Literatur, Prosa, Sachliches und Kritik bei Thomas A. Kristott

Literatur, Schreiben, Schriftsteller, Kultur und Zivilcourage

Archiv für November, 2008

Meinungsfreiheit und Peinlichkeiten

Neu:
Aktuell zum Thema kommt jetzt Elke Heidenreich in die Schlagzeilen, nach dem Maulkorb für die couragierte Eva Herman, die zuerst vom NDR gefeuert wurde, und am 09.10.07 – als vorläufiger Höhepunkt in der Angelegenheit ihrer angeblichen NS-Sympathie, wegen ihrer Äußerungen zum Thema Frau und Mutter in unserer derzeitigen Gesellschaft von J.B. Kerner – wie wir meinen aus Eigeninteresse und mit Rücksicht auf die unangemessen und kleinkarierten verbalen und mimischen Reaktionen der als Gäste noch anwesenden deutschen Vorzeigeschauspielerin S. Berger und der albern-dümmlichen und skurrilen M. Schreinemakers – zum Gehen aufgefordert wurde.

Wir wünschen uns hierzu auch an dieser Stelle Meinungen und Standpunkte. Natürlich verhehlen wir nicht unseren eigenen Standpunkt: Meinungsfreiheit ist für uns oberstes Prinzip. Von Eva Herman wurde niemand in seinen Rechten oder seiner Persönlichkeit diffamiert. Unglückliche Wortwahl und Unverständnis des Inhalts einiger Sätze, aus welchen Gründen auch immer, sind auch keine anzunehmende Beleidigung der Opfer des NS-Regimes. Das umstrittene Zitat ist eine mündliche Äußerung; dem Inhalt von in solchen Zitaten oft zusammenhanglosen Worten heißt es Spielraum einräumen, insbesondere, wenn in diesem Fall der inhaltliche Tenor im Ganzen ganz klar besagt, dass E. Herman das NS-Regime verabscheut.
Hermans Worte noch mal richtig zu formulieren, wenn sie nicht klar sind, hätte jeder unvoreingenommene Hörer und Mitschreiber angestrebt. Aber Meinungsfreiheit war und ist im Endeffekt den politischen Machern und ihren allgegenwärtigen Mitläufern ein Gräuel. Sie, ihre Zünfte und ihre Parteien haben immer Recht. Kennen wir auch aus DDR-Zeiten. Dies hat einmal mehr jetzt Frau Herman zu spüren bekommen, denn Kerner dreht nun den Spieß um und fragt sie, ob sie glaubt, nur sie allein und nicht auch die Anderen hätten Recht.
Kerner bringt sich mit solchen Äußerungen weit ins Moderatoren-Abseits, dahin, wo man ihm vielleicht noch etwas zutrauen könnte: KKK oder Kochen, Küche, Kerner.

Zurück zu Elke Heidenreich. Freund und Mentor M. Reich-Ranicki, der offensichtlich ein Opfer seiner eigenen Naivität bei der inzwischen berüchtigten Preisverleihung mit Thomas Gottschalk war, lehnte bekanntlich den ihm zugedachten Lebens-Preis, am vorgezogenen Ende der albern – labernden Show, entrüstet ab. An eine sich in die Länge ziehende, seichte und dümmliche Unterhaltung, wie man es inzwischen beim Fernsehen – auch im öffentlich-rechtlichen – immer öfter erlebt, hatte er angesichts der Erwartung, dass man ihn persönlich an diesem Tag in Köln für sein Lebenswerk krönen wollte, natürlich nicht im Traum gedacht. Auch Ranicki lebt inzwischen nicht mehr in der Realität. Das muss er mit fast neunzig Jahren auch nicht mehr – insbesondere nicht in einer Welt, in der durch Rücksichtslosigkeit, Stupidität und Lebensuntüchtigkeit einiger Weniger und Heeren von Mitläufern den Menschen ihre Lebensgrundlagen in zunehmendem, atemberaubenden Tempo massiv zerstört werden.

Auch die Autorin, Moderatorin und sich freidenkend verstehende Elke Heidenreich empfand die flache und alberne Spruch-Abspulung auf der Bühne der als deutsche Kulturszene dargebotenen Kölner Spaßveranstaltung als Beleidigung ihres Verstandes. Man glaubt ihr sicher, dass sie sich vor allem dafür schämte, was Ranicki da angetan wurde. Vielleicht schämte sie sich auch für ihren Noch-Sender, und dafür, diesem noch anzugehören.

Ihre etwas ungeschliffene, sehr spontane Reaktion ist menschlich unbedingt nachzuvollziehen, doch sie hätte diese Konsequenz längst – bedeutend sachlicher und brillanter formuliert – schon vor diesem blamablen Tag ziehen müssen.
Man nimmt ihr die engagierte Rolle der geistigen Vorkämpferin, die für Bildung, gegen die Dummheit, literarisch und anderswie kämpft, nicht mehr ab; eher offenbart sie bei all ihrem Engagement für Intellektualität zunehmend Ermüdung, Resignation, gekränkte Eitelkeit und gefährlich wenig Gelassenheit. Erste Anzeichen auf einen Rückzug in kleinkariertes Spießertum?

Da ist ein gewaltiger Unterschied zu Ranicki. Mangelndes Hintergrundwissen und maßlose Selbstüberschätzung haben schon immer zu einem unangenehmen Beigeschmack bei der Kost beigetragen, die von Leuten kommt, denen es erheblich an Tiefenschärfe fehlt. Reich-Ranicki dagegen zeigt diese Schärfe bis in sein hohes Alter hinein – er ist noch längst nicht jenseits von Gut und Böse, währenddessen offenbar die von den öffentlich rechtlichen Sendern über Jahre aufgebaute Literaturikone Heidenreich ihren Humor und – vor allem – ihre Vision zu verlieren im Begriff steht und hinter dem großen Vorbild Reich-Raniki mehr und mehr zu verblassen droht.

Dieser Artikel gibt nicht unbedingt die Meinung anderer Leute wieder sondern unsere eigene.

Die Redaktion

In Planung ist die neue Verlagsplattform kristott.de, dort veröffentlichen wir kostenlos, herunterladbar und als Ebook politische, kulturelle und andere, nicht diffamierende aber durchaus querdenkende Beiträge von Autoren.

Besuchen Sie zu unseren Beiträgen und Veröffentlichungen auch unser Freies Journal.