Humor bezeichnend. Sie konnte sich jedes Mal, wenn sie weitererzählen wollte, vor Lachen nicht mehr halten. So bekam ich nie richtig alles mit, was weiter passierte, doch der Mann zog seinen Schwanz so tief ein (im Sinne des Wortes) dass Mutti für den Rest der Lehrzeit bei ihm nur noch seine besten Seiten kennen lernte. dafür hatte ihr Vater, der frühere Feldwebel, gesorgt.

*

Das Paar in Berlin

Unter dem strengen Blick der Mutter und Schwiegermutter verliefen die ersten Wochen der Ehe von Inge und Heinrich im völlig ausgebombten alten Berliner Scheunenviertel noch einigermaßen harmonisch – bis das Paar eine eigene Wohnung in der benachbarten Gipsstraße bezog. Sohn Thomas wurde kurz darauf geboren.

Kurz darauf war es ausschließlich Inge, die für den Haushalt und das kleine pausbäckige Bürschchen sorgte, da „Enrico“ – unter diesem Namen, den Heinrich sich selbst bald zulegte,  ging Heinrich in die Geschichte des Kiezes um die Gipsstraße und die Joachimstraße ein – meistens saß er bis in die späte Nacht in der Eckkneipe, machte Skatschulden und nebenbei hackte er auf dem alten Klavier an einer eigenen unendlichen Komposition herum. An diesem Kneipenmachwerk, „Beethovens Tod“ genannt, arbeitete er schwer, zum Gaudi des Publikums. Bald war er anerkannter Alleinunterhalter. Sein Gehabe, die Witze und zynischen Lebensweisheiten, die er zum Besten gab, strotzten von makaberem Einfallsreichtum und trieften vor Eitelkeit. Er benutzte seine Intelligenz, um den biederen Kneipenfreunden – meist einfache, schlichte Gemüter und dazu recht ungebildete Arbeiter – seine Überlegenheit zu zeigen.

Inge arbeitete anfangs noch in einem Pressebüro. Sie wurde Chefsekretärin, begabt, wie sie war, trotz ihrer Jugend. Ihr umtriebiger Ehemann machte sich just in dieser Zeit auf den zweiten Bildungsweg und hatte für Heim und Söhnchen Thomas gänzlich keine Zeit mehr. Um ihm das angestrebte Notabitur, in der Nachkriegszeit ein begehrter Ersatz für die Hochschulreife, zu ermöglichen, arbeitete Inge länger als üblich, und Paula kümmerte sich derweil um den kleinen Thomas.

*

Von Frauen wurde Heinrich inzwischen im Kietz „Der schöne Enrico“ genannt. Er nahm seine Bildungsmaßnahme sehr wichtig. In der Freizeit, nach Schule und Kneipe, lag er meist auf der Couch und aß so gut wie alles, was Inge und Schwiegermutter Paula mühselig an Lebensmitteln besorgten, allein auf. Nach dem Essen war es ihm inzwischen zur Gewohnheit geworden, sich in die gemütliche Couch zurückzulehnen und mit einer kleinen Nagelfeile der Pflege seiner feingliedrigen, immer sauberen Finger zu widmen, leicht vom Tisch abgewendet, um die Form zu wahren. Zwischendurch blies und pustete er immer wieder den entstandenen feinen Staub seiner Fingernägel in die Luft, rieb sie einige Male am Revers des billigen aber tadellos sitzenden Jacketts und hielt zum Schluss der Prozedur die nach oben abgewinkelten Hände, mit den Handflächen nach außen, weit vor sich hin gestreckt. Nach wohlgefälliger Betrachtung sank er mit geschlossenen Augen in die Kissen zurück – als Signal für sein über ihn gekommenes Bedürfnis nach Ruhe und verdientem Nickerchen. Während der allgemeinen Gespräche, die sich notgedrungen meist um die Frage der Versorgung mit dem Notwendigsten drehten, in den Zeiten seines häuslichen Wachseins – gab er immer wieder eines zu verstehen: Eine Beteiligung an den allwöchentlichen Hamsterfahrten zu den Bauern ins Umland kam für ihn nicht infrage. Viele Berliner, die dabei ihre letzte Habe gegen Lebensmittel tauschten und oft an übermäßig habgierige Bauern gerieten, kamen aber nur dadurch über die Runden. Heinrich lehnte diese und andere allgegenwärtige Tauschgeschäfte stets brüsk als kriminelle Delikte ab.

Diese Hamsterfahrten und ebenso der in ganz Berlin inzwischen, als Folge der allgemeinen Notlage, entstandene, sogenannte Schwarzmarkt, bei dem Alle mit Allem und Jedem handelten, waren zwar offiziell verboten, doch sehr oft drückte die Polizei beide Augen zu.

„Enrico“ aber machte aus einer Mücke einen Elefanten. Nun Kommunist und angehender Kriminalpolizist – für diesen Posten hatte er sich inzwischen erfolgreich beworben – distanzierte er sich bei jeder passenden Gelegenheit kategorisch, mit demagogisch belehrend verzogenem Gesichtsausdruck, vom kapitalistisch gesteuerten Ganoventum, wie er es ausdrückte. Die von der sowjetischen Besatzungsmacht ein Jahr zuvor – im Juni 1948 – über den „von den amerikanischen Imperialisten gesteuerten“ Westteil Berlins verhängte Blockade aller umgebenden Zufahrtsstraßen dorthin, begrüßte er sehr.

 

Die Zeit verging, die Blockade der Sowjets brachte nicht den gewünschten Erfolg, die Hoffnung, dass die Westmächte, Amerikaner, Engländer und Franzosen die von ihnen besetzten Berliner Sektoren aufgaben und Berlin ganz verließen, hatte sich zerschlagen. Die Westberliner gingen, entgegen aller Erwartung der Sowjets und der Machthaber im Ostteil, so gut wie nicht hamstern und einkaufen im Osten, sondern schränkten sich weitgehend ein. Sie verließen sich ganz auf die solidarische Hilfe der Westalliierten bei der groß aufgezogenen Luftbrücke. Flugzeuge versorgten über die unantastbaren, vorhandenen Luftkorridore rund um die Uhr die Westberliner, bis die Sowjets die Wirkungslosigkeit ihrer Blockade begriffen und aufgaben – das geschah im ersten Halbjahr 1949.

Etwas anderes geschah auch, so nebenbei, in dieser geschichtsträchtigen Zeit, noch kurz vor dem Ende der Blockade: Meine Geburt, am 16. April im Jahr 1949.

Fortsetzung folgt

 

in aqua veritas – ihr Verdammten

 Gedicht

Zerlumpt sind sie nicht,

eher grotesk,

mit Ketten an ihren Brillen.

Mit scharfer Zunge;

ohne Engagement,

Am Rande ihrer sozialen Brüder.

Weinselig, originell in ihren

lächerlichen Posen.

Vergessene, in einer allzu

realistischen Welt

mit marktwirtschaftlichem Vokabular

und middlife crisis im

krisenfesten Job,

in Zeiten ohne Zukunft;

verkaufter Intelligenz.

Mit Dichtern als Popanz

einer züchtigen Welt, Schreibern,

arm an Courage und

weich wie Quallen in

abfallverseuchter Brandung.

Mit Redakteuren im Zeitungssumpf

marktschreierischen Angebots

  • stehen sie allein,
  • wissen nicht, wer den Wahnsinn
  • verschuldet!

und: in aqua veritas

  • sie suchen die Wahrheit im Wasser…

in alkoholvernebelten Hirnen

schwimmt ihre Moral gesünder

an der Oberfläche

als die Fettaugen der verarschten

Gesellschaft,

im reinen Wasser der wenigen

noch natürlichen Quellen

dieses Planeten.

 

 

 

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