Literarische Fragmente und Manuskriptversuche, was mich bewegt

 

Nachruf und Hommage eines inzwischen älteren Herrn an seine Freunde (Bearbeitete Fassung und mehr finden Sie auch auf unserer Manuskriptseite)

Statt eines Vorworts für den Roman der Romane, seit 40 Jahren in der Entstehung

Sigi! Was ist es, das wie ein einziges Warten ist, und wie kann es sein, dass mehr als fünfzehn Jahre einfach so vergingen in Nichtstun, Nichtssein, einfach nur altern und hoffen, daß es endlich lebendig und so schön wird, wie in der Jugend, ganz früher – oder doch wenigstens so, wie es mit uns war, mit dir und Björn in Berlin, in der Großstadt, in Cafes und Kneipen, zusammen in deiner alten, vollgepfropften Wohnung mit den tausend alten Platten und den Bergen von Zeitungspapier. Wir beide, ein alter Plattenspieler, Benjamino Gilgi und dein dicker, alter schwarzer, blinder Kater, um den du dich so kümmertest, ihm immer was mitbrachtest, das er dir aus der Hand fraß, dankbar und treu, freudig. Dann saß er auf der Fensterbank und genoss die Sonne.

„Ihr seid wie Brüder,“ war Björns Meinung.

„Die Menschen haben keine Kultur mehr.“  Sigi, lange hast du aber an eine Kultur geglaubt, bis du nicht mehr weiter wußtest, bis alles zusammenbrach, bis die Menschen zum Albtraum für dich wurden. Das Tragische ist, daß wir uns alle zusammen viel zu spät kennengelernt haben. Björn, auch du kamst mir wie ein Bruder vor.

Sigi, du alter Westberliner, du sensibler, guter Mensch, kunstbegeistert, das Gegenteil von grob und hart. Hast deinen Polizei-Job in Berlin nach 18 Jahren hingeschmissen, weil du die Gemeinheiten und den Klüngel nicht mehr mitmachen wolltest – das habe ich in meiner Dummheit nie gewürdigt und geachtet. Für einen selbständigen Geschäftsmann warst du dann viel zu anständig und wurdest betrogen – Endstation Sozialamt. Habe dir nie gesagt, was für ein Kerl du warst, wußte es einfach nicht. Sigi, ein Gräuel waren dir die Matronen mit Faltenrock und Stegbundhosen, ich musste lachen, wenn ich dein Gesicht dann ansah. Der Typ auf der Straße, was sagte er zu dir? „Mein Fideo ist kaputt, mit Zurd Jürgens drauf.“ Du hast dich geschüttelt.

Björn, du fehlst mir, wie Sigi, du Kunstmaler, lang, hager, ein Paganini der Leinwand. Endstation Sozialamt.

Wollen Sie wissen, was mich am Leben hält? Ich sag´s Ihnen: Heißer, gut gefilterter (früher war mir das Filter nicht so wichtig), kräftiger und wirklich schmackhafter Kaffee, besonders morgens, am besten, wenn ich ausgeschlafen habe. Eine Prise Tabak, ein Pfeifchen und Muße, ohne Zeitung und Radio, Stille der Natur – Kuckuck und Tschilp! Frühstück mit Ei, alles von der Sonne vergoldet und bestrahlt. Menschen, die Niveau und Kultur haben, intelligent oder wenigstens lieb sind. Um mich herumschnurrende Katzen, ein mich abschmatzender Hund, eine geräumige, helle Wohnung, in die Sonnenstrahlen hineinblitzen.

Alles Andere ist dahin, nur die Hoffnung und die Sorgen um meine Tiere halten mich am Leben, da ich nicht einfach für Monate aus diesem Land heraus komme, da ich nicht meinen alten Traum vom einfachen Leben am Mittelmeer,  in Griechenland oder den Kanarischen Inseln wahr machen kann, meiner Tiere wegen, die mich brauchen. Ein Traum, der sicher ohnehin zerplatzen würde, mit meinen paar Talern und (inzwischen) den vielen Jahren auf dem Buckel. Also eben hier wieder von vorn anfangen, auf der Suche nach Ruhe, Natur und „der einsamen Mühle am rauschenden Bach“, außerhalb der Menschenplage. Verdammt, ich habe in meinen besten jungen Jahren dieses Land nicht verlassen, habe den Anschluss verpasst.

Momentan nur Klassikmusik und Johnny Cash, Slim Whitman, Jim Reeves etc. pp., Viel zu wenig: Schreiben und Romane und Kurzgeschichten lesen, Sachbücher und Wissenschaft schmökern, Abenteuer und Forschung, und Literatur, die man so bezeichnen kann, von sympatischen und klugen Köpfen geschrieben, Klassiker wie Dostojewski, Poe, London, Conan Doyle, Defoe etc. pp. und Neuklassiker wie Charles Bukowski und seine Generation von Literaten in Amerika …, Steinbek, …, Deutsche, die jeder kluge lesende Kopf kennt,  inzwischen gehört auch Jörg Fauser dazu, der deutsche Bukowski (jedenfalls bis heute). Ich brauche absolute Ruhe, nur unterbrochen von Naturlauten und Vogelzwitschern, Klopfen des Spechts und Wasserplätschern, Gespräche und Dialoge, Unterhaltungen mit einem Menschen von feinem Wesen und Güte – und doch: Ich träume ständig von der Großstadt, vom Berlin meiner Kindheit und Jugend, von sich durch die Straßen drängenden Menschenmassen, freilich – diese Stadt gibt es nicht mehr, schon lange nicht die verklärten, romantischen Ecken aus meinem immer gleichen Traum. Björn und Sigi, wir und unsere Erinnerungen und unsere Hoffnungen …

Ich bin Städter, ich kann in miserablen kleinen Kaffs nicht leben, nein, ich habe es begriffen, ich träume es aus! Ihr beide versteht mich, ihr seid genau so wie ich.

In meinem Leben, zu meinem Frühstück, in meiner Wohnung, neben mir, haben jetzt nach vielen traurigen Erfahrungen und hoffentlich endlich eingesetzter Erkenntnis und Weisheit mit fast siebzig nur noch Menschen etwas zu suchen, die in die Bühne meines Lebens hineinpassen – und das sind die wenigsten, die meisten erzeugen nur widerliche Geräusche, laute oder kreischende Stimmen, sägen, bohren, schleifen, Laub wegblasend, Krachen, Heulen, üblen Motorenlärm, Knattern und Donnern. Das sind die Dinge, die mir das Leben zum Kotzen machen. Sie wuseln, putzen und fummeln in ihren Gärten herum, fegen, schaben, spritzen Unkrautgifte auf gesunde Pflanzen, wienern ihre Stuben und Häuser, bis sie sich darin spiegeln können und vor Sterilität nicht einmal auf ihren Klos mehr atmen, und vorn rasen die Autos und Motorräder stinkend, brüllend und stupid singend vorbei, dumpf bullern Bässe aus klumpigen Karossen, bis Häuser und Bäume erzittern und Ohren ertauben. Sie leben alle mit der „Dorfstraße“, die inzwischen zur rasanten Landstraße mutiert ist. Ihre Kinder spielen am sandigen Straßenrand, nur Zentimeter entfernt rauschen und donnern die Blechlawinen und Traktoren an ihnen vorbei. Stacheldraht windet sich an Ecken und an der Straße wie zu Kriegszeiten, die Bauern sperren ihre Ware Rinder dahinter ein, und die Lämmer nebenan sind ahnungslos – auch ihre brutale Schlachtung ist so normal wie der Einkauf speckbäuchiger Leute von Fleisch im Supermarkt, das in die wartenden Autos draußen hineingepfercht wird. Zum Herunterschlingen in die überfüllten Mägen, liegend zwischen Bergen von gierig bereits eingerafften Konsumartikeln. Ich hasse diese Schlachter, Quäler, Katzentöter und Hundefeinde, diesen menschlichen Irrtum, Ergebnis von Primitivität, Raffgier und Generationen der Vereinigung gleich dummer Wesen, unablässig noch dümmer und kränker und agressiver werdend.

Als Großstädter fehlt mir nach Jahren, ja, fast nach einem halben Leben vergeblicher Versuche, Ruhe und das natürliche Leben in den norddeutschen Dörfern zu finden – das Gegenteil war meist der Fall, ich ziehe seit Jahren wie Beethoven von einem Nest in das andere – also mir fehlen die murmelnden Stimmen mich umgebender Tische in einem gemütlichen Kaffehaus. Ein kleiner Stammtisch, feines Kaffeegeschirr, der Bohnenkaffeeduft im Raum. Ich sehne mich nach echter, kultureller Stille, wie in einer Longe im feinen Hotel, am Kamin, im Ohrensessel. Mir fehlen Ruhe – und Oasen wie Bibliotheken nahe bei den alten Mauern der Universität, nahe bei den alten, sonnenbeschienenen eisernen Geländern am Fluss, die Blicke über Dächer, zwischen den Dachziegeln aufragende Schornsteine aus Blechrohren oder groß und dick, rötlich, im Abendlicht wie eine kleine hohe Mauer, auf deren Ecken der Schatten des Nachbarhauses fällt. Die Vorstellung, hier doch noch in einem ruhig gelegenen, sonnigen Gärtchen wie im Paradies, inmitten von Sträuchern und blühenden, duftenden Pflanzen an einem Marmortischchen Kaffee zu trinken, umgeben von meinen Haustieren und glücklich zu sein, habe ich längst aufgegeben.

Raus auf eine Wiese, in einen Wald,  an ein Flüsschen, ohne griesgrämige Vermieter und Nachbarn, denen meine Lebensweise nicht paßt. Die es lieber sehen würden, wenn ich, wie sie, schnippend, harkend, fegend und grabend, schleifend, sägend, bohrend und anderswie lärmend, Ordnungshüter in meinem Garten spiele, mit schnurgeraden Beeten und Blumen und Hecken, auf Kante geschnitten, ohne ein Gramm „Unkraut“, alles chemisch geclient und vergiftet, angelegt nach allgemeiner, ungeschriebener doch selbstverständlicher deutscher Gartenbauvorschrift.

Worauf warten? Albern im Alter – der Zerfall, die verschwundene Jugend, das Wissen vom baldig bevorstehenden Ende drängen sich pausenlos in meine Gedanken, nur die Träume in der Nacht sind voller Leben und Erlebnisse, unglaubwürdig, abstrakt aber unglaublich angenehm.

Das Aufwachen bringt außer Leere, Sorgen, Trauer um meine gestorbenen Tiere, dennoch Liebe und Frieden beim Anblick und der Kuschelei der noch lebenden.

Ich verabscheue dünnen, wie Spülwasser schmeckenden Kaffee, Geiz, dumme Brutalität, stupiden Lärm, Geschrei und Massenansammlungen geistloser, ausdünstender, agressiver Menschen – Frauen und Männer. Das begann in meiner Knastzeit im Osten: irres Brüllen dummer Kerle, schepperndes Gitterkrachen, Geruch nach Schmierseife, ATA und P3, rosa Zahnpastastein, nach billigem Reinigungszeug, gammligen Kohl.

Im Osten, in Ostberlin, kannte man Jahrzehnte nach dem Weltkrieg noch Zuckerstullen, beschmiert mit fader Margarine und Mehlplinsen – das waren eingebildete Eierkuchen aus Wasser und Mehl, mit Margarine fest gebraten und in einem Haufen auf den Teller gelegt – etwas zum Sattwerden. Der Höhepunkt wäre ein Ei gewesen, Mangelware, wie Butter, Kaffee und Tabak. Schokolade schmeckte nur aus dem Westen, Ostkaugummis zerfielen im Mund direkt zu Brei. Aber es gab auch schmackhaftes Brot, Knüppel, Schrippen, sogar tolle Currywürste, kaum jemand im Osten war so geizig wie im Westen heute üblich.

Ja, einmal war ich auch kurz ein Geldsack, in Berlin, in der Zeit nach dem Mauerfall, etwa drei Jahre lang. Ihr beide habt mich noch so kennengelernt.

Die Totalschäden an meinem Porsche 928 und dem Zwölfzylinder – Jaguar fielen zeitgleich etwa mit dem Platzen meiner und anderer Spekulationsblasen zusammen, und das Ende war auch bei mir die Riesenpleite, das Sozialamt und die 36-qm-Wohnung im Plattenblock aus den Fünfzigern (heute ein Spekulationsobjekt in bester Lage), mit quakigen Rentnern, jungen Säufern, aggressiven Psychopaten und dummen Schlägern, mitten im bürgerlich-beschaulichen Berlin – Lichterfelde-West.

Fehler, wie ich sie machte, dürfen einem Kaufmann eben nicht passieren. Erst eine Herrenhausruine in Mecklenburg kaufen, für die ich eigentlich noch Geld hätte dazubekommen müssen, und ein Spekulationsgrundstück nach dem anderen, mein Geld verschleudern. Alles auf eine Karte setzen im zusammenbrechenden Immobilienmarkt.

Dann Sozialamt und Insolvenz.

Ich gleiche mich dir mehr und mehr in vielen Dingen an, Sigi, wenn ich auch nicht annähernd deine feine Sensibilität und deine kulturellen Eigenschaften habe.

Björn, du würdest noch öfter als früher mit mir zusammen losziehen, wir würden über Italien, die Mittelmeerinseln, die Magie und die Kunst des Malens, die Farben und die Technik, über Spiel und Abenteuer reden, und unseren Kaffee in der Sonne auf der Bank vor dem Kleister schlürfen, oder im Schwarzen Cafe uns die Nächte um die Ohren hauen.

Ja, da saßen sie, die Homunkel, wie du sie nanntest, dumm, unentwegt plappernd, babbabbabbabbab … – und da drüben, das war die Appaclass, so nanntest du die, die abgehoben waren. Wie recht du hattest! Weißt du noch, damals – du liefst mit mir durch die alten Gemäuer der Kunstuni in der Hardenbergstraße, zeigtest mir die verstaubten Winkel, den Raum deines Profs.

Und weißt du noch, das Cafe´gegenüber, das „Hardenberg“ – wie oft saßen wir da inmitten der Studenten und unter der „Appaclass“ und genossen die Erbsensuppe, das Bier und den Kaffee, verdammt lange her. All´das fehlt mir, ihr fehlt mir, alte Garde.

Das letzte Mal, als ich dich sah, Björn, alter Paganini-Monet, gab ich dir vor deiner Haustür noch eine alte Kladde von mir mit: Dostojewskis „Der Spieler“. Wir waren alle Spieler.

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