Interessante Manuskripte: Romane, Kurzgeschichten, Gedichte

In der Redaktion

Vorab wichtige Bemerkungen, Hinweise zu dieser Seite:

Literaturagenturen, Lektorate, Verlage (Begutachtung, Bearbeitung, Vermittlung, Veröffentlichung), worauf Autoren achten sollten

Aus: Mein Lektorat und Literaturagentur 

Warum nicht einfach gleich fertige Texte an Verlage oder unvorbereitet an Literaturagenturen schicken (am besten gleich an mehrere)?
Nun, dazu würden wir nicht raten, denn es gibt beim Versuch der erfolgreichen Veröffentlichung eines Werkes äußerst gefährliche bis tödliche Klippen:

Wer sich als Autor mit seinem Manuskript unbedarft und vorschnell gleich ohne Weiteres an einen Verlag oder an eine Literaturagentur wendet und auf Veröffentlichung und Bucherfolg hofft, wird in den allermeisten Fällen sehr enttäuscht werden.
Obwohl die Arbeit möglicherweise viel zu bieten hat und vielleicht nur noch gezielt letzte Schliffe und Änderungen benötigt, landet sie nur zu oft im Lektoren-Papierkorb der Adressaten oder wird fast kommentarlos zurückgeschickt. Chancen sind vertan, und ständig weiteres Herumreichen des Manuskripts führt lediglich zum völligen „Verbrennen“ und „Verreißen“ der manchmal jahrelang erarbeiteten eigenen Werke – mit das Schlimmste, was dem Autor passieren kann -, so wie es einem Immobilienverkäufer ergeht, der seine Immobilie wie Sauerbier herumreicht aber so gut wie nie zum Erfolg kommt. Denn ist das Objekt erst mal verrissen, ist es auch „gestorben“, selbst wenn es eigentlich gut ist.

Eine weitere Endstation für ein sonst gutes Werk sind die Fänge von sogenannten Zuschussverlagen. Da diese „Verlage“ niemals vorhaben, ihr Geld für eine tatsächliche Veröffentlichung einzusetzen sondern sich lediglich unmittelbar am oft ohnehin schmalen Geldbeutel des Autors bereichern wollen, kann man hier nicht von einem Verlag sprechen – allenfalls von Betrügern und dubiosen Dienstleistern für billig geschusterte und teuer (oft im Paketpreis für mehrere Tausend Euro) dem Autor selbst verkaufte, meist digital hergestellte, Druckausgaben seines Manuskripts. Von Anfang an wird der Autor hier mit fadenscheinigen, verlogenen Begründungen und Versprechungen vertraglich zu unseriösen und überflüssigen Zahlungen überrumpelnd verpflichtet.

Es gibt allerdings auch einige bekannte und weniger bekannte Institutionen, die hier nicht unbedingt als reine Zuschussverlage im oben beschriebenen Sinn bezeichnet werden sollen, welche Autoren aber unter scheinbar sehr günstigen Bedingungen ködern, indem sie ebenfalls anbieten, Buchausgaben ihrer Werke digital, also on demand prints, herzustellen und zu veröffentlichen – für wenig oder gänzlich ohne weitere besondere Vorkosten.
Dafür wird eine ISBN-Nummer zugeteilt und die üblichen Rahmenbedingungen wie Pflichtexemplare und Aufnahme in das Verzeichnis lieferbarer Bücher erledigt etc., und das Buch kann über dieses Netzwerk und direkt überall im Handel bestellt werden.

Leider hat die Sache aber mehrere Haken.
Einerseits werden als Herausgeber und Verleger genau diese Netzwerke genannt, die in der Regel auf dem Literaturmarkt nicht als wirklich echte Verlage angesehen werden.
Andererseits binden sich die Autoren für eine gewisse oder nicht selten auch undefinierbare Zeit mit erheblichen Anteilen ihrer Rechte und erhalten über diese Netzwerke erst dann Honorare, wenn verkauft wurde und Vertriebs- u. Herstellungskosten komplett abgezogen wurden. Die eigene notwendige, richtige Übersicht fehlt dabei letztlich oft. Den Autoren werden „Honorare“ gezahlt, die mit bis zu 50 % angegeben werden – aber nach Abzug aller angeblich und tatsächlichen Kosten und Anteile dieser „Herausgeber“ und unter dem Strich verbleibt auch nur maximal der übliche Autorenanteil, der bei um die 10 % vom Verkaufspreis liegt. Mitunter werden sehr undurchsichtige Kosten angeführt. Honorarvorschüsse, wie bei richtigen Verlagen gang und gäbe, sind natürlich kein Thema.
Den verständlichen Wunsch, ein Buch zu veröffentlichen, und das möglichst ohne wesentliche eigene Investitionen, glauben sich manche Autoren damit zu erfüllen, dass ihr Buch als Druckausgabe vorliegt und über den Handel und im Internet bestellt werden kann, – und genau das machen sich geschäftstüchtige Firmen zunutze, indem sie ihre vielversprechenden Angebote – alles aber nur gewitzte Modelle für Verkauf und Dienstleistungen – entwickeln. Mit Literatur und deren professionelle Veröffentlichung hat das meist nicht viel zu tun.
Den Löwenanteil daraus (und noch mehr aus etlichen Dienstleistungs-Nebenangeboten) verdienen diese Netzwerke und deren Partner. Für sie rechnet sich jedes einzelne Buchexemplar und jede einzelne „Dienstleistung“, jedes einzelne abgeschwatzte und umgemünzte Aurorenrecht – wie etwa nicht mehr zu kontrollierende Lizenzen ins Ausland -, und je mehr verschiedene Autoren sich beteiligen umso größer ist die gesamte, den dienstleistenden „Verlegern“ gewinnbringende „Auflage“ – während die tatsächliche eines einzigen Titels – und damit die Einnahme des Autors – sich fast immer in sehr bescheidenen Grenzen hält.
Werbung gibt es weder für Buch noch Autor.

Bestimmte „Literaturagenturen“ haben da noch eine andere Masche auf Lager. Sie lassen sich die erste „fachmännische“ Beurteilung eines Autorenmanuskripts im Umfang von gerade mal 3 bis 6 Seiten teuer bezahlen, meist nicht unter mehreren Hundert Euros, statt hier kostenlos in Vorleistung zu gehen oder, wenn die Unterstützung sich zunächst auf Korrektorat und Bearbeitung bezieht, das Komplettwerk für eine angemessene Honorarleistung gemeinsam mit dem Autor zu bearbeiten. Sie sagen sich, wenn schon kein Agenturvertrag zustande kommt oder finanziell Sinn macht, dann wenigstens mühelos, ohne Aufwand, ohne wirklichen fachlichen Hintergrund, am Autor verdienen.

Bedeutende und seriöse Agenturen und Verlage arbeiten nicht mit solchen faulen Tricks und schwatzen ahnungslosen Autoren derlei nicht auf. Allerdings fassen sie auch ein bereits herumkursierendes Werk, welches dazu bereits durch die Finger der einschlägigen Geschäftemacher gegangen ist – wenn überhaupt – nur mit sehr spitzen Fingern an.

Was bleibt, ist eine Buchleiche und die Illusion des Autors, ein Buch veröffentlicht zu haben. Wer als angehender Schriftsteller diesen Weg geht, dem kann nur geraten werden, ein Pseudonym zu verwenden. Probieren, was geht, mit dem einen oder anderen Titel, unter Pseudonym – um ohne nennenswerte Investitionen Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, vielleicht auch etwas zu verdienen – warum auch nicht. Doch eine wirklich hoffnungsvoll gute Arbeit, die verdächtig ist, durchaus gute Auflagen zu erzielen, hat in einer solchen Vermarktungskonstruktion nichts verloren.

Wenn letztlich alle Anstrengungen, einen richtigen und passenden Verlag zu finden, scheitern, kann ein Autor immer noch versuchen, das eigene Werk selbst zu veröffentlichen, im Selbstverlag – für das Geld, was er den entsprechenden Netzwerken und „Verlagen“ sonst dafür gezahlt hätte. Eine eigene ISBN-Nummer und der Weg in den Handel sind auch selber zu schaffen. Die Kalkulation kann optimiert werden, Verkaufserlöse kommen über den seriösen Handel sicher auf das eigene Konto, oder Bestellungen werden direkt beim Autor getätigt. Dieser könnte sich zweckmäßigerweise eine eigene Autorenhomepage zulegen, die nicht aufwendig zu sein braucht. Neben weiteren Initiativen bedeutet dies beste Werbung und effiziente Bestellmöglichkeit direkt bzw. über einen Link zum vernetzten Buchhandel, wofür das Buch neben der obligatorischen ISBN-Nummer natürlich beim Buchhandel gelistet sein muss.
Dafür nutzt man letztlich das Verzeichnis lieferbarer Bücher, in welchem der Titel eingetragen wird. All dies, was mit einer eigenen profimäßigen Veröffentlichung zusammenhängt, ist unkompliziert und von den Autoren, die sich auch als Selbstverleger versuchen, leicht zu erlernen. Vor dieser Variante einer Veröffentlichung sollten allerdings auf jeden Fall alle Möglichkeiten über eine Literaturagentur oder Verlag genutzt werden, wenn man nicht – wie oben beschrieben – das „Verbrennen“ seines Werkes riskieren will.

Abzuraten ist von allen einfachen „Veröffentlichungen“ ohne die richtige, rechtlich gesicherte und auch vertrauenswürdigere Herausgabe eines Buches, hinter dem der Autor wirklich mit seiner Person und einem guten Verlag steht. Also Finger weg von ungeschützten E-Book-Veröffentlichungen und selbst gebastelten Druck-Kladden.
E-Book-Exemplare – auch kopiergeschützt – sollten, wenn überhaupt, erst nach der echten Hauptveröffentlichung eines Drucks lediglich zu dessen Ergänzung angeboten werden, oder die Entscheidung dazu verbleibt beim Verlag. Insbesondere werden die E-Books dann der Werbung, somit dem Bekanntheitsgrad von Titel und Autorennamen dienen.
Beim alleinigen Vertrieb als E-Book muss mit Sicherheit von der Tatsache ausgegangen werden, dass kaum jemand so ein Werk ernst nimmt, wenn es nicht zumindest bereits als Rarität gehandelt wird.
Wenn ein Buch nicht irgendwann bei einem echten, möglichst bekannten Verlag erschienen ist, bestehen unüberwindliche Vorurteile, für die Masse der Leser bleibt das Werk unseriös, wie interessant es auch sein mag. Insbesondere, wenn der Autor nicht bekannt ist.

Man kann dies mit einem anderen, ähnlichen Phänomen vergleichen:
Wer eine sehr urige Kneipe betritt, geht meist dennoch gleich oder bald wieder heraus, wenn darin kein einziger weiterer Gast sitzt und auch niemand oder nur wenige Leute über eine längere Zeit hereinkommen.

Wird also ein Text, ein Buch oder ein E-Book irgendwo entdeckt und das darin Geschriebene interessiert, mag es zwar bestenfalls (meist weit unter Wert) vereinzelt gekauft werden, doch zumeist wird nur heraus kopiert, was möglich ist, und alles oder einzelne Seiten bzw. Abschnitte werden bedenkenlos herumgeschickt und weitergereicht, ja sogar in Mengen verkauft, auf Kosten des Autors.
War es zufällig ein gutes oder sogar brillantes Buch, ist es dennoch für alle Zeiten „verbrannt“ – kein vernünftiger Verlag oder eine seriöse Agentur werden sich ernstlich noch damit befassen.
Statt Erfolg und Einkommen bleiben dem Autor allein Frust und die aussichtslose Jagd auf Raubkopierer oder Plagiatoren. Für dieses Werk sind Autorenrechte und Copyright praktisch nicht zu schützen.

Hellhörig bei „Verlagen“ sollten Autoren bei allen Bemühungen um Veröffentlichung immer werden, wenn einerseits die Herstellung ihres Buches zwar kostenlos sein soll, andererseits eine Mindestabnahme der eigenen fertigen Bücher zum „Sonderpreis“ erfolgen soll. Darauf, wer hier erstmal gleich verdient oder zumindest keine Risiken und Kosten hat und wer in finanzielle Vorleistung gehen soll, braucht hier wohl nicht weiter eingegangen zu werden…

Alle Gründe sprechen also dafür, erst einmal auf dem altbekannten, herkömmlichen Weg allein oder über eine seriöse Agentur für sein Manuskript den richtigen Verlag zu suchen.

Anmerkung: Verlage, die diesen Namen verdienen oder entsprechende Literaturagenturen werden nie im Vorfeld für ihre Bemühungen oder bei Misserfolg Geld – insbesondere nicht für angeblich selbstverständliche Autorenzuschüsse – vom Autor verlangen.

Zu den ganz oben und am Anfang dieses Artikels beschriebenen Zuschuss „verlagen“ ist noch zu sagen:
Wenn es gelingt, dem gutgläubigen, unerfahrenen Autor vor dem Druck seines Manuskripts zusätzlich noch viel Geld für Nebenarbeiten wie „Lektorat“ etc. abzuluchsen, hat sich die Gaunerei dieser „Verlage“ sehr gelohnt. Im Notfall beschränkt man sich auch ganz auf solche Neben „leistungen“, bevor jemand letztlich vom Haken gelassen wird.
Unverzüglich werden weitere Opfer gesucht, die sich leider aus noch unerfahrenen Erstautoren immer wieder neu rekrutieren. Eigens dafür ausgesuchte und auf geschäftliche Grauzonen spezialisierte Rechtsanwälte treiben die ergaunerten Zahlungsverpflichtungen der betrogenen Autoren dann erbarmungslos ein.
Leider sind diese Praktiken, wie in vielen anderen Bereichen von Millionenbetrügereien, in unserem mitunter sehr fragwürdigen Rechtssystem normal und werden von der Justiz aus vielerlei Gründen geduldet.
Wobei es völlig normal und auch durchaus ratsam ist, Lektorate, Korrektorate und fachlich versierte Hilfe in Anspruch zu nehmen, unabhängig davon, ob Agenturen, Verlage oder freie Lektoren diese anbieten. Entscheidend ist die Verhältnismäßigkeit von Leistung und Honorierung.
Jeder sollte sich z. B. über diese Ganoven „verlage“ und jedwede teuren Dienstleister erst einmal informieren, bevor er sein Manuskript vorschnell verschickt.

Thomas A. Kristott

Wir veröffentlichen hier gute Manuskripte und Manuskriptproben (Auszüge) etc. von Kurzgeschichten, Romanen und Gedichten. Alle Manuskripte und Auszüge erscheinen derzeit nachstehend unsortiert, je nach Einstellung und Neubearbeitung, noch ohne sortiertes Titelverzeichnis. Für die eine oder andere Arbeit wird hier auch eine eigene Seite angelegt, unter dem gleichen oder einem anderen Titel.

Die jeweils ausgesuchten Arbeiten werden mit Einverständnis der Autoren hier vorgestellt. Diese sind uns bekannt. Die Manuskripte oder fertigen Arbeiten unterliegen dem jeweiligen Copyright* der Autoren und dürfen nur für den Eigenbedarf genutzt werden. Die Arbeiten werden von Zeit zu Zeit ergänzt oder weiter bearbeitet.

Verlage wenden sich bei Interesse bitte an uns.

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Leben und Schicksal einer Mutter, ein Sohn, Berlin wie es einmal war (Arbeitstitel)

Roman

Manuskriptprobe

Roman mit Nachruf, Hommage und Monologe eines inzwischen älteren Herrn an und für seine Freunde, zwischendurch einige Worte an die Leser.

Sigi! Was ist es, das wie ein einziges Warten ist, und wie kann es sein, dass nun so viele Jahre einfach vergingen in Nichtstun, Nichtssein, einfach nur altern und hoffen, dass es endlich lebendig und so schön wird, wie in der Jugend, ganz früher – oder doch wenigstens so, wie es mit uns war, mit dir und Björn in Berlin, in der Großstadt, in Cafés und Kneipen, zusammen in deiner alten, vollgepfropften Wohnung mit den tausend alten Platten und den Bergen von Zeitungspapier. Wir beide, ein alter Plattenspieler, Benjamino Gigli und dein dicker, alter schwarzer, blinder Kater, um den du dich so kümmertest, ihm immer was mitbrachtest, das er dir aus der Hand fraß, dankbar und treu, freudig und oft auf der Fensterbank saß und die Sonne genoss.

„Ihr seid wie Brüder“, war Björns Meinung.

„Die Menschen haben keine Kultur mehr.“  Sigi, lange hast du aber an eine Kultur geglaubt, bis du nicht mehr weiter wusstest, bis alles zusammenbrach, bis die Menschen zum Albtraum für dich wurden. Das Tragische ist, dass wir uns alle zusammen viel zu spät kennengelernt haben. Björn, auch du kamst mir wie ein Bruder vor.

Sigi, du alter Westberliner, du sensibler, guter Mensch, kunstbegeistert, das Gegenteil von grob und hart. Hast deinen Polizei-Job in Berlin nach 18 Jahren hingeschmissen, weil du die Gemeinheiten und den Klüngel nicht mehr mitmachen wolltest – das habe ich in meiner Dummheit nie gewürdigt und geachtet. Für einen selbstständigen Geschäftsmann warst du dann viel zu anständig und wurdest betrogen – Endstation Sozialamt. Habe dir nie gesagt, was für ein Kerl du warst, wusste es einfach nicht. Sigi, ein Gräuel waren dir die Matronen mit Faltenrock und Stegbundhosen, ich musste lachen, wenn ich dein Gesicht dann ansah. Der Typ auf der Straße, was sagte er zu dir? „Mein Fideo ist kaputt, mit Zurd Jürgens drauf.“ Du hast dich geschüttelt.

Björn, du fehlst mir, wie Sigi, du Kunstmaler, lang, hager, ein Paganini der Leinwand. Endstation Sozialamt.

Was mich noch am Leben erhalten hält: Heißer, gut gefilterter (früher war mir das Filtern nicht so wichtig), kräftiger und wirklich schmackhafter Kaffee, besonders morgens, am besten, wenn ich ausgeschlafen habe. Eine Prise Tabak, ein Pfeifchen und Muße, ohne Zeitung und Radio, Stille der Natur – Kuckuck und Tschilp! Frühstück mit Ei, alles von der Sonne vergoldet und bestrahlt. Menschen, die Niveau und Kultur haben, intelligent oder wenigstens lieb sind. Um mich herumschnurrende Katzen, ein mich abschmatzender Hund, eine geräumige, helle Wohnung, in die Sonnenstrahlen hineinblitzen.

Zwischendurch habe ich – kurz, nachdem ich die Sätze oben schrieb – mir diese lebenserhaltenden Dinge für unabsehbare Zeit eigenhändig zerstört. Der Mietvertrag, der mir, meinen Katzen und meiner jungen Hündin in Kürze ein Leben auf dem Land, nicht weit von der Ostsee, in einem alten Haus mit großem Garten und wenig Kosten, in absoluter Ruhe, garantierte, ist dahin. Alle Freude war erst mal dahin, nur die Hoffnung und die Sorgen um meine Tiere hielten mich am Leben, da ich nicht einfach wenigstens für Monate aus diesem Land heraus komme, da ich nicht meinen alten Traum vom einfachen Leben am Mittelmeer, in Griechenland oder den Kanarischen Inseln wahr machen kann, meiner Tiere wegen, die mich brauchen.

Also eben hier wieder von vorn anfangen, auf der erneuten Suche nach Ruhe, Natur und „der einsamen Mühle am rauschenden Bach“, außerhalb der Menschenplage.

Eine Zeit lang war nichts mit mir los, auch keine Klassikmusik, Country-Johnny Cash und Jim Reeves und Slim Whitman, kein Schreiben, Romane und Kurzgeschichten lesen, Sachbücher und Wissenschaft schmökern, Abenteuer und Forschung, und Literatur atmen, die man so bezeichnen kann, von sympathischen und klugen Köpfen geschrieben, Klassiker wie Dostojewski, Poe, London, Hemingway, Conan Doyle, Defoe etc. pp. und Neuklassiker wie Charles Bukowski und seine Generation von Literaten in Amerika …, Steinbek, …, Schriftsteller, die jeder kluge lesende Kopf kennt, inzwischen gehört auch Jörg Fauser dazu, der deutsche Bukowski (jedenfalls bis heute). Es fehlt mir absolute Ruhe, nur unterbrochen von Naturlauten und Vogelzwitschern, Klopfen des Spechts und Wasserplätschern, Gesprächen und Dialogen, Unterhaltungen mit Menschen von feinem Wesen und Güte.

In meinem Leben, zu meinem Frühstück, in meiner Wohnung, neben mir, haben jetzt, nach vielen traurigen Erfahrungen und etwas Erkenntnis und mehr Weisheit mit über 60 Jahren nur noch Menschen etwas zu suchen, die in die Bühne meines Lebens hineinpassen – und das sind die wenigsten, die meisten erzeugen nur widerliche Geräusche, ihre lauten oder kreischenden Stimmen sind mir zuwider. Sie sägen, bohren, schleifen, Laub wegblasend, da ist nur Krachen, Heulen, übler Motorenlärm, Knattern und Donnern.

Dinge, die mir das Leben zum Kotzen machen. Sie wuseln, putzen und fummeln in ihren Gärten herum, fegen, schaben, spritzen Unkrautgifte auf gesunde Pflanzen, wienern ihre Stuben und Häuser, bis sie sich darin spiegeln können und auf ihren Klosetts nur noch sterilen Kot und gefilterten Urin ablassen. Autos und Motorräder rasen stinkend, brüllend herum, dumpf bullern Bässe aus klumpigen Karossen, bis Häuser und Bäume erzittern und Ohren ertauben, hinterlassen blutige Tierkörper auf dem Asphalt. Die „Dorfstraße“ auf dem „Land“ ist inzwischen zur rasanten Landstraße mutiert. Kinder spielen am Straßenrand, nur Zentimeter entfernt rauschen und donnern die Blechlawinen und Traktoren an ihnen vorbei. Stacheldraht windet sich überall wie zu Kriegszeiten, die Bauern sperren ihre Ware Rinder dahinter ein, Lämmer und Zicklein werden gevierteilt, brutal geschlachtet, landen für Geld im Magen speckbäuchiger Leute.

Fleisch aus dem Supermarkt wird in die wartenden Autos draußen hineingepfercht. Wird bald in die schon überfüllten Mägen herunter geschlungen, Berge von gierig  zusammengerafften Konsumartikeln liegen im Gepäckraum.

Ich hasse diese Schlachter, Quäler, Katzentöter und Hundefeinde, diesen menschlichen Irrtum der Natur, Ergebnis von Primitivität, Raffgier und Generationen der Vereinigung gleich dummer Wesen, unablässig noch dümmer und kränker werdend.

Als Großstädter fehlt mir nach Jahren, ja, fast nach einem halben Leben voller vergeblicher Versuche, die Ruhe und das natürliche Leben in deutschen Dörfern zu finden. Ich ziehe seit Jahren wie Beethoven von einem Nest in das andere.

Mir fehlen die murmelnden Stimmen mich umgebender Tische in einem gemütlichen Kaffeehaus. Ein kleiner Stammtisch, feines Kaffeegeschirr, der Bohnenkaffeeduft im Raum. Ich sehne mich nach echter, kultureller Stille, wie in einer Longe im feinen Hotel, am Kamin, im Ohrensessel. Mir fehlen Ruhe – und Oasen wie Bibliotheken nahe bei alten Mauern einer Universität, nahe bei den alten, sonnenbeschienenen eisernen Geländern am Fluss, die Blicke über Dächer, zwischen den Dachziegeln alter Häuser aufragende Schornsteine aus Blechrohren oder steinern, groß und dick, rötlich, im Abendlicht glänzend.

Die Vorstellung, doch noch täglich irgendwo in einem ruhig gelegenen, sonnigen Gärtchen wie im Paradies, inmitten von Sträuchern und blühenden, duftenden Pflanzen an einem Marmortischchen Kaffee zu trinken, umgeben von meinen Haustieren und glücklich zu sein, hatte ich längst aufgegeben.

Doch dann diese Chance, die  unerwartete, der Mietvertrag, die „Finca“ auf dem Land,  Ungestörtheit, Ruhe, Freiheit, auch für meine Tiere.

Meine Zweifel, mein Misstrauen, meine inzwischen gestörte Psyche in einem eigentlich weise zu seiendem Alter ließen mich den Vertrag noch vor dem Umzug leichtfertig annullieren – zweimal. Einmal zu viel, aus! Also wieder neue griesgrämige Vermieter und Nachbarn, denen meine Lebensweise nicht passt. Die es lieber sehen würden, wenn ich, wie sie, schnippend, harkend, fegend und grabend, schleifend, sägend, bohrend und anderswie lärmend, Ordnungshüter in meinem Garten spiele – sofern ich überhaupt wieder einen bekomme –  mit schnurgeraden Beeten und Blumen und Hecken, auf Kante geschnitten, ohne ein Gramm „Unkraut“, alles chemisch gereinigt und vergiftet, angelegt nach deutschem Wesen.

Meine Unterkunft und die meiner Katzen und der Hündin Georgina ist auch eine Wartezone auf bessere Zeiten. Warten? Albern im Alter – der körperliche Zerfall, die verschwundene Jugend, das Wissen vom bald bevorstehenden Ende drängen sich pausenlos in meine Gedanken, nur die Träume in der Nacht sind voller Leben und Erlebnisse, unglaubwürdig, abstrakt aber unglaublich angenehm.

Das Aufwachen bringt nicht selten Leere, Sorgen und Trauer um meine gestorbenen Tiere aber auch Liebe und Frieden beim Anblick und der geliebten noch lebenden.

Mein Tagesablauf reduziert sich möglichst auf die schönen Dinge. Bisher nur im Kopf schrieb ich meinen ersten Roman. Aber das Schreiben, Lesen und gute Musik hören packt mich wieder. Irgendwie komme ich wieder klar, in dieser Wohnung jetzt, unter dem Dach, mit Sonne und Ruhe. Hoffentlich bleibt es so.

Einmal war ich, wie ihr wisst, auch kurz ein Geldsack, vor vielen Jahren, in Berlin, in der Zeit nach dem Mauerfall, etwa drei Jahre lang. Ich durfte das Leben in scheinbar finanzieller Unabhängigkeit bis zur Neige auskosten. Die Totalschäden an meinem Porsche 928 und dem Zwölfzylinder – Jaguar fielen zeitgleich etwa mit dem Platzen meiner und anderer Spekulationsblasen zusammen, und das vorläufige Ende waren auch bei mir die Riesenpleite, das Sozialamt und die 36-qm-Wohnung im Plattenblock aus den Fünfzigern, mit mürrischen Rentnern, jungen Säufern, aggressiven Psychopathen und dummen Schlägern mitten im bürgerlich-beschaulichen Berlin – Lichterfelde-West.

Fehler, wie ich sie machte, dürfen einem Kaufmann eben nicht passieren. Erst eine Herrenhausruine in Mecklenburg kaufen, für die ich eigentlich noch Geld hätte dazubekommen müssen, und ein Spekulationsgrundstück nach dem anderen, das war es dann auch bald. Die dicken Autos und horrende Unterhaltskosten, die zwei Totalschäden und schließlich der Marktzusammenbruch.

Ich gleiche mich dir mehr und mehr in vielen Dingen an, Sigi, wenn ich auch nicht annähernd deine feine Sensibilität und deine kulturellen Eigenschaften habe. Björn, du würdest noch öfter als früher mit mir zusammen losziehen, wir würden über Italien, die Mittelmeerinseln, die Magie und die Kunst des Malens, die Farben und die Technik, über Spiel und Abenteuer reden, und unseren Kaffee in der Sonne auf der Bank vor dem Kleister schlürfen, oder im Schwarzen Café uns die Nächte um die Ohren hauen.

Ja, da saßen sie, die Homunkel, wie du sie nanntest, dumm, unentwegt plappernd, babbabbabbabbab … – und da drüben, das war die Appaclass, so nanntest du die, die abgehoben waren. Wie recht du hattest! Weißt du noch, damals – du liefst mit mir durch die alten Gemäuer der Kunstuni in der Hardenbergstraße, zeigtest mir die verstaubten Winkel, den Raum deines Profs. Und weißt du noch, das Café´gegenüber, das „Hardenberg“ – wie oft saßen wir da inmitten der Studenten und unter der „Appaclass“ und genossen die Erbsensuppe, das Bier und den Kaffee, verdammt lange her. All´das fehlt mir, ihr fehlt mir, alte Garde. Das letzte Mal, als ich dich sah, Björn, alter Paganini-Monet, gab ich dir vor deiner Haustür noch eine alte Kladde von mir mit: Dostojewskis „Der Spieler“. Wir waren alle Spieler.

Ihr fehlt mir.

Sigi, von dir hattest du mir nicht sehr viel erzählt, nur etwas über deinen Polizei-Job in Berlin und deine frühere Frau, die monströse Matrone, die zumindest die dritte Person im Bunde war, neben deiner kaltherzigen Mutter und mir an diesem sonnigen Tag auf dem Friedhof.

Björn, du schwarzhaariger langer Alter mit dem Zopf: Auch du hast dich ausgeschwiegen über deine Vergangenheit. Nun ist es für tiefere Unterhaltungen zu spät – einiges weiß ich ja wenigstens von dir und Sigi. Wir drei lernten uns in diesem Arabercafé kennen, in Berlin-Steglitz, ich glaube, es war anno 1990.

Ich muss noch einige Erinnerungen daran loswerden, dann erzähle ich euch endlich von mir, auch wenn es ein wenig spät ist. Ihr hört mich sicher, denn ich höre und sehe euch ja auch, in Bildern und Tönen – überall wo wir in Berlin zusammen waren sehe ich euch und höre eure Stimme, ich erinnere  mich genau. Dauert ja auch nicht mehr allzu lange, bis wir uns wieder treffen und über alles mal richtig unterhalten werden, mit einem Glas Wein vor uns oder bei einer Tasse guten Kaffee`!

 

Kurzbeschreibung für euch und meine Leser

Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Inge, die junge, ehemalige Funkhelferin aus Berlin lernt Heinrich („Enrico“), der gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, in Oberbayern kennen. Er wird die große, aber kurze, Liebe ihres Lebens. Sie heiraten in Berlin, leben im Arbeiter-Kiez. Nach einer bitteren Enttäuschung und der baldigen Scheidung ist Inges einziger Trost zunächst „Mops“, ihr properes, blondwuschliges Söhnchen…

Dieser „Mops“ war kein anderer als ich. Meine Geschichte beginnt mit dem für meine Mutter tragischen Kennenlernen eines gewissen „Enrico“ – meinem Vater, der sich in seinen besten Tagen damals diesen Namen selbst zulegte. Der Großeltern-Mix aus der Hamburger Feine – Pinkel – Familie und Berliner Arbeitermilieu ist schon Garantie für keine Langeweile in der Familie und ihrem Umfeld.

Was wird aus dem Einzelkind, dem „Mops“? Was aus seinen Eltern; wie hat das Leben funktioniert, was geschah und geschieht noch mit uns und denen, die wir kennen, in diesem unseligen Deutschland, beginnend im heute noch mitunter so gelobten Kaiserreich, dem Nazireich Hitlerdeutschland und den aus den Besatzungszonen entstandenen zwei Teilstaaten, Sozialismus und unverändertem Kapitalismus

Ich beginne mal die ganze Geschichte mit mir selbst, in Berlin, am 12. August 1961, am Tag vor der Mauer. Ich war gerade mal 12 Jahre alt. Habt Geduld, ich hole etwas aus, gehe sogar noch zurück bis in Großmutters Zeiten, und ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen, was ich von diesem ganzen Leben und der Welt inzwischen halte, bis heute, viele Jahre nach euch, ihr beiden, mir so ans Herz gewachsenen unvergessenen Freunde.

 

*

„Erna is uff Scheißhaus!“

Emil hatte die Wohnungstür einen Spalt aufgemacht und lugte mit dem sabbernden, feisten Gesicht durch. Feuchtwarme, abgestandene Luft waberte in den Hausflur, wie eine Wand stand dort sofort ein noch üblerer Geruch, als er ohnehin ständig im Treppenhaus hing. Diesmal stank es nach Urin, dünner Suppe, gammligen Kohl und klebrigem Schmutz. Auf Emils schmuddliger Schürze, die er um den fetten Bauch geschnürt hatte, stand eingestickt: Vati hilft gern.

„Kommste nu rin oder wat?“

Ich folgte ihm in die Küche, wo Emil sich wieder am Herd zu schaffen machte und mit einer Schöpfkelle die Brühe oder Suppe, die den die ganze Wohnung erfüllenden Gestank verbreitete, genüsslich umrührte. Fliegen surrten im Dunst über dem Topf.

Malle, eine der beiden Töchter, steckte den Kopf durch den Türrahmen. „Du sollst Erna Scheißpapier bringen!“

„Gleich, die denkt wohl, damit ick allet uff eenmal machen kann“, nuschelte Emil in die wabernde Wolke um sein rotes, schwitzendes Gesicht, „kann dit mal sein, das ick gerade Mittag mache?“ „Is gleich fertig, willste wat mitessen, Thomas?“

Emil meinte es gut, aber ich bedankte mich und sagte, ich hätte gerade gegessen. Als ich mich umdrehte, sah ich Erna, die vom Treppenklo im Hausflur zurückgekommen war, durch die Wohnung schlurfen. Offenbar hatte sie doch noch Klopapier gefunden. Sie kam in die Küche, drehte den alten Wasserhahn über einem ehemals weiß emaillierten und mittlerweile halb verrosteten Gussbecken auf, und das Wasser schoss rauschend wie aus einem Feuerwehrschlauch heraus.

Erna und Emil waren ein unzertrennliches, altes Ehepaar, die Umgangssprache war rau, simpel und deftig aber im Grunde herzlich. Das Leben der Familie – Erna, Emil, zwei Töchter, ein fester Schwiegersohn, ein angehender Schwiegersohn und noch ein gutmütiger, strohhaariger, schnodderschnäuziger und dicker Sohn – spielte sich hauptsächlich und zentral in der großen Wohnung des alten, muffigen Berliner Mietshauses ab.

Erna rieb sich mit Kernseife unter dem kalten Wasserstrahl die Hände, wischte sie sich an dem kornblauen Etwas ab, was einmal ein Kleid war und ihren dicken Körper umspannte und kam dann auf mich zu.

Ich zog den Zettel, den mir Mutti mitgegeben hatte, aus der Tasche und drückte ihn Erna in die Hand. Nach einem kurzen Blick darauf rief sie: „Malle, hol mir mal zwanzig Mark für Inge her!“ in die staubige Unendlichkeit hinter die Küchentür. Dunkelheit und Sonnenstrahlen wechselten sich da in einem Labyrinth von Zimmern ab, deren Holztüren mit dem vergilbten alten Lack sämtlich offenstanden.

„Inge braucht wat zum Essen, Geld gibt´s erst am Freitag.“

Das große Wohnzimmer mit den Fenstern zur Straße raus war der eigentliche Mittelpunkt aller. Emil begann, die Teller hineinzutragen und wuchtete dann allein, unter Aufbietung aller seiner Kräfte, den dampfenden, verbeulten Aluminiumtopf, riesig wie ein Waschzuber, mitten auf den mächtigen und ausladenden Wohnzimmertisch, noch bevor ich helfen konnte. Nicht auszudenken, wenn das Ungeheuer von Topf mit der Unmenge schwappenden, heißen Inhalts auf die Dielen krachen würde.

Ich musste mich höflichkeitshalber dazusetzen und mir einen Teller auffüllen. Die Suppenkelle war ebenfalls überdimensional groß.

Erna war Muttis Arbeitskollegin in der Fabrik, in dem schmutzigen Kohle-Betrieb, in dem Mutti sich die ohnehin schwache Lunge nach und nach zerstörte.

Ich musste an Mutti denken, wie sie jetzt nicht weit von hier allein in unserer kleinen Wohnung saß und unruhig auf das Geld wartete, damit wir einkaufen konnten; ich würde jetzt an die Ecke in die Kaufhalle gehen und für mich eine Tafel Schokolade mitnehmen. Für Mutti würde ich zwei Schachteln Zigaretten und eine Flasche Halb und Halb, eine Mischung von Schnaps und Likör, einpacken. Der Rest ging für ein paar Lebensmittel drauf.

 

 

13.August 1961, Sonntag, vormittags

 

„Kommste mit in Kino nach Westberlin? Die bringn een Wildwestfilm!“

 

Roman-Kapitel wird fortgesetzt

Episoden:

Angepisst im Eishockeyverein

Zwei Schwule mit Auto wollen was

Stinkefinger, Bolle

Die erste Liebe J., die Nutte, eine Tracht Prügel vom langen Ralph

Boxverein, Fechten, Judo

O-Beine: Gewichtheben

Hoppegarten

Der Stangenanspitzer

„Wer is´n hier der Boss?“

Der Eismeister, Bolle in der Loge

Im Tierpark

Fluchtversuche Harz und am Brandenburger Tor

Edeltraud

Im Knast, Kommando Batterie

Mädchen

Hotta und der Papagei

LALA und die alte Buggen

Muttis Tod

Café Sybille, Künstler

Immer wieder Ostbahnhof …,  Ist dir kalt?

Staatsverleumdung, „Deutschland erwache!“

Fluchtversuch am Jungfernsee

Gletter, Der Scheißer, Kumpels

Tod der Mutter

Der Marmeladenschlosser

Fluchtplan mit Tauchgerät: „Klärung eines Sachverhalts!“, Verhaftung am 13. Mai 1971, asozial, wieder Knast, 12 statt 6 Mann

Studiumbewerbung, die Jury: Sehen Sie mal: („Der Mann mit dem Goldhelm“): So was wollen wir sehen, Sie als Letzten hier.“

Das nymphomanische Mädchen S.

Das verpatzte Abitur

Ausflug nach Frankfurt/Oder, der kaputte LKW

Fluchtversuch deutsche Botschaft in Warschau 1973

Vogelsdorfer Steig, die Stasifamilie

Kraftfahrer, Karpatenschreck, Protokollstrecke, der alte Garant, Friedhöfe, primitive Friedhofsarbeiter, der Selbstmörder

Der Urnenfahrer, pietätlos!

Das Mädchen S.M., die Entscheidung

Die Übersiedlung nach HH

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Hoppegarten 1. Teil

An einem sommerlichen Tag im August des Jahres 1964 saß ich mit meiner Mutter in der S-Bahn. Unser Ziel hieß Hoppegarten, ein beschaulicher ländlicher Ort mit einer bekannten Pferderennbahn, gleich hinterm östlichen Stadtrand Ostberlins. Meine Schulzeit war nach der 8. Klasse vorbei, ohne einen Abschluss, nur mit einem schlechten Zeugnis der 7. Klasse, denn ich hatte nie gelernt, war nun zweimal sitzen geblieben, erst wegen der 5 in Mathematik, nun eine 5 in Russisch. Ich war sprachbegabt, aber faul, Mathematik lag mir nicht, und ich schwänzte in den meisten Tagen den Unterricht.

Endlos lange ratterten die alten Waggons mit uns dahin.

Zwanzig Minuten ging es dann noch quer Beet, auf kleinen Straßen und Feldwegen, bis wir beim Rennstall Ringelnatz ankamen.

Pferdetrainer Ringelnatz war heute der wichtigste Mensch auf der Welt für mich. Er war der unumschränkte Herr über ein Gelände mit Stall, einem halben Dutzend Pferde, zwei Jockeys und einem Futtermeister. Ich hatte mich schon vor einigen Tagen bei ihm im Stall vorgestellt, denn ich beabsichtigte eine Jockeylehre bei ihm – darauf hatte ich es abgesehen. Wenn ich etwas wirklich wollte – oder etwas aus vollem Herzen begehrte – konnte ich schon immer sehr zäh sein. Also machte ich mich unbeirrt an ihn heran und ließ von dem Augenblick an nicht mehr locker, als ich erfuhr, dass mein fehlender Schulabschluss kein wirkliches Hindernis für den Jockeyberuf sein würde.

Es war wichtiger, klein zu sein – und frech, sagte mir einer, der Bescheid wusste. Na ja, ganz so mickrig, so ein kleiner Wichtelmann, war ich nun auch wieder nicht, also erschien ich besser in kurzen Hosen und ging ganz unauffällig in die Knie, währenddessen sich Ringelnatz – auch klein, mit Schmerbauch und Halbglatze – gut gelaunt mit meiner Mutter unterhielt.

Irgendetwas unangenehm Kaltes war trotzdem in seinen eng stehenden Augen.

Frechheit und Selbstsicherheit vergingen mir zusehends – eine für mich ganz neue Erfahrung.

Er gab mir schließlich grünes Licht zum ersten September – unglaublich: als Jockeylehrling! – Ich schwebte wie auf Wolken.

In dieser kleinen, etwas skurrilen, Geschichte, die ich hier erzähle, gibt es jedoch kein Happy end.

*

Die ersten Tage waren berauschend.

Es gab noch einen zweiten neuen Lehrling, kaum größer als ein Dackel –  er konnte beim Ausmisten der Ställe nur mit Mühe die vollgepackte Mistgabel heben, und in den Boxen mussten die Pferde aufpassen, ihn nicht zu zertreten.

Die Arbeit mit den Pferden war wirklich ein Traum. An einem Sonntag durfte ich Locke, den großen, schwarzen Hengst, über eine lange Wegstrecke zum Rennen auf die mit Menschen überfüllte Rennbahn führen – ich ganz allein, da war doch etwas Bammel in mir, aber ich war ungeheuer stolz auf mich.

Es gab ungewohnt viel zu tun: Stall und Boxen reinigen, Rüben schälen, Futter zubereiten, Wege harken, Jauchekübel leeren, Strohballen schleppen und anderes – neben der eigentlichen Pflege der Pferde. Sie mussten gekämmt und gebürstet werden, abgerieben und gefüttert – in jeder Hinsicht wurden sie verwöhnt.

Die beiden Jockeys waren kaum größer als ich. Einer war dünn, der andere kräftig. Sie kamen mir sehr muffig vor und sprachen wenig. Oft waren sie im Stall und im Gelände am arbeiten, ritten aber zwischendurch immer wieder aus und galoppierten draußen im Gelände auf der Trainingsbahn.

*

Kindheitserfahrungen 1. Teil

Den Hang zur Natur, zum besonderen Abenteuer und Herumstromern, brachte ich aus Zerpenschleuse mit, wo ich eingeschult wurde. Während der Woche wohnte ich dort auf einem alten Gutshof, direkt am Kanal, in dem man Barsche und manchmal Hechte am Grund sehen konnte. Das Gut war zum Wochenheim umfunktioniert worden. Jeden Montagmorgen brachten uns zwei kleine Reisebusse hin und am Samstagnachmittag wieder nach Berlin zurück, bis zum Ministerium für Finanzen, in Stadtmitte an der Spree. Dort holten die Eltern uns Kinder von den Bussen ab.

Während dieser Fahrten hörte ich zum ersten Mal das Wort „Grenze“, mit dem die Ostberliner Stadtgrenze zur damaligen DDR gemeint war. Dort gab es richtige Grenzhäuschen und rot-weiße Schlagbäume an den Hauptstraßen.

Als das Heim nach zwei Jahren aufgelöst wurde, war ich acht Jahre alt. Viele Kinder, auch ich, haben geweint, denn dieses wunderbare Dasein, in dörflicher Idylle, mit Baden, Angeln, und im Wald, Flur und Gutshof herumtoben – das liebten wir sehr.

Aber ich war schnell getröstet.

Zuhause wohnte mein bester Freund, mit mir gleichaltrig, am gleichen Treppenabsatz; er war der zweitälteste von fünf Brüdern, die alle nur ein bis zwei Jahre auseinander lagen. Unzertrennlich waren wir beide.

Onkel Kehrt, das alte, knorrige Männlein, lernten wir in der nahen Laubenkolonie kennen. Er stand eines Tages dort neben uns und wir gingen mit in seinen Garten.

Sein Reich war geheimnisvoll. Immer, wenn wir in seinem verwunschenen Laubengarten waren, bestaunten wir seine verstaubten Weinkübel mit den verschlungenen Destillierröhrchen, und  jedes Mal setzte sich Onkel Kehrt zum Abschied an den Tisch, beugte sich vor und spielte auf seiner großen Zither. Das Plättchen an seinem Daumen zupfte die Saiten, und dann erklang seine raue, zittrige Stimme: „´DRUM SAG ES NOCH EINMAL, GOTT IST DIE LIIEEEBE, ´DRUM SAG ES NOCH EINMAL, ER LIEBT AUCH DICH…“ Dabei zirpte mich der eindringliche Klang des Instruments so seltsam an, dass ich ganz ruhig zuhörte. Es war mein erstes bewusstes musikalisches Erlebnis.

*

In der Kolonie waren aber auch unbewohnte, offene Flächen, von riesigen Hecken überwuchert, die im Sommer voll mit dicken, schwarzen Brombeeren waren. Auch wilde Erdbeeren sprossen da, und jede Menge Obstbäume reckten sich auf. Rot, rosa und weiß blühte es in ihren dichten Zweigen, dann saßen manchmal ganze Schwärme von Maikäfern darauf, die wir oft herunterschüttelten, um sie anzusehen und vielleicht einen mitzunehmen.

Wir sogen diese sonnigen Tage mit der klaren Luft förmlich in uns ein.

Später lernte ich in der Nähe einen anderen, jüngeren, Laubenpieper kennen. In seinem Garten zog ich mich hin und wieder in den Bretterverschlag seines Plumpsklos zurück, um, da ich sie mir nicht ausleihen durfte, alle seine Tarzan – Akim – und Micky Maus-Hefte zu verschlingen.

*

Unsere Wohnung in Berlin-Hohenschönhausen lag im Grünen – die Wohnanlage war ringförmig und halb offen um einen weiträumigen Hof gruppiert. Ein schmaler, ringsum an den Kellereingängen vorbeiführender Steinplattenweg, gesäumt von Büschen und dicken Bäumen, führte weit weg bis zu den Häusern ganz am anderen Ende der Wohnblöcke. Es war ein riesiger, baumbestandener, dicht bewachsener Innenhof. Die uns weniger gut bekannten Kinder aus den entfernteren Wohnblöcken hatten bei sich drüben ihr Revier abgesteckt – so wie wir dies in unserer Ecke taten.

Ein ungeschriebenes Gesetz sorgte dafür, dass wir uns kaum ins Gehege kamen; nur die Müllhäuser der jeweils anderen wurden still, heimlich und regelmäßig durchkämmt.

Ja, wir hatten tolle Reviere – zu so einem Außenbereich zählten wir einige Steilhänge auf wilden Wiesen und Hügeln in der Nähe, wo wir im Winter rodelten. Auch das Freibad im BVG-Stadion – dem Sportstadion in der Siegfriedstraße – gehörte dazu. Diese Straße gehörte schon zum Stadtbezirk Lichtenberg, war aber nahe gelegen.

In den Sommerferien hielt ich mich fast jeden Tag dort auf. Da war eigentlich immer offen. Auch bei  schlechtem Wetter und Regen. Ich mochte es, auch an diesigen, verhangenen Tagen an den menschenleeren Becken zu sein und ganz allein zu baden.

Alle Wohnungen hatten nach vorn und hinten heraus je einen Balkon. Der gesamte, zusammenhängende Häuserblock war außen mit einem rötlichen Mörtel-Sand-Belag bespritzt. Es waren sogenannte Altneubauten die in den dreißiger Jahren erbaut worden waren. Sie hatten vier Geschosse und waren innen recht geräumig und gemütlich.

Unten, auf der schmalen Chaussee, fuhr tag und nachts, leise summend, der stromgetriebene, glotzgesichtige O-Bus regelmäßig vorbei. Seine Scheinwerfer ließen, wenn ich in der Dunkelheit in meinem Zimmer zur Straße raus im Bett lag, helle Lichtflecke durch die Gardinen über Decke und Wände huschen. Dabei war kein einziger Laut zu hören. Es war gespenstisch ruhig.

Diese schmale Straße, die Landsberger Chaussee, zog sich – vorbei an dem alten Wasserwerk mit den roten Ziegeln – schnurgerade mitten durch schier endlose Laubenkolonien dahin.

An unserer Straßenecke standen meine Mutter und ich, als ich noch nicht zur Schule ging, im Winter oft frierend und verloren an der einsamen Bus-Haltestelle. Meine Strickmütze mit den zwei Zipfeln sah lustig aus, und die Hände steckten immer in viel zu großen Fäustlingen. Meine Mutter hatte ihre dicke Jacke an, die wie eine Uniform aussah, und auf dem Kopf hatte sie eine schwarze, ovale Mütze mit einem Schirm vorn. Die hatte sie auch beim Skifahren im Urlaub auf.

Der viele Schnee auf dem Bürgersteig war meist festgetrampelt; bei Dunkelheit strahlte an der Straßenecke ein gelblicher, gemütlicher Schimmer aus dem Fenster eines kleinen Ladens heraus. Man konnte dort alles Mögliche kaufen – wir Kinder natürlich Süßigkeiten und Kleinkram. Es stand noch eine Gaslaterne am Bürgersteig, die nachts einen gedämpften Schein in die Stille warf, und wenn es schneite, huschten die Schneeflocken in diesem Licht glitzernd zum Boden herab.

Sonst gab es keine Beleuchtung weit und breit. Außer, wenn die Fenster in der Häuserreihe erleuchtet waren, aber das waren nie sehr viele auf einmal.

Manchmal versprühte bei Dunkelheit auf der Straße, hell und knisternd, zur Weihnachtszeit oder zu Neujahr, eine in die Winterluft gehaltene Wunderkerze ihr geheimnisvolles Licht;  sogar eine „Sonne“ drehte sich – an einen Chausseebaum genagelt –  in der Silvesternacht  jedes Jahr, prasselnd, und mit leuchtendem Funkeln vor unseren erstaunten Kinderaugen schnell im Kreise herum.

*

Außer diesem fast geräuschlosen O-Bus, der unter seinen beiden langen, dünnen Strombügeln geduckt unter der Oberleitung dahinglitt und meist einen eiförmigen Anhänger mit schmutzblinden Scheiben hinter sich herzog, gab es nur noch  den großen gelben, großschnäuzigen, hinten offenen Doppelstockbus, von dessen dröhnender und rappelnder Urkraft ich beeindruckt war. Andere Fahrzeuge waren eigentlich nie zu sehen.

Einmal nahm mich der Fahrer die ganze Strecke lang mit, und ich durfte dicht vorn neben ihm stehen. Vor der Windschutzscheibe sah ich die riesige Schnauze mit den eisernen Begrenzungslöffeln an den Seiten, die beim Gasgeben erzitterten; ich war unglaublich stolz, dass der Fahrer mein Freund war.

Die Landsberger Allee war in den fünfziger Jahren eine in Natur und Laubenkolonien eingebettete einsame Straßenverbindung, die durch das noch dörfliche Marzan führte. Der O-Bus fuhr ab dem „Steuerhaus“, wo an einer Straßenkreuzung sich die Stadtbezirke Weißensee, Prenzlauer Berg und Lichtenberg – genannt: Dreiländereck – trafen und die Landsberger Chaussee begann, bis zu einer großen Maschinenfabrik in Bürknersfelde, weiter im Osten Berlins. Morgens und nachmittags war er in den Wochentagen mit Arbeitern vollgestopft.

Irgendwann scheiterte die zweite Ehe meiner Mutter, und auch diese schöne Zeit war zu Ende. Wir zogen aus der Wohnung meines Stiefvaters aus. Einige Male pendelte meine Mutter mit mir hin und her, mal zu Oma, mal in eine Einzimmerbehausung, einmal hatten wir nur ein winziges Zimmer zur Untermiete. Ich war inzwischen acht Jahre alt.

***

Hoppegarten 2. Teil

Die Arbeitszeit im Rennstall war wirklich außergewöhnlich. Bereits um sechs Uhr früh hatte ich im Stall zu sein und in den Boxen gleich den Pferdemist mit Mistgabel und Schubkarre zu entsorgen. Alles wurde gereinigt – die Pferde gesäubert und versorgt. Die Jockeys ritten die Tiere jeden Tag auf die Trainingsbahn hinaus

Falls die Pferde morgens noch schliefen, musste ich sie wecken. Nach sanften Knuffen oder Rütteln erhoben sie sich ohne viel Mühe recht schnell.

Ich machte mich immer gut gelaunt an die Arbeit. Füllte ich in der Ecke Futter nach, stand schon mal, – ganz unabsichtlich natürlich – ein Pferdebein auf meinem Fuß und blieb auf ihm stehen. Bis ich das Bein endlich herunter manövriert hatte, freute sich das Tier, zu dem es gehörte, diebisch über meine Grimassen. Wegschieben oder Rippenknuffe nützen gar nichts – nichts ging, wenn es nicht wollte; es bewegte sich nicht einen Zentimeter von der Stelle.

Stand es bei meiner Arbeit aber hinter mir, war jederzeit mit Späßen wie Schubsen und Beißen zu rechnen. Was sollte man machen – die Tiere hatten eben Humor.

Die beiden Jockeys nicht. Sie schlugen schnell mal mit der Faust auf die Pferde ein, wenn ihnen etwas gegen den Strich ging. Ich erinnere mich nicht, sie jemals bei guter Laune gesehen zu haben.

Auch zu mir und dem anderen Lehrling verhielten sie sich recht gemein. Diesen kleinen Kerl nahmen sie besonders ins Visier und kanzelten ihn bei jeder Gelegenheit ab. Ringelnatz schloss sich ihnen leider an.

Der einzige menschliche Lichtblick war der Futtermeister. Er war sehr anständig zu uns und wurde niemals ausfallend. Wenn wir mal nicht gleich etwas verstanden hatten, blieb er freundlich und geduldig.

*

Der erste Teil eines Arbeitstages war meistens schon vor dem Mittag zu Ende. Ich schlief vor Müdigkeit einige Male gleich im nächsten Waldstück ein – fuhr gar nicht erst nach Hause. Am Nachmittag ging es mit der Arbeit weiter. Dann wurde noch mal alles gereinigt – die Boxen, der Stall, das Gelände. Manchmal ritten die Jockeys wieder los – nach draußen auf die Trainingsbahn (soweit ist es bei mir leider nicht gekommen), oder die Pferde mussten in der Koppel auf unserem Hof im Kreis traben. Nebenbei wurde Futter zubereitet und später eingefüllt.

Gegen sieben Uhr abends war endgültig Feierabend. Ab und zu hatten wir mal einen Tag frei, denn wir arbeiteten natürlich auch am Wochenende und an Feiertagen.

*

Kindheitserfahrungen 2. Teil

Meine Mutter zog schließlich mit mir nach Lichtenberg, neben eine Ecke mit einer alten Gaststätte – Steuerhaus genannt – genau, wo die Landsberger Chaussee begann und weiter in Richtung Bürknersfelde verlief, vorbei an unserer früheren Wohnung, vorbei an den Lauben, vorbei an dem alten Wasserwerk.

Auch der O-Bus blieb uns ein alter Vertrauter. Er summte wieder die Chaussee entlang. Der alte Doppelstockbus mit der großen, lauten Schnauze fuhr nicht mehr lange; eines Tages war sein vertrautes Brummen, wenn er da drüben an der Ecke vorbei fuhr, nicht mehr zu hören – schade.

Alles war fast wie früher, nur mehr Menschen waren hier, auch Kinder. An Spielkameraden und allen möglichen Bekanntschaften fehlte es mir wirklich nicht.

In dieser Zeit, als ich um die elf Jahre alt war, fuhr ich ganz selbstverständlich auch nach Westberlin, meistens mit der S-Bahn nach Gesundbrunnen – mit ein paar Westgroschen in der Tasche. Dann, an einem Sonntag, als ich vormittags ins Kino rüber wollte, hieß es: Die Grenzen sind zu. Ich hatte noch keine Ahnung, was das bedeutete; – ich war nur sehr traurig, dass ich meinen Freund nicht mehr sah; er wohnte inzwischen im Westen.

Die neue Wohnung gefiel mir gut. Sie war klein, aber sonnig, und ich hatte ein eigenes Zimmer, das ich aber dann doch nur als Rumpelkammer nutzte.

Auch hier gab es anfangs jede Menge Laubenkolonien ringsum. Es gab viel Freiraum, kaum Geld, aber keine Not; ich hatte alles, was ich so als Junge brauchte und machte, was ich wollte.

Ich schwänzte die Schule, lernte nie, und machte selbstverständlich keine Hausaufgaben. Ich frage mich heute, wo und wie wohl die Schule die vielen Entschuldigungszettel meiner Mutter untergebracht hatte.

*

Allein oder mit Gesinnungsgenossen trieb ich mich auf Müllplätzen und Schrotthalden herum, kletterte in alte Keller und erkundete per Fuß und Fahrrad Gott und die ganze Welt.

Wie ein Bär den Wald durchkämmte ich Laubenkolonien und klaute Obst.

Als eines Tages die Lauben reihenweise weggebaggert wurden, zogen wir Jungen über die weite, mit Schrott und Abfall gespickte Brache und stiegen in die restlichen, verschlossenen und verrammelten Laubenpieperbehausungen ein. Wir stahlen alles, was wir tragen konnten. Wir nahmen einfach an, dass sich niemand mehr um die vergammelten Bretterbuden und Steinhäuschen kümmerte.

*

Es war einfach ein abenteuerliches Leben. Ausgerüstet mit Taschenlampen, Brecheisen und Magneten stemmten wir die Türen und Fensterläden auf – oft am helllichten Tage – und wühlten in Schränken und Schubladen nach Buntmetall, Bestecken und nach tausend Kleinigkeiten.

So vergingen schöne Jahre.

*

Kurz vor der Schulentlassung durchstöberte ich einmal mit einem anderen Jungen die neuesten Ablagerungen auf der benachbarten Müllkippe. Unter dem Arm hatte ich ein Luftgewehr, in der Tasche Munition. Plötzlich standen oben auf einem Müllberg zwei etwa zehnjährige Jungen, die sich gerade daran machten, einen Papierdrachen steigen zu lassen.

Es juckte mich in den Fingern. Ich rief ihnen zu, einer solle mit der Hand den Drachen hoch in die Luft halten, denn dann würde er so richtig im Wind flattern. Der Kleine machte das und sah mich dabei arglos und nichts ahnend an.

Da zielte ich genau auf die Mitte der beiden gekreuzten Holzleisten, die den Drachen zusammenhielten und schoss eine Kugel hinein. Es klatschte, und das ganze klappte in sich zusammen.

Der Gemeinheit nicht genug, erschreckte ich die Jungen, indem ich mit dem Gewehr vor den beiden herumfuchtelte und, als sie voller Angst wegliefen, schoss ich hinterher und traf den einen in die Kniekehle. Wir sind wie die Verrückten weggerannt, aber zwei Bauarbeiter haben uns trotzdem geschnappt, und beinahe ging es mir richtig an den Kragen. Das habe ich mir für immer hinter die Ohren geschrieben.

***

Hoppegarten 3. Teil

In Hoppegarten hatte ich in der Koppel bald mit meinen ersten Reitversuchen zu kämpfen. – Von wegen Sattel und Steigbügel! Es gab nichts zum festhalten – nicht bei diesem ersten Versuch.

Ringelnatz hatte Locke, den großen Hengst, ausgesucht. Einer der Jockeys reichte seinen Unterarm. Bein ´rauf, Schwung – und oben war ich.

Den Kleinen ließen sie es gar nicht erst versuchen.

Ringelnatz erwartete von mir, beim Trab kerzengerade und fest auf dem blanken Pferderücken zu sitzen. Ich durfte mich lediglich an Lockes Mähne festklammern, aber kaum trabte er los, rutschte ich unaufhaltsam von seinem Rücken. Also wieder rauf und weiter; ich wurde gewaltig durchgeschüttelt, aber immerhin blieb ich einige Runden oben.

*

Die S-Bahn fuhr manchmal leider unregelmäßig. Bis zum Stall war ich ohnehin schon über eine Stunde unterwegs. Ich bekam meine Zeit irgendwie nicht in den Griff, obwohl ich mich sehr zusammenriss.

Damit begannen meine Probleme.

Meist fuhr ich jeden Tag zwischendurch nach Hause, und dann kam ich schließlich einige Male hintereinander morgens und nachmittags zu spät.

Dann, als ich wieder einmal zehn Minuten später angehetzt kam, obwohl Ringelnatz mich bereits verwarnt hatte, empfing er mich schon am Eingang vor dem Stall und kanzelte mich eisig ab. Er sagte kalt, ich sollte wieder nach Hause fahren und brauchte gar nicht mehr wieder zu kommen. Mir standen die Tränen in den Augen, – wie hatte ich mich doch immer bemüht und nun wurde ich so maßlos enttäuscht. Ich war verzweifelt, – hing doch so an dieser Arbeit; hing doch so an den Pferden. Es war so ungerecht!

Aber dieser bissige und gemeine Kerl jagte mich von der Schwelle. Die Welt brach für mich zusammen. Ich schlich wie ein geprügelter Hund davon und fuhr todtraurig nach Hause.

Wieder bei Besinnung, grübelte ich nach – es durfte einfach nicht zu Ende sein! Ich wollte mich nicht geschlagen geben. Die einzige Möglichkeit, dass mich der Trainer wieder aufnahm, war ein Appell meiner Mutter an ihn. Sie musste noch einmal mit ihm sprechen, an seine Einsicht und Menschlichkeit appellieren, meine Liebe zu dieser Arbeit beteuern und ihn als Mutter intensiv bitten,  mir doch noch eine Chance zu geben.

Wie sie es anstellte, weiß ich nicht – jedenfalls durfte ich nach ein paar Tagen wieder in den Stall kommen. Ich war für kurze Zeit wieder unendlich glücklich.

Kaum war ich zurück, baute sich Ringelnatz gleich vor mir auf und bellte mich an: „Beim nächsten Mal, wenn du auch nur eine Minute zu spät kommst, brauchst du gar nicht erst hereinkommen. Dann ist es endgültig aus. Damit du Bescheid weißt: LEHRJAHRE SIND KEINE HERRENJAHRE! Mit Bengels wie dir machen wir kurzen Prozess, die BRAUCHEN WIR HIER NICHT!“

Ich war vollständig verunsichert und eingeschüchtert.

Es war an einem der nächsten Tage, als die beiden Jockeys den anderen Lehrling und mich völlig überraschend nachmittags zur Trainingsbahn bestellten. Wir sollten die Pferde von da zurück in den Stall reiten. Wir freuten uns wie Schneekönige – aber ach:  wir machten diesen groben Fehler…!

Auf Fahrrädern zogen wir los zur verabredeten Stelle, doch die Jockeys waren noch nicht zu sehen. So setzten wir uns gedankenlos hin, direkt neben diesen breiten Sandstreifen, auf dem die Pferde kommen mussten und legten die Fahrräder einfach auf den Boden. Unglücksraben, die wir waren! Woher sollten wir denn wissen – niemand hatte uns aufgeklärt! – wie scheu und nervös die vollblütigen Rennpferde draußen beim Training waren, ob im Trab oder Galopp.

Wir durften ja bisher noch nie, nicht einmal im Hof, aufsatteln und das Reiten richtig üben.

Plötzlich kamen die Pferde – anfangs noch weit weg – auf uns zugeprescht. Und was taten wir? – Wir blieben einfach sitzen und warteten.

Es kam, wie es kommen musste. Im Nu waren sie heran, scheuten, und eines donnerte mit den Hufen sogar gegen das nächstliegende Fahrrad. Um ein Haar wäre es gestürzt.

Der Jockey flog in hohem Bogen auf die Bahn.

*

Niemals bisher hatten mich erwachsene Menschen so angeschrien und beleidigend heruntergeputzt wie diese beiden gemeinen Gnome, nachdem sie sich von dem Schrecken erholt und die Pferde beruhigt hatten. Den Kleinen hätten sie um ein Haar verprügelt.

„Schert euch ja zum Teufel mit euren Rädern!“ geiferten sie und ritten weg. Mich traf es wie ein Stromschlag,  – ich war tief verletzt und schockiert.

Nach einer Weile schlichen wir – am Boden zerstört – samt unseren Fahrrädern in den Stall zurück.

*

Während der nächsten Tage wurden wir mit Schweigen bestraft und gemieden. Nur der Futtermeister sprach noch mit uns. Ringelnatz hatte uns so hämisch empfangen, dass wir es kaum schafften, die Tränen zu unterdrücken. Wir waren am Boden zerstört – sie hatten uns psychisch gänzlich auseinander genommen, einfach niedergemacht. Und das, obwohl uns wirklich keine Schuld traf.

Diese giftige Atmosphäre lockerte sich erst nach mehreren Tagen.

Ich achtete jetzt wie ein Schießhund darauf, mich bloß nicht noch einmal zu verspäten.

Nichts, gar nichts, durfte ich mir mehr leisten. Aber irgendetwas würde sicher passieren. Davor hatte ich entsetzliche Angst.

Wir hatten uns gerade etwas aufgerappelt und die ängstliche Lethargie ein wenig überwunden – da traf uns der nächste Schlag. Für mich bahnte sich das endgültige Ende im Rennstall Ringelnatz an.

Dabei fing alles wieder ganz harmlos an:

Regelmäßig wurde der Stall mit frischen Strohballen für die Pferdeboxen versorgt. Ein überbeladenes, Fuhrwerk kam dann quietschend jedes Mal auf den Hof gerollt.

Durch ein großes Fenster über dem Stall wurden die Ballen von außen hereingezogen und gleich da oben gelagert. Direkt darunter, in der Decke des Stallganges, war eine Luke – eine Art Falltür – eingelassen. Die noch frischen, verschnürten Ballen wurden hier üblicherweise bei Bedarf einfach nach unten in den Stallgang geworfen, auseinandergezerrt, mit Schubkarren in die gesäuberten Boxen gefahren und dort mit der Mistforke zu einem dicken Belag aufgeschüttet.

An diesem Tag war genau dies unsere Aufgabe, während Ringelnatz auswärts im Logierhaus frühstückte, und die Jockeys mit ihren Pferden draußen waren.

Bei den geringsten Problemen waren wir inzwischen, wie zu befürchten war, und sich nun auch herausstellte, nicht mehr in der Lage, klar zu denken.

Und so brachten wir den Dampfkessel Ringelnatz endgültig zur Explosion.

Als wir einige Ballen herunter geworfen und die Arbeit erledigt hatten, blieb noch jede Menge loses Stroh übrig. Der Gang war angefüllt damit. Wir hatten die Ergiebigkeit eines zusammengeschnürten Ballens offensichtlich gewaltig unterschätzt. Panik ergriff uns, es blieb uns nichts weiter übrig, als die restliche Strohmenge in die Boxen zu schaffen, – nur sehen, dass wir den Gang schnellstens leer bekamen! Wir schufteten, bis die Pferdeboxen fast überquollen. Aber auch danach war der Gang noch viel zu voll. Alles war verstopft. Die Pferde würden kaum durchkommen.

Angst und Schrecken überfiel uns. Noch mehr Stroh in den jetzt ohnehin überfüllten Pferdeboxen aufzutürmen, getrauten wir uns nicht.

Notgedrungen – so redeten wir uns ein – mussten wir eben ganz schnell das restliche Stroh wieder hoch schaffen – und dafür gab es nur eine Möglichkeit: Es in Decken einschlagen und hoch tragen, denn von hier aus kamen wir nur über eine Treppe nach oben.

Es war klar, dass dies eine Weile dauern würde, also machten wir uns schnellsten an die Arbeit, um ja bloß vor der Wiederkehr des boshaften Trios fertig zu sein. So rannten wir wie wild hoch und runter und rafften hektisch das Stroh zusammen, bis endlich alles oben war.

Was wir aber nicht bedacht hatten, was uns auch überhaupt nicht aufgefallen war: auf der gepflegten Treppe lag ein schmucker, roter Kokosläufer, und eigentlich diente diese Treppe nur dem einzigen Zweck: Ringelnatz gelangte über sie in seine Privatwohnung, über dem Stall.

Alles war jetzt über und über mit Strohresten bedeckt, die größtenteils unlösbar auf dem gesamten Läufer festhafteten, bis hinauf zur Wohnungstür.

In Erwartung dessen, was uns nun bevorstand, und da wir hier nichts mehr ausrichten konnten, fegten wir wenigstens unten noch alles Stroh zusammen, beschäftigten uns mit diesem und jenem und harrten der Dinge, die da auf uns zukamen.

Und die kamen. Erst die Jockeys, etwas später Ringelnatz.

Kurz darauf drang von der Treppe her ein vernichtender Urschrei zu uns durch den Stall. Die Tat war entdeckt – wir waren entlarvt und enttarnt!

An diesem Tag – meinem letzten bei Ringelnatz – schrubbten wir bis neun Uhr abends die Innenseiten der Steinwände des Kloakenrondells vor dem Stall. Bis zu den Ellenbogen steckten wir in Jauche und Fäkalien. Es stank erbärmlich. Ringelnatz war so außer sich, dass er nicht einmal mehr schreien konnte. Uns erwartete nur noch eisiges, hintergründiges Schweigen. Am nächsten Morgen fuhr mir beim Umsteigen in Berlin die S-Bahn direkt vor der Nase weg.

Ich gab endgültig auf.

Noch vor Weihnachten gelang es mir (ich liebte die Pferde und jene gewisse Art von Freiheit, Wild-West – Romantik) in einem anderen, größeren Rennstall, dem Rennstall Hoppegarten, wieder als Lehrling unterzukommen. Anfangs war ich voller Zuversicht und Freude. Ich überdauerte dort auch noch klirrenden Frost und hielt bis zum Frühling durch.

Aber es war einfach unerträglich. In diesem Stall war diesmal nicht der Trainer mein schlimmster Stolperstein, sondern der Futtermeister und die Jockeys. Während einiger Tage in der Berufsschule lernte ich auch Lehrlinge aus anderen Ställen kennen – sie waren überwiegend dumm, intrigant und gemein, auch zu mir.

Trotz aller Begeisterung für diesen Beruf, inmitten der stillen, herben Natur, und obwohl ich die anhänglichen und friedlichen Pferde sehr liebte, entschloss ich mich schließlich zum Abbruch der Lehre und Rückzug in die mir vertraute Welt.

*

Romanepisode

Kommando Batterie

1967/68, Berlin-Lichtenberg, Rummelsburg, Hauptstraße, im sogenannten Haus am See

Es begann im April 1967, genauer gesagt, diese meine erste (von mehreren) Knastgeschichte war die Fortsetzung einer vorherigen Untersuchungshaft, fast unmittelbar nach meiner Festnahme an der Berliner Mauer, dem „antifaschistischen Schutzwall“, wie die SED-Bonzen und Machthaber in Ostberlin die am 13. August 1961 in der Nacht errichteten Sperre zu Westberlin nannten, als man mich in der „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“ wegschloss in eine Zelle, in der noch weitere fünf Schicksalsgenossen – nicht alle grundlos und willkürlich wie ich – den Neuzugang, in diesem Fall mich, erwarteten. Kurz zuvor war ich gerade 18 Jahre alt geworden. Ab jetzt war mein Zuhause für die nächsten 6 Monate die Station C, ein Gang mit vielen Zellentüren im 2. Stock eines von mehreren Blöcken einer roten Ziegelbauanlage. „Haus am See“, so nannten wir Knastbrüder das Gefängnis, denn es lag direkt mit einer Seite an einer Erweiterung der Spree, am Rummelsburger See, dessen gegenüberliegendes Ufer eine Halbinsel, den geschichtsträchtigen Berliner Ortsteil „Alt-Stralau“, bildete.

Es gab in dem besagten Block noch die Stationen A im Keller mit ausschließlich 2 mal 3 Meter großen und saukalten Arrestzellen, von denen ich eine einmal 10 Tage und Nächte lang kennen lernte, was ich später noch näher beschreibe, und zwei weitere Gänge: Stationen B und D.

Zellen waren es, aber „Verwahrräume“ hießen sie im Beamtenjargon, so mussten wir unsere Bunker bezeichnen, offiziell und bei Zählungen und Meldungen, wenn die „Schließer“ – etwa der einerseits gefürchtete, andererseits verlachte, massige „Knüppelkalle“ – die Riegel an den dicken blechbeschlagenen Türen auf -und zu schlugen. Täglich lebten wir mit Krachen von Eisenriegeln, Scheppern von Schöpfkellen und Kübeln, Brüllen auf den Fluren und Gängen: „Anton, Berta, Cäsar, Dora, Fertigmachen zur Freistunde!!“ und anderen, in den langen Fluren hohl klingenden Schreien, mit auf und abschwellendem dumpfen Gedonner von Tritten der Gefangenen. Wir atmeten stickige Flurluft ein, geschwängert und umwabert von muffigen Küchen – und anderem Dunst. Es roch streng nach aufgewärmtem alten Gemüse, gammligen heißen Kartoffeln und nach dem täglich auf den Böden von den zum Putzen eingeteilten Gefangenen verteilten Bohnerwachs. Überhaupt war es eine Hauptbeschäftigung, zu Putzen und zu Wienern, die Gänge und Zellen waren ohne Staub und Flecke, alles wurde ohne Unterlass ständig gereinigt und gewischt von den Insassen, die sich damit untereinander in ihren Zellen abwechselten.

Auf 5 mal 5 Metern lebten wir in Löchern mit jeweils vier großen, dicken Steinwänden, die mit matter grüner Ölfarbe bestrichen waren. Tageslicht – ohne jeden Sonnenstrahl –  kam durch ein hoch angebrachtes vergittertes Fenster – eigentlich nur ein viereckiges Loch – davor eine Sichtblende aus Stahlblech, die so angebracht war, dass jegliches „Pendeln“ (Artikel wie Tabak etwa und sonstige Dinge, darunter beschriebene Nachrichten-Zettel, mit einer Schnur zu einem anderen Fenster befördern) nicht möglich war. Ich erinnere mich nicht mehr, ob die Fenster innen Fensterläden hatten und geschlossen werden konnten; ich denke, es war jeweils nur ein offenes Loch ohne Glasscheiben, so hoch oben über unseren Köpfen, dass wir nicht hinaussehen konnten. Wie in Gefängnissen üblich, war die Unterkante der dicken Mauer unter dem Fenster nach innen in den Raum abgeschrägt, um den Insassen ein Hochziehen und Festhalten, um doch Hinaussehen zu können, unmöglich zu machen.  Wir sahen nur die Gitterstäbe und einen Himmelsausschnitt.

Da waren wir sechs Untersuchungshäftlinge, Rülpsen, Furzen, Kacken, Brüllen, Lachen, Knallen und Scheppern, ein Klobecken ohne Klobrille und Abschirmung beim Pinkeln und Kacken gegen die Mitgefangenen, ein paar Holzregale, ein großer Holztisch in der Raummitte, an zwei der vier Wänden je drei „Betten“ übereinander, bestehend aus Aluminiumstangen und Matratzen, mit blau karierten Laken und Deckenbezügen (darin dünne, grobe, muffig riechende Decken aus billigstem Stoff) – wie wir das ertrugen, was wir dafür anstellten, wie wir die Zeit über Tage, Wochen und Monate totschlugen – davon später mehr! Der primitive Lärm, das Losbrüllen der anderen war mir unerträglich, fraß sich tief in meine Nervenbahnen, und doch musste ich es ertragen, übrigens war es nicht immer so schlimm, ja es gab Zeiten und Momente von ausgesprochener Ruhe. Davon später.

Sogar arme eingesperrte Hunde hatten es mitunter in Zwingern besser. Das Schlimmste war die Untätigkeit und der Verlust der eigenen Beweglichkeit, der Möglichkeit, sich nach draußen in die Welt zu begeben, allein zu sein, in Stille und Ruhe, unter freiem Himmel, liegen sitzen, laufen, wohin man wollte, vielleicht auf einer Waldwiese, an einem Seeufer oder mit einem Kahn auf dem Wasser rudern, im Regen, im Wind, im Wald, in völliger Ruhe, die Sonnenstrahlen genießend, Essen, was einem schmeckte, den geliebten Kaffee (Bier trank ich erst später) trinken, tun und lassen, was einem passte – völlig normale Dinge, die ich erst schätzen lernte in diesem stinkenden Bau hinter Gefängnismauern und krachenden Gittertüren, wo es keinerlei Privatsphäre gab – nur Enge, Brüllerei, Vorschriften, schlechtestes ungesundes Essen und schlimme Eintönigkeit, zusammen eingepferchte Männer auf engstem Raum, deren mitunter sehr abstoßenden Körpergeruch und Schweiß man in täglich aufnahm und einatmete.

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Der Tag begann früh, die Betten wurden gemacht, sich an den Tisch gesetzt und das Plastikgeschirr auf dem groben Holztisch bereitgestellt, in Erwartung des im Gefängnis gebackenen, immer frischen Kommiss-Brotes, der Marmelade und des Muckefucks, dem heißen Kaffee-Ersatz – einer dünnen braunen Brühe, die nur in unserer Einbildung nach Kaffee roch. Dennoch war dieses in der Tat billigste Frühstück ein willkommenes Ritual, das wir jeden Morgen herbeiwünschten und genossen, und, wie gesagt, diese heiße hellbraune Plörre aus der Blechkanne serviert, schlürften wir, als wäre es der schmackhafteste Bohnenkaffee. Die Marmelade wurde vom jeweiligen Zellenältesten, eine Art Kapo und Vorstand auf Zeit, der auch bestimmte Anweisungen an die Anderen geben durfte, genaustens und gleichmäßig an alle am Tisch verteilt, ebenso hatte der Letztgenannte die Aufgabe, Meldungen und Berichte über die Vollständigkeit der Insassen und anderes Wichtige im Raum den Schließern zu übermitteln, nicht anders, wie es beim Militär der Fall ist, laut, kurz und knapp, nachdem hier die beiden Stahlriegel der Tür knallend zurückgezogen wurden, und ein Schließer das massige Schloss unter lautem metallischen Schaben und Kratzen aufsperrte, und in atemberaubender Geschwindigkeit die Tür von dem Uniformierten aufgerissen wurde.

Wie es mir als späteren Zellenältesten (trotz meiner erst 18 Jahre) erging, nachdem ich diesen „Posten“, der mir nach Weggang des letzten der fünf Mann, die mich bei meiner Ankunft begrüßten, spießig und dumm lange herbeigesehnt hatte, ist es wert, hier später noch erzählt zu werden. Ich habe aus dieser Geschichte viel über Menschen und besonders über mich selbst gelernt, über meinen Charakter, meine Ausstrahlung auf Andere und über meinen Platz in einer Gemeinschaft, wie er mir zusteht ohne Schnörkel und Einbildung.

„Wat hast du denn jemacht?“ „Beende dein Gespräch!“ „Ende“, Die Hutmaschine, Das Schönste an der … sind die Haare, sind die Haare …, Wir sind Berliner Jörn…, „Hier komm´wa nie wieder raus …“

wird fortgesetzt

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Roman-Episode

Fluchtversuch in Potsdam, Jungfernsee

Westlich, direkt angrenzend an Berlin, genauer gesagt, an das eingemauerte Westberlin, liegt Potsdam. Dort liegt der damals für mich wegen der mitten durch ihn verlaufenden, also unsichtbaren Grenze zu Westberlin, überaus geheimnisvolle Jungfernsee, in direkter Nähe des historischen, damals etwas heruntergekommenen, Prinzenpalais des vormaligen deutschen Kaisers Wilhelm II, in der Nähe der weitläufigen blauen Havel. Wegen der alten prächtigen Villen, seiner romantischen Lage und dem weitläufigen Sanssouci, darin der prächtige Schinkelbau Sanssouci mit seinen Parks und Gärten – Rückzugsort Friedrich II, des alten „Fritz“, König von Preußen, genannt: „der Große“, gilt Potsdam als Perle und Kleinod Berlins – was absolut nicht übertrieben ist.

Abenteuerlich und risikofreudig in meinem Wesen, war ich – nunmehr zwanzig Jahre alt – einzig beseelt vom Gedanken, aus Ostberlin und der unerträglichen Diktatur nach Westberlin zu flüchten, in die Freiheit des Lebens.

wird fortgesetzt

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Roman-Episode

Bemerkungen zu Berlin-Ostbahnhof

Wo konnten wir testosterongesteuerten Jungmannen in den 1970er Jahren uns die Nächte in Ostberlin um die Ohren schlagen? Natürlich nur auf Bahnhöfen -Kaffeetrinken in der Mitropa in den Bahnhöfen Lichtenberg oder Ostbahnhof, oft total übermüdet, manchmal drei Nächte ohne Schlaf, immer auf der Suche nach durchreisender oder Berlin gezielt besuchende Weiblichkeit aus der „Provinz“.

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Gletter, Der Untermieter

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Weitere Episoden

Die Fahrt nach Frankfurt/Oder – der LKW

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Zu Rahnsdorf: Schreibnächte, Das weinende Mädchen , Der Hauptmann von Köpenick, Die Stasifamilie

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Die Ausreise

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Beginn

Bayern, März im Jahr 1948

Der junge Mann mit dem fehlenden Kragen unter dem hoch geknöpften Sakko stand mitten unter der Dorfjugend in der Nähe der Tanzfläche. Die handgemachte Dorfmusik brummte und schrillte aus einer Tuba, eine uralte Gitarre schrammte und klirrte blechern gegen eine Rassel an, die im Stakkato klapperte, als würden Kiesel in einer leeren Zigarrenkiste wild herumgeschüttelt.

Zwei Mädchen, etwa Anfang zwanzig, ein größeres, und ein kleineres mit zartem Gesicht und sichtlich das jüngere von beiden, in einfachen hellen Uniformjacken ohne Schulterstücke, tanzten miteinander. Obwohl sie sich nicht im Geringsten ähnelten, waren sie Schwestern.

Auf die Kleinere hatte der junge Mann ungeniert längst seine grauen, hellen Augen geheftet, seine ganze junge, schlanke Erscheinung war attraktiv und anziehend. In der pedantisch sauberen, doch erkennbar zusammengewürfelten Schlotterkleidung, deren Krönung ein um den sonst völlig unbekleideten Hals gewundener dünner Schal war, wirkte er jedoch noch immer armselig und abgerissen.

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Inge erinnerte sich, wie dieser Jüngling auf dem Festplatz ganz allein in der fröhlichen Menge herumstand, schüchtern und nur notdürftig angezogen, unter dem Arm einen „Persilkarton“ wie ein Notgepäck im hiesigen Volksmund genannt wurde.

Erst gestern hatte sie ihn nach zwei Ehejahren, maßlos enttäuscht und unglücklich, endgültig verlassen – genau genommen, musste er nach dem Schuldspruch des Scheidungsgerichts wegen Untreue und Ehebruch aus ihrer gemeinsamen Wohnung ausziehen.

Der Liebe auf den ersten Blick, die auf dem Dorffest in einem Örtchen bei Landsberg am Lech, in Oberbayern, begann, folgte eine mehr und mehr nervenaufreibende Zeit, in der sich Heinrich, der neu gebackene Ehemann, als skurriler und treuloser Exzentriker entpuppte. Kaum verlobt, hatte der bettelarm aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Bayern entlassene junge ehemalige Gefreite darauf bestanden, Inge schnellstens zu ehelichen, allerdings nicht in Bayern, sondern in ihrer Heimatstadt Berlin, obwohl es sich dort in diesem Nachkriegsjahr 1948 vermutlich viel schlechter leben ließ als hier in Oberbayern, einen Steinwurf entfernt vom idyllischen Landsberg am Lech.

Inges kleines Zimmer beherbergte von nun an auch den eben noch Heimatlosen, der nichts hatte außer seiner erfrischenden Jugend und ein gutes Aussehen. Hilde brach den eigentlich für länger geplanten Besuch bei ihrer Schwester kurzerhand ab und machte sich auf die Heimreise nach Berlin, wo sie in einer Dachkammer in Steglitz, einem bürgerlichen Berliner Westbezirk seit dem Ende ihrer Schneiderlehre allein wohnte und sich, ohne feste Arbeit, mit Nähen und Flicken durchschlug.

Ohne zu wissen warum, konnte sie den smarten Heinrich nicht ausstehen.

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Nach nur wenigen Wochen schon mauserte sich der künftige Ehemann zu einem von erfrischend jungenhafter Natürlichkeit strotzenden Frauentyp mit Witz und Intelligenz. Nach seinem interessanten, regelmäßig geschnittenen Gesicht mit den verträumten, hellen Augen und seiner geraden, schlanken Gestalt drehten sich die jungen Frauen in der Gegend schon bald immer öfter um und verrenkten sich ihre schönen, schlanken, dünnen, dicken oder auch nur unschönen Hälse.

Inge war im jetzt sowjetisch besetzten Ostteil Berlins herangewachsen, direkt in der Mitte der Stadt. Genau dahin zog es Heinrich, den Jungkommunisten, wie er sich bezeichnete.

Als Hochzeitsgeschenk würde es für ihn eine Zuzugsgenehmigung in die ausgebombte alte Reichshauptstadt geben.

Einige Zeit lebte das verliebte Paar noch zusammen in Inges kleinem Zimmer, unter dem Dach des Dorfgasthauses, einem mächtigen Blockhaus im ländlich-bayrischen Stil – direkt neben einem Weiher, hinter dem sich Tannen und andere Nadelbäume über sanftes Hügelland hinweg bis zu einem unübersehbaren Wald ausbreiteten. Die beiden frisch Verliebten kuschelten sich auf dem Messingbett, wenn lange vor dem Einschlafen die letzten Strahlen der nur noch zwischen den Bäumen hervorlugenden Abendsonne wie flüssiges, rötliches Gold durch das Fenster blitzten. Inge tippte tagsüber, einige Busstationen von ihrem Zimmer entfernt, in einem Büro in Landsberg am Lech als Sekretärin für ihren Chef die Korrespondenz, und Heinrich genoss derweil ganz allein die einzigartige Ruhe in der Waldpension, wo das duftende, dickflüssige, klebrige, beinahe durchsichtige Baumharz sich zwischen Fichtennadeln und verdunstendem Wasser, fast bis hinunter zu den Schlingpflanzen und Seerosen des Weihers auch am  Boden seinen Weg bahnte, und die sonst alltäglichen und trivialen Sinne der Menschen hier mit einer in der glasklaren Luft liegenden, fast betörenden Gewürzmischung einhüllte. Außer dem Klopfen eines Spechts und dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln ringsum, mitunter auch einem Zischen und Pfeifen vom Schilf am Weiher her, wenn ein Unwetter dicht über dem Wasser dahinfegte, waren nur ein unbändiges Zwitschern des täglichen Vogelkonzerts und hin und wieder die dumpfen Einschläge einer Axt in Holz zu vernehmen.

Doch Heinrich hielt es nicht in dieser Idylle, er drängte Inge so lange, bis diese endlich nachgab und schweren Herzens ihre Arbeit und das kleine Zimmer im Wald aufgab, um künftig mit ihm, verheiratet, in Berlin zu leben. Es gab noch einen sehr bedeutenden anderen Grund dafür: Inge war inzwischen schwanger, das Baby würde wohl spätestens im Mai des nächsten Jahres – 1949 – zur Welt kommen.

So richteten sie sich noch im späten Sommer in der Joachimstrasse ein, bei Inges Mutter Paula, die einsam und unglücklich war nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm, dem noch in den letzten Kriegstagen die Brust von Bombensplittern aufgerissen wurde. Paula brach über die Rückkehr Inges, ihrer Kleinen, die sie besonders liebte, in Tränen aus.

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Paula hatte ihren Wilhelm im Ersten Weltkrieg vor einem Kino in ihrer Geburtsstadt Hamburg kennengelernt.

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass sie genau in dem Moment mit einer Freundin interessiert vor einem Kinoplakat stehen blieb, als ein schnurrbärtiger Soldat im grauen Feldzwirn, den rechten Arm in einer Gipsbinde verborgen, sich nach seiner Frontverwundung im Heimaturlaub befand und in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs auf seinen Zug nach Berlin wartete. Paula, aus „gutem Hause“ stammend, war zwanzig Jahre alt, rothaarig, mager und sommersprossig. Ihr schmales, blasses Gesicht wurde von einer mit diesen Sommersprossen gänzlich übersäten, ausgeprägten Adlernase beherrscht, und zwei grüne, offen blickende Augen mit Wimpern, die man wegen ihrer hellen Farbe nicht sah, fixierten – für ein Fräulein ihres Standes etwas zu auffällig – den neben ihr stehenden Soldaten, der sich offenbar ebenfalls für das bunte Plakat vor dem Kino interessierte.

Wilhelm fackelte nicht lange und sprach sie an. Von diesem Tage an waren die beiden unzertrennlich, und Paula änderte die in der Familie geschmiedeten Pläne.

Zum großen Ärger ihrer Eltern dachte sie nun nicht mehr daran, nach Brasilien in Übersee zu reisen, um dort Kindermädchen zu werden – wie in wohlhabenden Kreisen für die „höheren“ Töchter als einstweiliger Berufsersatz allgemein üblich – sondern verließ stattdessen Hamburg, um in Berlin ihren Wilhelm, den Schuhmacher aus der mitten in einem berüchtigten Stadtteil – genannt Scheunenviertel – liegenden Joachimstraße, zu heiraten. Die Joachimstraße war kaum mehr als einige Dutzend Meter lang, aber in ihr gab es ein Ballhaus der „alten Schule“, in dem die Boheme´ aus Berlin-Mitte noch fast bis zu den Bombeneinschlägen im 2. großen Krieg – Jahrzehnte später – verkehrte, und gleich daneben, am Koppenplatz, rings um die Linienstraße und der Gipsstraße grenzten Eckkneipen das Viertel ein. Arbeiter, Arbeitslose, Ganoven und Künstler waren hier zu Hause, und dazu kamen ständige ominöse Gäste, von denen zumindest ein Teil des Nachts in verschiedenen Hinterzimmern ihr Quartier aufschlug. Hier, im Zentrum, in der alten Mitte, war Berlin berlinerischer als sonst wo, zumindest im östlichen Teil der Stadt; – und ausgerechnet hierhin zog Paula und heiratete den einfachen Arbeiter Wilhelm, der sich allerdings von der zwielichtigen Szene und den halbseidenen Gestalten im Kiez unterschied, wie der Tag von der Nacht.

Die Salmoses, Paulas Eltern, enterbten sie umgehend. Die reiche jüdische Brauereifamilie mit dem Adelstitel mütterlicherseits und sehr vielen Bierfässern väterlicherseits, welche ständig mit fettem Gewinn an die Hamburger Kneipen, Biergärten und sonstigen Gaststätten umgesetzt wurden, verstieß Tochter Paula, da gab es kein Federlesen. Immerhin hatte sie noch drei Geschwister, und es ging um ein ansehnliches Vermögen. Der arme Schuhmacher, der Erbschleicher, und die offenbar unzurechnungsfähige gewordene Tochter, sollten zu keiner Zeit etwas davon erhalten.

Zu dieser Zeit ahnte niemand in der Familie, dass sie später, durch Inflation und Weltwirtschaftskrise, alles bis auf die letzte Mark verlieren sollten.

Neben einer Schwester hatte Paula zwei Brüder, und der jüngere, an dem sie sehr hing, hielt in jeder Hinsicht als Einziger zu ihr. Er starb, einen Sohn hinterlassend, als einer der ersten gefallenen Fliegerpiloten im kommenden großen Weltkrieg, der im August 1914 ausbrach.

Später, in der Hitlerzeit – das Kaiserreich und die nachfolgende Republik, die man die „Weimarer“ nannte, waren vergangen – entging Paula als Jüdin nur knapp der Verschleppung in ein Konzentrationslager der Nazis.

Doch Wilhelm hielt zu seiner Paula. Die „reinen Ärsche“, wie die, welche sich mit ihrer „arischen“ Herkunft besonders hervor taten, unter der Hand verballhornend genannt wurden, ließen sich indessen einer nach dem anderen von jüdischen Lebenspartnern, die sie in früheren Zeiten einmal geheiratet hatten, scheiden. Anfangs aus ganz praktischen Gründen, der verschiedenen eigenen Vorteile wegen, doch bald schon aus der nackten Angst, wegen „Rassenschande“, vom Regime verfolgt zu werden. Die Aussicht, dann im Konzentrationslager zu landen, war hier hoch. Hermann Göring hatte bereits lauthals ein neues Gesetz dafür ausgerufen.

Wie auch immer, ob naiv loyal oder opportun angepasst, die Geheime Staatspolizei, Gestapo, kannte und fürchtete jeder.

Da er seine Frau nicht verließ, wurde Wilhelm von den Ämtern pausenlos bösartig schikaniert. Er hatte noch Glück und verlor am Ende nur seine Arbeit als Schuhmacher, doch ein Teil seiner Bekannten, glücklicherweise nicht der beste, zog sich aus Angst und Eigennutz von ihm zurück.

Wie schon Inges Schwester konnte sich auch Paula für ihren Schwiegersohn, der sich in Berlin inzwischen Enrico nannte, zu keiner Zeit erwärmen.

Dessen Kaliber stand in schroffem Gegensatz zu ihrem ernsthaften, verantwortungsbewussten Wilhelm; zu einem Mann, der als Luftschutzwart der beiden Gebäude, in dessen hinteren sie seit ihrer Heirat vor nun fast dreißig Jahren, zusammenlebten, der kurz vor Kriegsende beim Wasser holen für die im Keller hockenden Menschen noch von Splittern einer Luftmine schwer getroffen wurde. Der, nachdem sie ihn in den Keller zurückgetragen hatten, in den Armen seiner Frau mit den Worten starb: „Lass man, Paula, ist schon gut für sonen ollen Feldwebelveteranen, grüß mir ja noch die Inge und die Hilde, und nu hör´mal mit dem Weinen uff, und gib deim Wilhelm eenen Kuss.“

Für Wilhelm war Geld immer eine Nebensache, er verlangte wenig und tat dafür viel, half allen, flickte weiter Schuhe. Fast alles im Haus reparierte und bastelte er selbst. Nebenbei schrieb er seit seinem Militäreinsatz in China, wo England, Deutschland und andere Kolonialmächte gegen den Boxeraufstand der Chinesen los schlugen, eigenhändig auch in chinesischer Schrift ein Buch: Erinnerungen und Erfahrungen aus China, über chinesische Kultur und Alltag. Der andere Wilhelm – der Deutsche Kaiser – dagegen war auf seinem Thron eine unheilvolle Fehlbesetzung, was die Welt spätestens bei seiner berüchtigten „Hunnenrede“ gegen die Chinesen mitbekam. „Gefangene werden nicht gemacht, kein Pardon …“, so verkündete er darin lauthals.

*

Nachdem ihm seine Arbeit gekündigt wurde, saß Wilhelm oft in der einfach und spärlich möblierten Wohnküche auch in den Nächten am Küchentisch, beim schwachen Licht der Deckenlampe, wenn Totenstille wie ein alles einhüllender, schwerer Mantel über dem Haus lag. Sorgsam, bis zum Morgengrauen malte er filigrane chinesische Schriftzeichen auf ein Pergament. Eine Seite nach der anderen füllte sich, immer von oben nach unten, wie die Chinesen es tun. Dabei schlürfte er genussvoll seinen Muckefuck – Bohnenkaffeeersatz – aus seiner geliebten, blau emaillierten Blechtasse.

An einem Wandhaken hingen noch seine alten metallenen Kopfhörer aus Kaisers Zeiten. Mittels einer Nadel und einem kleinen Kristall entlockte er dieser Erfindung noch immer gern leise krächzende Stimmen und blecherne Musik. Doch mittlerweile stand dafür auf dem Brett der Küchenwand neben einer Blumenvase ein kleines, kompaktes Radiogerät – die „Goebbelschnauze“ – aus dünnem braunen Kunststoff, Backalit genannt, schmal und hoch, mit einem kleinen Drehknopf vorn.

Wie der mächtige Holztisch im Wohnzimmer mit den gedrechselten, untereinander mit fettleibigen Streben verbundenen Beinen, war dieses Radio nicht wegzudenken, ein Mittelpunkt in der kleinen Wohnung im Hinterhaus der Joachimstraße. Weniger wichtig für Paula, aber Wilhelm begeisterte sich für alle technischen Neuheiten und Erfindungen.

                                                                    *

Bald nach Beginn der Hitlerdiktatur versuchte, wer konnte, die eigenen unangenehmen Erfahrungen, den persönlich spürbaren Druck und die aufkeimende Kriegsgefahr zu vergessen, zu verdrängen oder mit Alltäglichem und den „guten Dingen, die Hitler macht, die Volksgemeinschaft, Kraft durch Freude, Arbeitslosigkeit beseitigen, und nun sind wir wieder wer“ zu übertünchen. Manche begriffen allerdings noch immer nicht, was die Stunde geschlagen hatte.

Wenn es gelang, das Notwendigste oder sogar noch mehr für sich zu sichern, hatte man schon viel erreicht, und vielleicht ging es ja doch voran, auch wenn die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen waren für die, welche sich mit dem Regime nicht übermäßig arrangiert hatten.

Die politische Bevormundung, die direkte persönliche Bedrohung waren das eine – das andere war, dass man doch einigermaßen leben konnte, sofern man sich geistig, kulturell und materiell einschränkte und vor allem nach dem Motto lebte: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.“ Diese Lebensart war für viele Deutsche allerdings seit jeher nichts Fremdes und Ungewöhnliches und fiel ihnen nicht sehr schwer.

Die Versorgung mit Gas und Strom gehört zu den lebenswichtigen Dingen eines Haushalts. Bei beiden wurde schon immer gespart und eingeteilt, zumindest überall dort, wo man Geld hart erarbeiten musste oder sich nur mit staatlicher Hilfe über Wasser hielt.

Die Preise dafür waren fast unerschwinglich, nicht nur im Scheunenviertel. Die Gaswerke verdienten sich dumm und dämlich, so wie auch die BEWAG, der Stromlieferant in Berlin, und auch die vielen anderen Abstauber aus Industrie und Handel. Zu Kaisers Zeiten war es so, ebenso in der nachfolgenden Republik (welche ja eigentlich von den Sozialisten gegründet worden war, der Arbeiterpartei SPD). Jetzt, im Dritten Reich der Nationalsozialisten, lief es nicht anders – die Reichen blieben den Armen nichts schuldig, wenn es darum ging, sie wie eine Zitrone auszupressen.

Immerhin waren Inflation und die wirtschaftliche große Krise vorbei, man hatte offenbar das Schlimmste überstanden, und es gab wieder Arbeit. Es sah so aus, als hätten die Deutschen die richtige Partei gewählt. Hitler war angekommen, nach langem Bemühen, und Deutschland war nun scheinbar in unaufhaltsamem Aufschwung.

Doch jeder fühlte, etwas lag in der Luft, allgegenwärtig und unübersehbar waren Repressalien und Bevormundung, und dann gab es noch die Schläger der SA und die schwarz uniformierten SS – Einheiten mit den Totenkopfsymbolen neben der „Geheimen Staatspolizei“, neben einem allgegenwärtigen Mob, der bei allen Gelegenheiten den Arm hoch riss und brüllte: „Heil Hitler!!“ Wer sich nicht taub und blind stellte, erfuhr von den Denunziationen, von Nachbarn, meist Juden, die plötzlich verschwanden, sah die brennenden Synagogen in der „Kristallnacht“, hörte von den vielen Verhaftungen und Morden in dieser Zeit, andere erschienen plötzlich sehr verändert, ängstlich, zogen sich zurück, – wieder andere plusterten sich auf, benahmen sich tyrannisch und zeigten offen ihre guten Beziehungen zu Polizei und Staatsmacht. In Deutschland waren über Nacht Straßen und Häuser gespickt mit den Hakenkreuz-Symbolen des Regimes – kaum, dass im Januar 1933  Hitler Reichskanzler wurde.

Die zunehmend kulturlosen, lebensbedrohlichen Verhältnisse in einem Land, das sich eben noch, trotz Unzulänglichkeiten an allen Ecken und Kannten als Demokratie verstand, verbreiteten bald Furcht und Schrecken, da passte man sich mehrheitlich schnell an und behielt seine Meinung für sich. Im Februar 1933 brannte der Reichstag. In dem imposanten Gebäude an der Spree tagten seit Kaisers Zeiten und bis zu diesem Zeitpunkt die Abgeordneten aller Parteien, der großen und kleinen. Reichstags-Brandverordnung und Ermächtigungsgesetz machte dem bald blutig ein Ende, so wie der folgende schlimmste Krieg aller Zeiten dem Mythos vom Land der Dichter und Denker, der überragenden deutschen Kultur das Ende bereitete.

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Wilhelm nahm, nachdem er arbeitslos war, kaum noch am öffentlichen Leben teil. Abgesehen davon, dass es nun finanziell immer schlechter ging, wurden die Mieter im Hinterhof andererseits doch vor den zahlreichen Gelegenheiten verschont, die elenden Umstände mitzuerleben, die die Diktatur um sie herum mit sich brachte. Nur der alte Friedrich Maus hängte zu bestimmten Anlässen, die in den letzten Jahren allerdings immer zahlreicher wurden, die Fahne mit dem Hakenkreuz heraus.

Da kaum Fremde auf ihren Hof kamen, nahmen es die Mieter hier nicht ganz so genau mit einigen staatlich verordneten Vorschriften oder Selbstverständlichkeiten. Die meisten von ihnen waren Rentner oder arbeitslos. Außer dem alten, mürrischen Maus waren sie alle ältere Ehepaare, deren Kinder längst ausgezogen waren. Paula und Wilhelm lebten ebenfalls allein, Hilde war in Steglitz und Inge in Bayern. Zehn Wohnungen waren es insgesamt im Hinterhaus, in fünf Stockwerken.

Im Vorderhaus hingen, zumindest bei bestimmten propagandistischen Anlässen, grundsätzlich an den meisten Fenstern Hakenkreuzfahnen, dafür sorgten schon die beiden Ruppigs im Parterre, ein schwatzhaftes und neugieriges Rentnerpaar. Keiner im Haus ließ es auf deren Denunziation ankommen. Vorn liefen auch zu viele Leute vorbei, man musste vorsichtig sein, auch wenn im Scheunen-Kiez andere Regeln als anderswo in Berlin galten. Hier war man relativ weit weg von Spießertum und Bürgerlichkeit, wo, anders als in den Arbeitervierteln, fast immer Denunziantentum und Gehässigkeit untereinander an der Tagesordnung waren.

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Der kleine Messinghahn am Ende eines roten, daumendicken Gummischlauchs, der an einem Gasrohr steckte, wurde selten von Wilhelm oder Paula aufgedreht, und den Mädchen war dies grundsätzlich und strikt verboten. Im Winter ging in der riesigen Kochstelle, hinter weißen Keramikplatten, unter den gusseisernen Ringen und Platten die Glut fast niemals aus. – Holz, Kohlenreste und Koksstücke glimmten und glühten auch nachts vor sich hin, und wurden zum Heizen und Kochen geschickt immer wieder angefacht. Doch je länger später der Krieg dauerte, desto schwerer wurde es, an Heizmaterial heranzukommen. Mit dem, was man hatte, waren die Wohnungen nicht warm zuhalten, Strom und Gas wurden, je länger der Krieg anhielt, knapper denn je und fielen zunehmend ganz aus.

Ab Kriegsbeginn waren Zuteilungen über Lebensmittelmarken allgemeiner Standard. Haustiere, Hunde und Katzen und sogar die Kaninchen, die bisher oft in den Klosetts im Treppenflur gehalten wurden, verschwanden nach und nach, und man zog es vor, nicht darüber zu sprechen, wo sie blieben.

Wenn Wilhelm des Nachts in der Küche schrieb, lag Paula oft schlaflos allein nebenan in der „Guten Stube“, besorgt von der allgemein zunehmenden Not und den Problemen.

Inmitten des „zivilisierten“ Europas tobte ab 1914 der Erste Weltkrieg, das fürchterlichste Hauen, Schießen, Vergiften und Stechen, dass die Welt bis dahin gesehen hatte. Die Europäer hatten sich nun selbst ineinander mörderisch und barbarisch verbissen, nicht anders als alle „Zivilisationen“ und kriegerischen Völker vor ihnen.

Wilhelm tat auch hier seinen vaterländischen Dienst; er überlebte, als Feldwebel einer Armee, die es nach dem verlorenen Krieg nicht mehr gab. Chinesische Kultur und Sprache aber zogen ihn weiter in ihren Bann.                               Seine Tochter Inge, in der nachfolgenden Republik zwei Jahre nach Hilde geboren, kam ganz nach ihm. Sie war intelligent und liebenswert und hätte zu anderen Zeiten studieren können, denn die Schule schlug sogar ein Stipendium für sie vor. Ihre Zeugnisse und ihr ganzes Wesen waren glänzend und hervorragend. Aber daraus wurde nichts für die „Judentochter“. Nach dem Ende der Weimarer Republik, im „Dritten Reich“, wurden Kinder aus sogenannten Mischehen, Juden und „Arier“, „bastardisiert“, – man ließ sie zwar halbwegs in Ruhe, solange die Ehe bestand, doch Vater Wilhelm war heilfroh, für Inge wenigstens eine Stenotypisten-Lehrstelle zu bekommen – im süddeutschen Oberbayern. Seine Inge tippte fehlerlos, sehr schnell beherrschte sie Maschinenschreiben und Stenografie, hatte eine schnelle Auffassung und vielseitige Begabung. Mit der Mathematik und Physik klappte es weniger, wie bei den meisten sprach – und künstlerisch begabten Menschen.

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Wenige Wochen nach Beginn der Lehre, noch vor Weihnachten des Jahres 1938, stand Inge jedoch unversehens zu Hause in der Joachimstraße wieder vor der Tür.

Im Vorderhaus blickte das Ehepaar Ruppig im Parterre gerade aus dem Fenster, wie immer.

„Na, wat denn, die Inge, biste wida zurück oder haste Urlaub?“

Die beiden Alten drückten ihre mageren Körper nebeneinander auf zwei Kissen und erheischten Antwort. Sie waren lebende Litfaßsäulen, wenn es darum ging, Neuigkeiten zu erkunden und zu tratschen.

Inge war gut erzogen, sie grüßte, ging durch die Toreinfahrt über den mit roten, sandig-brüchigen Ziegeln gepflasterten Hof ins Hinterhaus und stieg – sich mit der rechten Hand am Holzgeländer hochziehend, die mit billigem, schokoladenfarbenen Linoleum belegten, knarrenden Treppen im engen Hausflur zur Wohnung im 4. Stock hinauf.

*

Zu allen Zeiten, mitunter sogar nachts, spähte Friedrich Maus, den man nur Fritze nannte, ein murriger, spindeldürrer Rentner, vom Treppenpodest herunter oder hoch zu den anderen Wohnungen. Früher war er Tischler und nun, seinen schäbigen Lebensabend noch immer in der gleichen muffigen Wohnung verbringend, war er der einzige im Hinterhaus, der gewöhnlich seine Tür ständig geschlossen hielt, und die Hälfte des Tages verbrachte er damit, diese Tür und den Hausflur im Auge zu behalten, was im Treppenhaus vorging, oder ob nicht irgendjemand durch seinen Briefschlitz spionierte. Alle anderen Bewohner hielten ihre Türen meist bis abends sperrangelweit auf und nutzten den Hausflur auf den ständig knarrenden, ausgetretenen Treppenabsätzen als gemeinschaftlichen Treff, den Kopf mal in die eine, mal in die andere Wohnung steckend, untereinander und miteinander plappernd und tratschend.

Wenn es draußen dunkel war, und durch die dünnen Glasscheiben in den Holzrahmenfenstern vom Hof kaum noch Licht ins Treppenhaus fiel, drückte man auf den dicken roten Glasknopf in einem Gehäuse an der Wand, am dicken Kabel über dem Putz, in gleichem Farbton wie die Wände war auch dieses Kabel der Länge nach mit satter grüngelber Ölfarbe überpinselt worden.

Mit einem lauten Klick, das schon mehr einem ganz plötzlichen Krachen ähnelte, leuchtete dann in jeder Etage gleichzeitig wieder eine einzige Glühbirne an der Decke auf, schwach und müde, und im Parterre begann gleichzeitig unter der Decke in einem Kasten ein Stromzähler zu ticken. Wenn er nach einigen Minuten still war, ging das Licht wieder aus. Das Treppenhaus lag mit einem Schlag komplett im Dunkeln.

Nur das Glimmen einer kleinen Lampe, ein flackernder, kleiner roter Fleck in der Dunkelheit, blieb sichtbar, genau an der Stelle, wo sich der Lichtknopf befand. Einer der miteinander Plappernden, je nachdem, wer am Nächsten stand, drückte den Knopf wieder hinein, – so stand man mitunter über Stunden miteinander schwatzend im Gang. Das lange Stehen im Flur war recht anstrengend, doch wurde hingenommen, denn in den Hinterhäusern sorgten die Abgeschiedenheit zur Straße hin, und weil man sich über Jahre untereinander ständig auf kleinem Raum begegnete, dass man sich miteinander wohlfühlte. Der griesgrämige Rentner Friedrich Maus wurde übersehen.

Später                                                  *

Paula rubbelte ein dickes Wäschebündel angestrengt in einem schäumenden, nach billiger Kernseife riechenden Wasserberg in einer mächtigen Zinkwanne herum. Eine Glühbirne an der Decke bemühte sich nach Kräften, die mit Dampfschwaden vernebelte Wohnküche zu erhellen, war aber so schwach, dass man sie nur als glimmendes Etwas im feuchten Dunst der Küche erahnen konnte. Vor der wuchtigen Kochmaschine, auf deren sonst blanken eisernen Kanten nun ein dicker Wasserfilm troff, strapazierte Paula rhythmisch ihren gebeugten Rücken, ohne Inge hinter sich zu bemerken. Die Wohnung hatte keinen Flur, und wer durch die doppelte Eingangstür, eine äußere und eine innere Holztür, kam, stand direkt in der Küche.

Schließlich reckte sich Paula stöhnend hoch, um die durchgewalkte Wäsche zum Spülen abzulegen. Als sie sich umdrehte, blieb sie mit der Nase beinahe an einem mit Fliegen übersäten, herabhängenden Fliegenfänger kleben – und sah geradewegs in Inges verweintes Gesicht.

„Ingschen, mein Jott, bist du´s??“

*

Mutti hatte mir die Geschichte bis zu diesem Punkt wiederholt, und immer sehr belustigt, recht genau erzählt, von dem Tag, als sie mit dem wütenden Vater Wilhelm zusammen in Bayern aus dem Zug stieg, und sich ausmalte, was ihrem sogenannten Lehrherren bevorstand, der sich an sie herangemacht hatte, in einer für ihren trockenen Humor bezeichnenden Weise. Sie konnte sich jedes Mal, wenn sie weitererzählen wollte, vor Lachen nicht mehr halten. So bekam ich nie richtig alles mit, was weiter passierte, doch der Mann zog seinen Schwanz so tief ein (im Sinne des Wortes) dass Mutti für den Rest der Lehrzeit bei ihm nur noch seine besten Seiten kennen lernte. dafür hatte ihr Vater Wilhelm mit dem Kaiserschnurrbart, der frühere Feldwebel, gesorgt.

*

Das junge Paar in Berlin

Unter dem strengen Blick der Mutter und Schwiegermutter verliefen die ersten Wochen der Ehe von Inge und Heinrich im völlig ausgebombten alten Berliner Scheunenviertel noch einigermaßen harmonisch – bis das Paar eine eigene Wohnung in der benachbarten Gipsstraße bezog. Sohn Thomas wurde kurz darauf geboren.

Kurz darauf war es ausschließlich Inge, die für den Haushalt und das kleine pausbäckige Bürschchen sorgte, da „Enrico“ – unter diesem Namen, den Heinrich sich selbst bald zulegte,  ging Heinrich in die Geschichte des Kiezes um die Gipsstraße und die Joachimstraße ein – meistens saß er bis in die späte Nacht in der Eckkneipe, machte Skatschulden und nebenbei hackte er auf dem alten Klavier an einer eigenen unendlichen Komposition herum. An diesem Kneipen-Machwerk, „Beethovens Tod“ genannt, arbeitete er schwer, zum Gaudi des Publikums. Bald war er anerkannter Alleinunterhalter. Sein Gehabe, die Witze und zynischen Lebensweisheiten, die er zum Besten gab, strotzten von makaberem Einfallsreichtum und trieften vor Eitelkeit. Er benutzte seine Intelligenz, um den biederen Kneipenfreunden – meist einfache, schlichte Gemüter und dazu recht ungebildete Arbeiter – seine Überlegenheit zu zeigen.

Inge arbeitete anfangs noch in einem Pressebüro. Sie wurde Chefsekretärin, begabt, wie sie war, trotz ihrer Jugend. Ihr umtriebiger Ehemann machte sich just in dieser Zeit auf den zweiten Bildungsweg und hatte für Heim und Söhnchen Thomas gänzlich keine Zeit mehr. Um ihm das angestrebte Notabitur, in der Nachkriegszeit ein begehrter Ersatz für die Hochschulreife, zu ermöglichen, arbeitete Inge länger als üblich, und Paula kümmerte sich derweil um den kleinen Thomas.

*

Von Frauen wurde Heinrich inzwischen im Kiez „Der schöne Enrico“ genannt. Er nahm seine Bildungsmaßnahme sehr wichtig. In der Freizeit, nach Schule und Kneipe, lag er meist auf der Couch und aß so gut wie alles, was Inge und Schwiegermutter Paula mühselig an Lebensmitteln besorgten, allein auf. Nach dem Essen war es ihm inzwischen zur Gewohnheit geworden, sich in die gemütliche Couch zurückzulehnen und mit einer kleinen Nagelfeile der Pflege seiner feingliedrigen, immer sauberen Finger zu widmen, leicht vom Tisch abgewendet, um die Form zu wahren. Zwischendurch blies und pustete er immer wieder den entstandenen feinen Staub seiner Fingernägel in die Luft, rieb sie einige Male am Revers des billigen aber tadellos sitzenden Jacketts und hielt zum Schluss der Prozedur die nach oben abgewinkelten Hände, mit den Handflächen nach außen, weit vor sich hin gestreckt. Nach wohlgefälliger Betrachtung sank er mit geschlossenen Augen in die Kissen zurück – als Signal für sein über ihn gekommenes Bedürfnis nach Ruhe und verdientem Nickerchen. Während der allgemeinen Gespräche, die sich notgedrungen meist um die Frage der Versorgung mit dem Notwendigsten drehten, in den Zeiten seines häuslichen Wachseins – gab er immer wieder eines zu verstehen: Eine Beteiligung an den allwöchentlichen Hamsterfahrten zu den Bauern ins Umland kam für ihn nicht infrage. Viele Berliner, die dabei ihre letzte Habe gegen Lebensmittel tauschten und oft an übermäßig habgierige Bauern gerieten, kamen aber nur dadurch über die Runden. Heinrich lehnte diese und andere allgegenwärtige Tauschgeschäfte stets brüsk als kriminelle Delikte ab.

Diese Hamsterfahrten und ebenso der in ganz Berlin inzwischen, als Folge der allgemeinen Notlage, entstandene, sogenannte Schwarzmarkt, bei dem Alle mit Allem und Jedem handelten, waren zwar offiziell verboten, doch sehr oft drückte die Polizei beide Augen zu.

„Enrico“ aber machte aus einer Mücke einen Elefanten. Nun Kommunist und angehender Kriminalpolizist – für diesen Posten hatte er sich inzwischen erfolgreich beworben – distanzierte er sich bei jeder passenden Gelegenheit kategorisch, mit demagogisch belehrend verzogenem Gesichtsausdruck, vom kapitalistisch gesteuerten Ganoventum, wie er es ausdrückte. Die von der sowjetischen Besatzungsmacht ein Jahr zuvor – im Juni 1948 – über den „von den amerikanischen Imperialisten gesteuerten“ Westteil Berlins verhängte Blockade aller umgebenden Zufahrtsstraßen dorthin, begrüßte er sehr.

Die Zeit verging, die Blockade der Sowjets brachte nicht den gewünschten Erfolg, die Hoffnung, dass die Westmächte, Amerikaner, Engländer und Franzosen die von ihnen besetzten Berliner Sektoren aufgaben und Berlin ganz verließen, hatte sich zerschlagen. Die Westberliner gingen, entgegen aller Erwartung der Sowjets und der Machthaber im Ostteil, so gut wie nicht hamstern und einkaufen im Osten, sondern schränkten sich weitgehend ein. Sie verließen sich ganz auf die solidarische Hilfe der Westalliierten bei der groß aufgezogenen Luftbrücke. Flugzeuge versorgten über die unantastbaren, vorhandenen Luftkorridore rund um die Uhr die Westberliner, bis die Sowjets die Wirkungslosigkeit ihrer Blockade begriffen und aufgaben – das geschah im ersten Halbjahr 1949.

Etwas anderes geschah auch, so nebenbei, in dieser geschichtsträchtigen Zeit, noch kurz vor dem Ende der Blockade:  Meine Geburt, am 16. April im Jahr 1949.

wird fortgesetzt

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Episode in Berlin 1975,

Die Entscheidung

Es war ganz sicher, zumindest für eine gewisse Zeit, das berauschendste, glückhafteste Ereignis, als mir in jener Nacht im „Altdeutschen Ballhaus“ (vielleicht war es auch in “Clärchens Ballhaus“) – ich war schon reichlich alkoholisiert und genauso stark desillusioniert – Fräulein S…… über den Weg lief. Nüchtern hätte ich mich niemals an sie herangemacht, also auch Glück – das mit dem Alkohol.

Jedenfalls johlte ich allein auf der schokoladenbraun verbohnerten Tanzfläche gerade die Arie vom abgebrochenen Tenor, und im Hintergrund spielte blechern die Hausband – eine wahre Rentnerband – auf antiquierten Blech- und Holzinstrumenten die Schlager von Gestern.

Plötzlich erfasste mein trunkener Blick direkt vor mir ein wippendes Mädchenpaar, um die zwanzig Jahre alt, die eine, kleinere, von korpulenter nichtssagender Gestalt mit ausdruckslosem Gesicht, – aber die andere – in ihrem Arm! – DIE WAR ES!!

Die ragte hoch empor, in einem engen Rosa-Strickpullover, in Bluejeans, mit einem herben, stupsnasigen Gesicht und großen hellblauen Augen – dunkelblond, mit einer die Ohren zeigenden Pagenfrisur, eine Jane Fonda im billigen Tanzsaal des Endzeitfilms „Auch Pferden gibt man den Gnadenschuss“!

Oh, dank dir Alkohol, dank dir Kumpel, dass du mit mir in dieser erst so traurigen und späten Nacht in diese Insider-Kaschemme geschlittert bist. Traurig war es ja, dass ich mich mit meinen fünfundzwanzig Jahren und meiner irrationalen romantischen Ader sehr einsam fühlte und Tag und Nacht auf der Suche nach der großen Liebe war – bisher immer vergebens.

Ich lebte spürbar sehr auf, als ich die plötzliche Weiblichkeit nach meinem mutig gesäuselten „Darf ich bitten?“ im Arm hatte und den Druck Ihres Körpers eng und warm an mir spürte.

Ich tanzte glücklich – immer noch Arien singend – mit dieser herben Großen über den streng nach Bohnerwachs duftenden, glatten braunen Boden – und sie lachte und schwenkte mit mir herum; ich sah nicht, dass die Freundin ein langes Gesicht zog – das erfuhr ich erst später – erfuhr, dass sie vor Neid wie eine Suppe aufgekocht war.

Aber ich hatte am Ende, als der Kumpel mit mir wieder auf der nächtlichen Gasse stand, und als der kalte Wind in der Dunkelheit an den abgeblätterten alten Fassaden alter Mietshäuser vorbei strich und mir ins Gesicht fuhr – ja, da hatte ich einen Zettel in der Tasche, auf den Jane Fonda mir ihre Adresse ohne sich zu sträuben ´rauf gekritzelt hatte.

*

Es vergingen etwa drei Wochen, bis ich meinen ganzen Mut zusammennahm – inzwischen war ich ja längst nüchtern (und schüchtern!) – und gleich nach Arbeitsschluss die paar Stationen mit der Straßenbahn zu ihrer Wohnung fuhr. Vor der Hausnummer 4 eines weiß gekachelten Plattenbaus holte ich tief Luft und klingelte an der Sprechanlage.

In diesem Moment war mir, als fühlte ich die körperliche Nähe dieses schlanken und hoch aufgeschossenen Weibes mit dem markanten Pagenkopf und den armbanduhrgroßen Augen von der Farbe eines frisch ausgewaschenen Jeanshemds.

Wie würde ich es verkraften, wenn dieses stattliche und frauliche Wesen es fertig brachte, mich spätestens nach Fixieren meines dünn bebarteten Milchgesichts über einem ebenso dünnen, knapp mittelgroßen, belanglosen Körper, einfach wegzuschicken?? Ich blickte an mir hinunter.

Am liebsten wäre ich schnell wieder davon gezogen.

Zu spät – Knacken, Rauschen, – und plötzlich sprach mich unvermittelt eine heisere Blechstimme an, – unpersönlich, schnarrend und laut, als befände sich der dazugehörige Mund fast an meinem Ohr:

„JA? WER IST DA??“

„Ein guter Freund.“ (Die Spontaneität meiner Antwort überraschte mich)

Sofort summte das Türschloss. Die gleiche Stimme ertönte wieder, kurz und bündig:

„SECHSTER STOCK!“

An der Wohnungstür drückte ich auf einen kleinen Klingelknopf unter einem Alltagsnamen.

Das Gesicht im Türrahmen befremdete und überraschte mich gleichzeitig. Wieder strahlten mich diese unendlich hellblauen, großen Augensterne an, skeptisch, abwartend, erwartungsvoll – aber wenigstens nicht abweisend. Doch der Mund schien mir etwas herb zu sein und vielleicht zu groß; zwischen den Vorderzähnen zeigte sich eine kleine Zahnlücke.

Die wellige Pagenfrisur bedeckte nicht die Ohren und war so aus der Form geraten, dass die dunkelblonden Haare ein wenig angeklebt wirkten. Im Bruchteil einer Sekunde glaubte ich zu wissen: `Die ist nicht dein Typ, – und ziemlich groß ist sie auch; ich würde schon gerne etwas auf sie herabsehen wollen, und, und, und…! `

Aber nun war ich schon mal da, – und ich spürte ihre neugierige, unaufdringliche Erwartung.

Also murmelte ich einen Spruch, der sich auf unsere Begegnung und den Zettel mit ihrer Adresse bezog. Sie bat mich herein, während ihr strahlend hellblauer Blick unverwandt meine Augen in Schach hielt.

Während sie uns Tee in der kleinen Küchennische machte, saß ich am Tisch in dem einzigen Zimmer der Wohnung und schaute mir die Einrichtung an. Der Raum war nicht sehr groß. Die wenigen hell -kieferfarbenen Möbel waren sauber und standen an der richtigen Stelle. Einige gefüllte Bücherregale, zerstreute Schreib-Utensilien, zwei oder drei wenig aufdringliche Bilder und passende kleine Skulpturen aus naturfarbenem Holz vermittelten einen wohnlichen, geschmackvollen Eindruck.

Alles war einfach und weiblich aufgeräumt, ohne langweilig zu sein. Ich fühlte mich wohl.

So saßen wir uns gegenüber, tranken Tee und unterhielten uns, und bald offenbarte ich ihr meine verschiedenen, nicht ganz in der Norm liegenden Ansichten, auch die politischen.

Ihr schalkhafter Widerspruch reizte mich zu kleinen Diskussionen und etwas hitzigen Vorträgen. Wir redeten und redeten, und ich begann mich richtig wohl zufühlen.

Unbarmherzige Zeit!

Spät abends, etwa gegen elf Uhr, entschloss ich mich schweren Herzens zu gehen, um den Anschein von Anstand zu wahren und mir die Blamage eines sanften Rausschmisses zu ersparen. Aber ich erlebte jetzt eine der angenehmsten Überraschungen meines Lebens, die wie eine Glücksquelle in mir hoch aufsprudelte.

Also, ich murmelte: „Dann werd´ ich jetzt mal gehen, – ich will dich nicht weiter stören, es ist ja schon spät geworden.“ – (Warum war ich plötzlich so traurig und niedergeschlagen?)

Sie wurde ganz blass, und mich entzückte ihre sichtbare Enttäuschung – sie schien erschrocken, als ich aufstand, um zu gehen.

Dann kamen sie, diese ERSEHNTEN WORTE:

„Bleib` doch noch ein bisschen da, ich mach´ noch einen Tee.“

Sichtlich erschrocken war sie, ja, und ich darüber entzückt.

Ich blieb. Nur zu gern und von Freude beseelt. Blieb über Nacht; die S-Bahn fuhr längst nicht mehr.

Ich blieb länger, und schon nach wenigen Tagen war ich verliebt und glücklich wie niemals vorher und niemals nachher.

Nur zwei Monate später, Weihnachten kam und Sylvester, waren wir wie im Rausch – die Verliebtheit schien unwirklich.

Als ich sie nach nicht einmal einem Jahr verließ, hatten wir  wesentliche Differenzen bereits durchlebt und durchdiskutiert, und waren nicht nur noch ineinander verliebt – die Liebe begann!

Die Entscheidung zu gehen, traf ich, ohne darüber nachzugrübeln.

Ich liebte das Mädchen, aber ich sehnte mich nach Freiheit; nein ich war davon besessen und beseelt. Mein Verlangen, der Willkür, der Enge und  übermächtigen Bevormundung zu entkommen, brannte seit Jahren in mir wie ein höllisches Feuer.

Verhaftungen, Geschepper von Blecheimern, klirrendes, rasselndes Knallen und Donnern der Gittertüren,  dröhnendes Gebrüll, in den Fluren Gerüche von Scheuermitteln, Küchenabfällen  und billigstem Kantinenfraß, vermischt mit schweißigem Männergestank und  Bohnerwachsdunst – lange Jahre noch plagten mich nächtlich Albträume dieser Art. Bis heute verabscheue ich menschlichen, unartikulierten Lärm.

O nein! Keine andere Frau hat mir damals den Kopf verdreht, – es war etwas gänzlich anderes. Es war die lang ersehnte persönliche Freiheit, für die ich selbst kompromisslos eine  Liebe aufgab, welche ich  so leidenschaftlich erträumt hatte, bevor sie mir nun endlich begegnet war. Und dennoch gab es für mich nicht einen Moment des Bedenkens, als ich nun in jenem August des Jahres 1975 die Ausreisegenehmigung aus Ostberlin nach Hamburg bekam – obwohl unsäglich verliebt, obwohl voller Glück – dieses wirklich große, das wirklich seltene, nie mehr wiederkehrende.

Unsere heiteren, streitenden und tiefsinnigen Gespräche,  das warme Sehnen, die erfüllende süße Ruhe, die körperliche und geistige Anziehung – so unwirklich schön das alles auch war, – mir bot sich endlich, noch so jung, die  einmalige Gelegenheit, den verhassten Staat zu verlassen und in eine noch unfassbare, absolute Freiheit  zu gelangen.

Dazu noch jenes, sich schon ab den vorpubertären Jahren aufgebaute  Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht. Nach den Erfahrungen und Enttäuschungen aus frühesten Jugendjahren, erschien es mir animalisch und oberflächlich – ja fast vulgär.

Die Entscheidung, mit nichts in der Tasche als den Ausreisepapieren, einer Fahrkarte nach Hamburg, drei Koffern und zwanzig Westpfennigen, im blühendsten Alter von fünfundzwanzig Jahren nun dieses Mädchen zu verlassen – verlassen zu müssen! –  habe ich nicht bereut.

Mir war klar, Liebe oder nicht, ich hätte sie nie dazu bringen können, mir in den Westen zu folgen, dazu war sie von der Politik dieses Zwangsstaates viel zu überzeugt.

Unsere Verbindung war nach meiner Ausreise für alle Zeiten beendet – aber das hatte ich im Wirrwarr meiner Gefühle völlig übersehen, und wenn nicht, so hätte das an meinem Entschluss zu gehen, nichts geändert.

Nachdem sie mir bei meinem ersten Besuch im Osten, wenige Wochen später, unmissverständlich klar machte, dass es mit uns aus war, überfiel mich eine andauernde, schwere Depression.

Zunächst aber machten wir ES noch einmal eine Stunde lang. Sie drängte es mir fast auf (ich werde die Gefühle einer Frau nie verstehen), und ich war fast drauf und dran, wieder zu ihr – und damit in den Osten – zurückzukommen. Glücklicherweise – sage ich heute –  blieb sie hart, und  war am Ende fast ohne Gefühl für mich. Kalt schob sie mich nach zwei Stunden aus der Wohnung. Am Boden zerstört schlich ich davon.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, fuhr ich im Wahn, es würde dennoch wieder wie früher zwischen uns werden, zu ihr nach Ostberlin und klingelte entschlossen unten an der Sprechanlage.

Ein eisiges „Nöö!“ – ein Knacken.

Kein Stammeln nützte etwas; alles war aus.

Für Wochen versank ich in eine Art Totenstarre.

Das Wunder trat ein, als ich in einem Zwischenhoch meiner tiefen Depression nach einigen Wochen an Weihnachten noch mal in Ostberlin meine alten Kumpels besuchte.

Am 1. Weihnachtstag saß ich kurz vor meiner Rückkehr nach Westberlin spät abends noch unten im Fernsehturm-Café´ am Alexanderplatz, war vom Rotwein schon erheblich angesäuselt und in schwermütiger Stimmung.

Es war nicht zu glauben – plötzlich spazierte sie mit ihrem Bruder und einem Kerl herein.

Die drei setzten sich mir fast gegenüber, wie bei einer Verabredung, mich zu treffen, aber mich dabei gänzlich zu übersehen.

Ich starrte hinüber, trank noch mehr Rotwein, – farbige Ringe begannen vor meinen Augen zu tanzen.

Blöd muss ich dagesessen haben; in Erinnerung  sind mir nur Leere und Schwere, eine zementsackschwere Last und verhaltene Tränen, die mir langsam an der Nase vorbei herunterrannen.

Als sie aufstand und in der  Toilette verschwand, schob ich mich hoch und ging ihr nach.

War dies meine Chance, die nie wiederkehren würde? Natürlich, sie wollte mir Gelegenheit geben, uns auszusprechen, bildete ich mir ein.

Das Gespräch war indes kurz und ernüchternd.

Schuldzuweisung an mich, Kühle, Ablehnung, Rückkehr an ihren Tisch. Fremdheit trennte uns, so, wie eine unsichtbare aber undurchlässige Folie zwei Wesen nur trennen kann.

Ich trank noch mehr Wein. Die wallenden Ringe vor meinen Augen wurden farbiger und die Tränen größer und schneller. Grußlos gingen die drei bald darauf hinaus.

Gerade begann ich, im Stuhl endgültig zusammenzusacken, da ging die Tür wieder auf, und sie kam allein zurück. Nicht, weil sie etwas vergessen hatte, denn sie setzte sich an einen leeren Tisch, als wäre sie eben gar nicht hier gewesen und ich jetzt gar nicht vorhanden.

Ich bildete mir also ein – wer hätte dies in meiner Situation nicht getan? –  sie hätte sich besonnen und wäre meinetwegen zurückgekommen. An dieser Hoffnung klammernd, ging ich zu ihr hinüber, fragte und durfte mich zu ihr setzen, ertrug einige Zeit ihre eisige Ablehnung, ihre anteillosen Vorwürfe. Schließlich platzte ich hinaus:

„Du bist ein Schwein!“

Überrascht und sichtlich getroffen sah sie mich fast ungläubig an, stand auf  und ging.

Ich habe sie nie wieder gesehen, bis heute, über dreißig Jahre danach. Aber mein Liebeskummer, und damit die schlimme Depression, waren am nächsten Morgen beim Frühstück im Westberliner Hotel, wie weggeblasen, für immer.

Welch Erlösung!

Roman wird fortgesetzt

 

                                                                                                                                                          *

Die Wissenschaft vom Zufall, Gesetze der Periodizität und Zwangsläufigkeiten, Empirik, Erkenntnisse auch am Roulette und anderen Glücksspielen. Die Machenschaften der Glücksspiellobby, das Geschäft mit dem Glück, Lotto, Spielautomaten, Roulette, Zufall,  Bekenntnisse, die wichtige persönliche Permanenz, die einzig möglichen Gewinnmöglichkeiten und die angewendete  Verlustreduzierung

 Sachbuch

                                                    Grundsätzliches

Große Roulette- und Zufallsforscher waren Jahrhunderte lang dem Geheimnis des Zufalls auf der Spur. Dabei entdeckten sie durch unermüdliche Versuchsreihen – weniger durch mathematische Theorie sondern empirisch – überraschende Naturgesetze.

Das Hauptwerk des wohl bekanntesten Mannes, welcher sich seit den Zeiten Blaise Pascals (der der Roulettemaschine ihren Namen gab), ist – das vorab – erst nach längerem und wiederholten  Durcharbeiten für Neulinge einigermaßen verständlich. Gemeint ist jenes großartige, im Jahre 1925 erschienene Werk, unter dem (deutschen) Titel „Ein Stück pro Angriff“, verfasst von Marigny de Grilleau, dem unermüdlichen Forscher des Geheimnisses des Zufalls. Es liest sich dennoch wie ein spannender Roman für denjenigen, der von Zufall, Glück und Glücksspiel fasziniert ist.

Ein weiterer Autor, Kurt v. Haller schrieb vor Jahren ein Buch, das jeder, den diese Materie interessiert, lesen sollte: „Die Berechnung des Zufalls“, unserer Meinung nach ebenfalls für alle unentbehrlich, die sich der Wissenschaft des Zufalls verschrieben haben. Henri Châteaus „Standardwerk der Roulettewissenschaft“, ebenfalls eine Buch-Legende dieser Materie, sei hier noch erwähnt.

Diese Werke sind nicht mehr leicht zu bekommen.

Die Naturgesetze, welche den „Zufall“ bestimmen, und welche von Grilleau so ausführlich beschrieben werden, unterliegen einem verblüffenden Reglement und sind in ihrer gesamten Tiefe deshalb so schwer zu begreifen. Ebenso könnten wir uns fragen, wo der Kosmos beginnt und wo er aufhört. Eine Antwort wäre wohl kaum in Sicht, außer wieder mal bei Formeln von gewissen Mathematikern und theoretischen Physikern.

Einige Psychologen und Psychiater haben abhängige Spieler als „pathologische“ Kandidaten auf der „Basis einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur wegen früherer Störung in der Mutter-Kind-Beziehung, mit Problemen der Libido und der Mutter als Liebesobjekt“ bezeichnet. Das ist nicht nur einseitig und fast lächerlich sondern geradezu eine Beleidigung. Jeder Mensch, auch ein Psychoanalytiker, Psychiater oder Psychologe, hat gewisse Süchte, je nach Veranlagung und Lebensumstände in der Gesellschaft. Jeder muss mit seiner eigenen realen Sucht kämpfen.

Spielautomaten

Das Spiel in den überall verbreiteten Spielhallen und in Kneipen gilt nicht als reines Glücksspiel, welches hauptsächlich aus staatlichem Profitstreben offiziell nur den Spielbanken mit besonderen staatlichen Konzessionen erlaubt ist. Kleine Eingriffe im Spielablauf, etwa Stopptaste und Risikoleiter machen originellerweise aus dem Glücksspiel ein Geschicklichkeitsspiel, auch wenn es sonst inzwischen kaum Unterschiede gibt. Das Betreiben derartig beeinflusster Spiele erlauben die Gemeinden und Städte unter Auflagen in bestimmten Gebieten jedem, der eine saubere Weste vorweisen kann, für eine gewisse Gebühr.

In der letzten Zeit sind die ursprünglich rein mechanischen bzw. teilweise mechanischen Automaten praktisch überall ausgemustert worden. Nicht ohne Grund!

Es leuchtet ein, dass rein mechanisch betriebene Walzen ebenso wie ein mechanisches Roulette, das von Croupiers bedient wird, auch ein rein zufälliges Ergebnis erbringen. Kein Croupier hat einen spürbaren Einfluss auf den Kugellauf bei einem fehlerlos arbeitenden Roulettekessel mit seinen durchdacht verteilten 37 Zahlen. Blaise Pascal hat da, als er sich des ursprünglich wohl chinesischen Spielzeugs mathematisch verbessernd, annahm, ganze Arbeit geleistet. Wie weiter unten beschrieben, sind die Auszahlungen der Automaten, je nachdem, welche Symbolkombinationen erscheinen, so berechnet, dass der Spielbank ihr Gewinn immer garantiert wird – von jedem Euro Spielkapital verbleibt ihr so viel, dass die Betreiber und Konzessionäre ein sorgloses Leben führen können, und der Staat kassiert dazu eine sehr hohe Steuer allein auf diese Spieleinsätze. Diese „Glücksspiele“ sind nur mit staatlicher Konzession erlaubt. Die bringt weitere Summen ein.

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Beim mechanisch konstruierten Spielautomat verteilen sich beim Stillstand der Walzen die Symbole darauf zufällig – je nach Anordnung insgesamt und zueinander, und es kommt entweder zu Gewinn oder Verlust – je nach vorgegebener Erscheinungshäufigkeit größere oder kleinere. Vier gleiche Symbole auf einer Linie erscheinen bereits selten. Insbesondere gerade jene Symbole, welche höhere Gewinne bringen, sind sehr rar. Sogenannte „klassische“ mechanische Automaten, wie jene, die nur drei Symbole auf einer Reihe hatten und inzwischen virtuell in Bildschirmen zu spielen sind, sollten inzwischen gemieden werden – die elektronische Programmierung bietet lediglich eine Spielunterhaltung, auf die Dauer immer nur mit Verlust für die Spieler.

Fünf gleiche Symbole bei anderen virtuell, elektronisch gesteuerten Geräten (Bildschirmansicht), die für besonders hohe Gewinne stehen, bis hin zum Jackpot, erscheinen durchschnittlich gerade mal alle paar Jahre bei dauerhaft, praktisch ununterbrochenem, Lauf. Für den einzelnen Spieler mitunter rein zufällig, ganz plötzlich.

Ein übliches Beispiel für die größten Jackpots (Millionenbeträge) ist dieses: Mehrere Automaten – nehmen wir zehn an – sind so zusammengeschaltet, dass von allen zusammen ein Bruchteil aller Spieleinsätze aufgezählt wird. An einem dieser zehn Automaten kommt der große Jackpot (aber muss nicht) durchschnittlich einmal im Jahr, bei täglichem Betrieb. Gewonnen wird der Jackpot, wenn die fünf Symbole auf der fünften Spur, einer Diagonale mit der Spitze nach oben, erscheinen, etwa fünfmal eine fette rote 7 (77777) oder auch fünf grüne Sektflaschen oder bestimmte weitere Symbole. Die fünfte Spur erfordert einen eigenen entsprechenden Einsatz, meist mindestens fünfzig Cents, früher eine Mark. Noch heute ist das folgende Beispiel das verbreitetste in Spielhallen und Spielbanken: Erste Spur (die mittlere von drei horizontalen) wird allein gespielt, wenn ein einziger Einsatz gesetzt ist. Die zweite Spur (die obere) erfordert zusätzlich einen Einsatz u. s. w. Die fünfte Spur ist besagte Diagonale mit der Spitze nach oben.

Dies war oder ist in ähnlicher Form noch heute der Millionen-Jackpot. Bei Spielen mit weniger als fünf Spuren (jeweils mit mindestens einer Mark bzw. heute einem Euro Einsatz), gab und gibt es den Jackpot nicht. Wer also die fünfte Spur aus Sparsamkeitsgründen nicht mit einem Einsatz belegte, ging bzw. geht immer noch bei Erscheinen der entsprechenden Symbole leer aus, zumindest beim Jackpot.

Der Spielbank machen diese Jackpots nichts aus, denn die summieren sich aus den Einsätzen der Spieler. Jeder Euro zweigt hier etwa einen Cent für den Jackpot ab, früher jede Mark einen Pfennig  –  das ist absolut bedeutungslos für die letztlich fast den gesamten Spieleinsatz kassierende Bank. Ob die heutigen Online/Internet-Spielbanken ihre größten Jackpots, bei denen man auch so eine Aufzählung während der Spiele beobachten kann, jemals auszahlen, wenn sie denn gewonnen werden? Die Antwort sei dahingestellt. Seriosität, Umsätze und Bilanzen sind schwer einzuschätzen, und die AGB und Spielregeln sind so verfasst, dass berechtigte Zweifel bleiben. Der Möglichkeiten, Gewinne nicht auszuzahlen, werden in den Bedingungen und AGB viele genannt.

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Es gab in den Spielcasinos einige Automaten, mechanische und später auch virtuelle, die auf drei Walzen statt der jeweils üblichen fünf Symbole mitunter nur vier hatten. Vier bestimmte Symbole – etwa Dollarzeichen – auf der mittleren Walze gewannen viele tausend Mark. Praktisch alle diese Automaten wurden inzwischen ausgemustert, denn vier gleiche Symbole auf der Walze erscheinen ja im Regelfall erheblich öfter als fünf, was den Banken irgendwann auffiel, so wie auch der Umstand, dass diese Automaten insgesamt und grundsätzlich entsprechend weniger Geld als jene mit fünf Walzensymbolen einspielten. Gewisse, für Spieler gewinnträchtige Symbole, sofern angeboten, erschienen öfter als eingeplant – immerhin ein Gewinn von oftmals gut vierzig tausend Mark bei nur fünf Mark Einsatz. Alle diese Automaten wurden mittlerweile klammheimlich verschrottet, sie sind längst von anderen mit ausschließlich elektronisch programmierbaren, schwerer zu erlangenden Gewinnmöglichkeiten abgelöst. Die heutigen Geräte verschlingen aufgrund dessen, und weil den Spielern nun noch viele zusätzliche Spiele auf den einzelnen Bildschirmen entgegen flimmern, bereits Unmengen an Geldscheinen ohne Unterlass, in speziell vorgegebenen Schlitzen.

Die Walzen der alten Zeit sind jetzt auf dem Bildschirm rein virtuell, nur noch als „rollende“ Nachbildungen, sichtbar, nunmehr in allen möglichen Anordnungen, mehrmals diagonal und sonst wie kreuz und quer – auch Linien oder Spuren genannt. Jede davon – durchschnittlich bereits zwanzig – erfordert einen eigenen Geldeinsatz, was sich für den erforderlichen Kapitaleinsatz erheblich summieren kann. Entsprechend sind zwar die Gewinnchancen höher, aber auch der Kapitalverlust. Den Hauptteil aller Einsätze kassieren stets die Banken und der Staat. Für ernsthafte Aussicht auf einen Millionenjackpot, waren und sind in den großen öffentlichen Spielcasinos entweder mindestens fünf der Rollen (Spuren) mit jeweils ab 50 Cent zu besetzen, oder der Höchsteinsatz überhaupt. Die Chancen des einzelnen Spieler, dass dieser Jackpot für ihn klingelt und leuchtet, sind fast gleich null, ganz so, wie sechs Richtige beim Lotto.

Elektronische Programmsteuerungen können verändert, Verlust und Gewinn im Voraus festgelegt und jederzeit beeinflusst werden, soweit gesetzlich erlaubt. Der echte Zufall sieht also anders aus.

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Unbequeme Wahrheiten über das sogenannte Geschicklichkeitsspiel an den Automaten in  Kneipen und Spielhallen, dem Glücksspiel in den Automatenhallen der Spielbanken

Das Geschäft mit dem Glück, Lotto, Spielautomaten, Roulette, Zufall,  Bekenntnisse, die wichtige persönliche Permanenz, die einzig möglichen Spielweisen für Gewinne

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(Vorab: Zumindest beim Roulette besteht weitgehend Chancengleichheit. Wir beschreiben das später.)

Wie schon beschrieben, sind die oben beschriebenen Automaten inzwischen innen rein elektronisch aufgebaut d. h. Mechanik und Optik wurden völlig verändert und die frühere Zufälligkeit von Gewinnen und Verlusten wurden durch ausschließlich elektronisch programmierbare Gewinnmöglichkeiten und ebenso elektronisch erzeugten Walzenbildern abgelöst. Zwar bleiben die Zufallsgesetze aufgrund eingebauter Zufallsgeneratoren bestehen, aber Bewegungsabläufe und Gewinnausschüttungen können jederzeit beeinflusst werden. Natürlich behielten auch die einstmals mechanischen Automaten ihren Bankteil ein, aber die starren Einstellungen lieferten auch unveränderbare Gewinne. Im Ergebnis bedeutet dies aber grundsätzlich dass ein einmal festgelegter prozentualer Anteil des Spieleinsatzes längerfristig immer der Bank (dem Betreiber) zufällt und ein Spieler die höchsten Gewinne während seiner gesamten Spielzeit praktisch nie bekommt.

Wie beim Lotto ist dann vielleicht einer unter vielen Tausenden und Millionen Spielern der Glückliche. Beim Lotto muss auch mit anderen Gewinnern geteilt werden, und was dem Gewinner bleibt, ist im Verhältnis zur Höhe des Einsatzes aller Spieler ein lächerlicher Betrag. Man bedenke, dass die Chance auf sechs Richtige beim Lotto 6 aus 49 etwa 1:14.000.000 beträgt. Ein Lottospieler müsste also theoretisch ca. 14 Millionen Tipps setzen, um seinen Sechser zu bekommen – Praktisch spielt er per Woche ein paar Tipps oder auch einige mehr. Selbst ein Wocheneinsatz von 1000 Tippscheinen würde seine Chance nicht vergrößern, sie steht noch immer bei rund 1000:14.000.000

Wer einmal vor einem Roulette mit seinen 37 Zahlen (Chance 1:37) gestanden hat und sich entscheiden musste, welche der Zahlen im Kessel er setzen soll, wird sich an einen Kessel mit 14 Millionen Zahlen, von der nur eine einzige den großen Gewinn bringt, sicher nicht im Traum heranwagen.

Weil aber Millionen Menschen jede Woche die Lottostellen belagern und dann nicht nur eine einzige Kombination ankreuzen, ist wenigstens ein großer Treffer meist dabei – für den glücklichen Gewinner ein Freudenfest.

Die unteren Ränge sind extrem benachteiligt wegen der geringen Auszahlung (sogar 5 Richtige kommen über einen fünfstelligen Betrag kaum hinaus), und das, obwohl die Gewinnchancen immer noch zigtausend zu eins stehen Diese unteren Ränge machen praktisch den Hauptteil der Auszahlungen an die Spieler insgesamt aus, doch ausgezahlt wird bei allen Gewinnen insgesamt nur die Hälfte der Einzahlungen. Diese Hälfte wird überwiegend durch die Masse der kleinen Gewinner geteilt. Der Staat bzw. das Land kassiert die andere Hälfte grundsätzlich ein. Wir sind überzeugt: Nur ein Teil davon wird wirklich guten und wichtigen Zwecken zugeführt, der beachtliche Rest dient der Auffrischung der landes – oder bundeseigenen Kassen.

Weitere wichtige Anmerkungen zum Spiel an Automaten 

Der einzelne Automatenspieler braucht auf den großen „Jackpot“ nicht zu warten. Im unwahrscheinlichen Fall dass er doch gewinnt, kann er den Spielregeln und AGB´s der Betreiber zuvor schon entnehmen, welche Chance er dann für eine Auszahlung hat. Das gilt zumindest für die zahlreichen Online Casinos.

Spieler können mit geringen Einsätzen und etwas „Taktieren“ bei dem einen oder anderen Spiel sicher etwas gewinnen, das dann aber später wieder garantiert verloren wird. Es wird auch immer wieder versucht, mit kleinsten Einsätzen, auch im „Spaßmodus“ der Onlinebanken (also ohne eigenes Geld), längere Spielphasen bis zu einem erheblichen „Verlust“ zu spielen, und ab hier mit größeren, echten eigenen Einsätzen weiterzuspielen. Ob und wie dabei gewonnen werden kann, ist ein interessantes Kapitel für sich, und wir widmen dem deshalb später einen eigenen Abschnitt, auch, weil dies nach unserer Ansicht nur beim Roulette die einzige wirklich sichere Gewinnmöglichkeit ist (Spiel auf Ausgleich). Ob das Roulette auch beim Spiel auf die scheinbar gerade vorherrschenden Favoriten von Chancen, Zahlengruppen etc. zu bezwingen ist, jedenfalls auf Dauer, bleibt  dagegen ein noch nicht gelöstes Geheimnis. Wir glauben nicht an den Erfolg solcher Spielweisen. Zu bemerken wäre, dass fiktive oder sehr niedrige Einsätze für Automatenspieler nur im Online-Spiel, in den Online-Casinos, möglich sind. Allenfalls sind kleine und kleinste Einsätze auch noch in den üblichen, sehr verbreiteten Spielhallen möglich. Doch auch in den professionellen Spielbetrieben mit ihren höheren, laufend und zwingend zu tätigenden Einsätzen kann bei genauer Kenntnis der Materie vorübergehend durchaus gewonnen werden, zumindest ohne gleichzeitig andauernde, sich summierende größere Verluste.

Darüber später mehr.

Die üblichen öffentlichen Automaten-Spielhallen, die es praktisch überall gibt, haben mit denen aus der Vergangenheit heute nicht mehr viel zu tun. Mit Tricks und Einflussnahme der entsprechenden Lobbyisten ist es ihnen gelungen, fast identische Automaten-Spiele anzubieten, solche, wie jene in den originalen Spielbanken. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Automaten in Online-Casinos auch mit kleinstem Einsatz gespielt werden können, ab 1 Cent aufwärts, und in den üblichen Spielhallen mittlerweile ab 5 Cent. Hier besteht ein guter Ansatz, mit kleinsten Einsätzen Verluste zu erzeugen, um dann höher zu setzen, was nicht heißt, dass diese Methode den gewünschten Erfolg bringen muss, zumindest nicht zwangsläufig.

Die vorläufige Quintessenz ist – bei kleinen Einsätzen und seltenem Spiel – eine Beschäftigung, welche das Monatsbudget verschlechtert, wenn auch nicht übermäßig. Der Spaß ist es dem Spieler letztlich wert. Wir raten zu dieser Spielweise aber nur Spielern, welche insbesondere am Spielspaß interessiert sind und nicht mit größeren Gewinnen rechnen. Unabhängig davon kann hierbei jederzeit eine Gewinnkombination kommen, die dem Einsatz entsprechend einen erfreulichen Geldregen beschert. Für alle Spieler, welche dem Gewinn vor dem Spaß den Vorzug geben, gilt eine klare Regel:

Eine der einzigen beiden Möglichkeiten, vielleicht tatsächlich einen großen Gewinn zu erspielen, besteht darin, bei Automatenspielen nach dem oben beschriebenen Prinzip von lang andauernden Verlustspielen mit geringstem Einsatz vorab, dann einen großen bei kurzem Spiel, wohlüberlegt, fast emotionslos zu wagen. Solche hohen Sätze sollte man jedoch erst zum Beginn des Aufwärtstrends der ganz persönlichen Gewinn/Verlust – besser Glück/Unglück-Kurve –  tätigen. Allerdings: Es kommt nicht selten vor, dass auch nach tausenden Drehungen (Spielen) der Automat nicht daran denkt, nunmehr Gewinne vermehrt zu liefern. Auf den erwarteten Aufwärtstrend wartet der Spieler dann vergeblich, er spielt stundenlang, ohne dass sich seine Hoffnungen erfüllen. Da ist es besser, allein auf den Zufall zu hoffen, statt den Automaten weiter zu füttern. Spielgewinne von ihm zu erzwingen zu wollen, egal auf welche Art und Weise, ist sinnlos.

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Die andere, klügere, Möglichkeit, welcher wir den Vorzug geben, ist das Spiel ausschließlich dann, wenn wir der Meinung sind, eine gerade anhaltende schlechte persönliche Phase, mit Ärger und allen möglichen Rückschlägen, geht dem Ende entgegen, man bemerkt vielleicht, dass es aufwärts geht.

Denn dies ist ein Phasenumschlag oder zumindest eine allgemeine Verbesserung, und mehr Glück immer ist dann zu erwarten, wenn uns längere Zeit Tiefpunkte zu schaffen machten, dies ist ein unumstößliches Naturgesetz, auch wenn wir nicht verstehen, warum. Wir raten dem Spieler, der auf größere Gewinne spekuliert, bis zu diesem Punkt keinesfalls zu spielen. Doch dann, wenn der Zeitpunkt günstig scheint, wie vorstehend beschrieben, sollte mit höheren Einsätzen – d. h. solche, bei denen wirklich lohnenswerte Summen bis hin zum großen Jackpot im Gewinnfall erzielt werden – gesetzt werden, jedoch nicht zu lang, um das Kapital zu schonen. Spielunterbrechungen ändern – das ist auch ein Naturgesetz – nichts am Spielablauf. Beim nächsten mal, wenn bisher der Erfolg ausblieb, wird die Gewinnchance nicht kleiner, eher höher, es sei denn, außerhalb der Spielzeit, also im ganz persönlichen Bereich, hat sich bereits „Glück“ eingestellt, und geht bereits wieder in „Unglück“ über. Dann hat der Spieler den günstigsten Spielzeitpunkt bereits verpasst. Er muss also wieder abwarten und den richtigen Zeitpunkt diesmal erwischen.

Diese Spielart kostet sicher zeitweise mehr, als die mit geringen Einsätze, die das Spiel lediglich verlängern, ohne einen nennenswerten Gewinn, denn es werden bei niedrigen Einsätzen in der Regel lediglich sich summierende Beträge auf Dauer verloren, und im Gewinnfall erhält man im günstigsten Fall seinen Einsatz zurück. Langfristig gesehen bleibt man hier immer im Verlust, wenn sich dieser auch durchaus in Grenzen halten kann. Zwischenzeitig niedrige Einsätze, nach dem Spiel mit höheren, ohne vorherigen Gewinn, führen nach unserer Überzeugung längerfristig ins Nichts, in den sicheren Verlust. Die Chance, plötzlich einen großen Treffer zu landen, der bei ausreichend hohen Einsätzen kommen kann, wird verspielt, im Sinne des Wortes.

Wer wirklich gewinnen will, dem darf es in der Hauptsache hier nicht um das Spiel gehen, sondern um das Ergebnis. Doch genau das ist für die meisten Spieler fast unmöglich umzusetzen. Die wenigsten Spieler kennen die hier wichtigen Naturgesetze. Später gehen wir mehr darauf ein, denn nur so ist, wenn überhaupt, ein Spielerfolg auf Dauer möglich. Der ausschließliche Spaß am Spiel, in der Hoffnung, etwas zu gewinnen oder wenigstens seinen Einsatz nicht zu verlieren, steht einem großen Gewinn diametral entgegen. Wohl dem, der kaltblütig nur für den Gewinn spielt.

Es ist für den Spieler äußerst interessant zu wissen, dass sich inzwischen die Gewinne im Verhältnis zum Einsatz verdoppelt, mitunter sogar noch viel mehr erhöht haben (zumindest außerhalb der großen üblichen Spielbankkasinos). Mit 5 Cent 1.000, mit 10 Cent 2.000, mit 50 Cent 10.000 Euro zu gewinnen (oder mit einem Euro 20.000, mit 2 Euro 40.000 und mit 5 Euro sogar 100.000 Euro außerhalb der Jackpot-Option!) war früher unmöglich, jetzt durchaus, wenn auch selten. Nicht nur, dass der Mindesteinsatz früher (in den großen öffentlichen Spielbanken immer noch) eine Mark war – auch betrug der Höchstgewinn für 1 Mark Spieleinsatz höchstens maximal 5000 Mark, also gerade mal 2500 Euro, abgesehen von Ausnahmen, wie etwa dem Bingo-Spiel (10.000 Mark im Höchstfall). Heute kann für den gleichen Einsatz das Doppelte gewonnen werden. Um damals umgerechnet einmal maximal 25.000 Mark gewinnen zu können, brauchte es 5 Mark (2,50 Euro) Einsatz. Das ist ein enormer Unterschied zu den heute in den Onlinekasinos mit kleinsten Einsätzen möglichen, viel höheren Gewinnen.

Eine Ausnahme gab es: Mit mindestens 5 Mark war es früher an nur einer Art Automat sehr, sehr selten, möglich, umgerechnet bis zu ca. 750.000 Euro zu gewinnen, und das galt auch nur hier und war dann der größte Jackpot. Wir haben das oben beschrieben. Die angebotenen Jackpots in den heutigen Onlinekasinos beschränken sich nicht mehr auf nur eine Art von „Automaten“, sondern sind, zumindest theoretisch, in etlichen davon sogar mit Gewinnen bis über eine Million Euro möglich – wie gesagt, für einen im Verhältnis zu früher sehr kleinen, absolut geringen Einsatz!

Der Beweis, dass Automaten zu bestimmten Zeiten, etwa nach einer lange nicht eingetretenen Ausschüttung von Spielgewinnen, nunmehr „reif“ wären und nun vermehrt Gewinne ausgeben, ist im Übrigen auch noch nicht erbracht, obgleich etliche Spieler davon überzeugt sind, um dann zu ihrem Leidwesen und Unverständnis doch wieder geschröpft zu werden. Ausgehen kann man aber sicher davon, dass Spielautomaten ja irgendwann alle Gewinnkombinationen bringen, und wenn diejenigen mit den höchsten Gewinnausschüttungen eine längere Zeit als üblich nicht erschienen sind, ist mit ihrem Auftauchen eher als durchschnittlich zurechnen. Wahrscheinlichkeiten sind bekanntermaßen berechenbar. Das ist beim Roulette und bei allen vergleichbaren „Zufalls“-Geschehnissen nicht anders.

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Der von den Suchtverfechtern so oft angesprochene „Kontrollverlust“ vieler Probanden zeigt sich nicht im Gewinnspiel, was immer zu erwähnen vergessen wird, sondern erst im größeren Verlust. Vom Spieler zu erwarten, an der Stelle aufzuhören, wo die Höhe der entstandenen Verluste für ihn bereits zur mittleren Katastrophe führt, bedeutet eine enorme Herausforderung an seine Willenskraft.

Es bedeutet, von dem Spieler, welcher sich vorher gedankenlos und ohne ausreichendes Wissen über die Materie mit dem Automat eingelassen hat, zu erwarten, mitten in einem unglücklichen und hemmungslos betriebenen Spielablauf mit Überlegung zu reagieren.

Der Spieler ist theoretisch trotz gegenteiliger Annahme im Prinzip durchaus in der Lage, sein Verhalten so zu steuern, dass er sich nicht unglücklich macht. Als Voraussetzung dazu sehen wir allerdings die Art seines Charakters an.

Hier sind zweifellos erstaunliche Parallelen zu den verschiedenen Hintermännern des Spielgeschäfts zu finden, wenn auch deren Illegalität auf den ersten Blick „nur“ bis zur Grenze des Erlaubten geht. Wie gedankenlos oder skrupellos gerade die staatlichen Stellen zulangen, liegt für jeden auf der Hand, der sich die widersprüchlichen Gesetzesvorschriften, deren Handhabung und Auslegung einmal genauer ansieht. An anderer Stelle werden wir darauf, soweit unbedingt zum Verständnis der Hintergründe notwendig, noch eingehen.

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Die Mühen der früheren Forscher und Liebhaber der Materie, die nur durch äußerst langwierige Versuche (Empirik) zum Ergebnis führten, sind für unsere heutige Zeit ungeheuer und kaum vorstellbar. Jetzt, nachdem uns all die mathematischen, elektronischen und statistischen Hilfsmittel zur Verfügung stehen, von denen auch Grilleau noch träumte, erscheint alles auf den ersten Blick sehr einfach und einleuchtend. Zufall ist ein sporadisches kurzfristiges Ereignis. Ein fortgesetztes Spiel oder eine fortgesetzte bestimmte Handlung dagegen unterliegen längerfristigen Geschehnissen, die bei echter Chancengleichheit wiederum Gesetzmäßigkeiten folgen, etwa dem absoluten Ausgleich, sofern die Abläufe und Geschehnisse nicht von außen beeinflusst und wirklich nur dem „Zufall“ überlassen werden.

In „Ein Stück pro Angriff“ hat Grilleau die heute möglichen Hilfsmittel für entscheidende Vereinfachungen der einzig Erfolg versprechenden mühseligen Berechnungen und Erkenntnisse in Bezug auf den Spielerfolg vorausahnend angesprochen.

Die Naturgesetze des „Zufalls“ sind alles andere als einfach verständlich – ja immer noch nicht ganz begreiflich. Mathematiker können rechnen wie sie wollen und alles in Formeln bringen. Was dabei herauskommt bestätigt mitunter die schon entdeckten Naturgesetze, aber mehr auch nicht. Theoretische Physiker und reine Mathematiker, die aus ihren virtuellen Formel-Welten und Schreiblaboren nicht mehr hervorkommen, leben in einer abstrakten Welt. Für die unbelehrbaren Höhenflügler unter ihnen sind Worpgeschwindigkeit, Wurmlöcher, Antimaterieantrieb und Flüge zu fernen Sonnensystemen völlig im Rahmen der Möglichkeiten künftiger Generationenin in überschaubarer Zukunft. Für die meisten Mathematiker ist die Chance, dass beide Seiten einer normalen Münze, sofern sie unter gleichartigen Bedingungen geworfen wird, auch in der Praxis immer gleich, also 1 zu 1 bzw. 50 zu 50. Theoretisch kann eine Seite also unendlich oft nacheinander fallen. Dass das niemals je so sein wird, bestreiten sie. Tatsache aber ist, dass diese  Würfe Naturgesetzen unterliegen, langfristig jede Seite gleich oft geworfen wird, wie auch Rot und Schwarz auch langfristig fast gleich oft beim Roulette erscheinen, und dass kurzfristige Abweichungen in engen Grenzen liegen und sich wieder ausgleichen. Außergewöhnlich begabte, vielseitig gebildete Mathematiker, wie etwa auch Gauß, kamen den tatsächlichen Verhältnissen, und damit den Naturgesetzen, da schon weitaus eher auf den Grund (siehe u.a. Normalverteilung in der Gaußschen Glockenkurve).

Hilfsmittel Computer 

Wir meinen mit Hilfsmittel die Computerpalette, welche die mathematische Arbeit der Berechnung und statistischen Auswertung relevanter Zahlen spielend schafft. Glauben sollte man jedoch nicht, dass deshalb das Gewinnproblem gelöst ist.

Denn: Trotz ihrer Rechengeschwindigkeit und aller weiteren Programmleistungen gelingt es den Computern nicht, die Gesetze des Zufalls in Spielregeln für Gewinne erzeugende Systeme zu fassen.

Hauptursache: Die Gewinnausschüttungen sämtlicher Spielgeräte, Automaten, Spielkarten und Roulettemaschinen, haben die Betreiber der Spielhallen und Kasinos an die jeweiligen Spielarten und Einsätze angeglichen. Da ist es egal, auf welche erdachte, jeweils zulässige Satzweise und mit welchen Geldeinsätzen Spieler vorgehen. Gewinne und Verluste bleiben stets so, wie sie eingestellt oder festgelegt wurden. Es gibt keine echte Chancengleichheit, erst recht nicht an Spielautomaten.

Am Roulette ist die Chance ohne die eingefügte Zahl „0“ (Zero) für Spieler und Spielbank allerdings tatsächlich gleich – zumindest theoretisch/mathematisch. Die festgelegten Auszahlungsquoten benachteiligen bzw. bevorzugen ohne die 37. Zahl „0“ weder die Bank noch den Spieler. Mit der „0“ streicht die Bank langfristig aber alle 37 Coups/Würfe=  1/37 des gesamten eingesetzten Kapitals der Spieler am Tisch ein. Die mathematischen Berechnungen hierzu sind simpel.

Ohne die 37. Zahl würden die Spielbanken dennoch ihre Gewinne machen, auch ohne diesen direkten mathematischen Vorteil, denn das Spielverhalten der Spieler, die Verteilung der Einsätze und die Kontrollverluste panischer Verlierer, bringen der Bank ausreichend Vorteile und Gewinn.

An dieser Stelle sei bereits auf den Umstand hingewiesen, dass dauerhafte Gewinnüberschüsse ohne die Anwendung der gesetzlichen Erkenntnisse von den Verteilungen sowie den sich ergebenden Erscheinungsformen der Kugeln während des Spiels, ohne Berücksichtigung der Gesetze des „Zufalls“ schlechthin, niemals, auch nicht durch bestimmte Systeme und Spielweisen und unterschiedliche Einsätze oder/Satzarten, auch wenn diese noch so ausgeklügelt scheinen, erlangt werden.

In einem späteren Abschnitt beschreiben wir ein Computerprogramm, welches von uns in langer Kleinarbeit entwickelt wurde und Grilleaus Erkenntnisse und Beschreibungen auch endlich praktisch umsetzen kann. Da die Darlegungen Grilleaus für Laien nicht unkompliziert sind, haben wir uns entschlossen, darauf später gesondert einzugehen.

Auf ein weiteres von uns selbst entwickeltes Programm,  dem „Bingo 10 aus 80“ (Spielbank) nachempfunden, das leicht installiert werden kann, und in der Handhabung inklusiv der Ausdrucke und Statistiken sehr einfach ist, kommen wir später noch zurück. Es zeigt grafisch und rechnerisch die langfristige Überlegenheit der Bank gegenüber dem Spieler. Für Lottospieler aller Art, welche am meisten geschröpft werden – vom Staat! –  sehr zu empfehlen.

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Mit unserer oder einer ähnlichen Computerlösung der Anwendung Grilleaus ist es unserer Meinung nach durchaus möglich, durchschnittlich mindestens tatsächlich ein Stück pro Angriff, mitunter auch mehr, am Roulette zu gewinnen – und zwar ausschließlich durch die Anwendung von Naturgesetzen, unter Ausnutzung der Wahrscheinlichkeiten und Zwangsläufigkeiten, so wie sie von Grilleau und anderen – etwa Kurt v. Haller und Henry Chateau – beschrieben wurden. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das „Spiel“ möglichst emotionslos und kaltblütig durchgeführt wird, so, als würde man mit unbegrenztem Kapital spielen oder nicht mit seinem eigenen echtem Geld.

Alle meist kapitalintensiven Überlagerungen und Progressionen (wir kommen darauf noch zu sprechen) sind nutzlos, wenn über eine überschaubare Spielzeit nicht auch ohne sie dauerhaft gewonnen wird – mit einfachem Satz, dem Gleichsatz (Masse egale´). Je weniger eigenes Kapital zum Einsatz kommt – zu kommen braucht –  umso geringer ist der Stress für den Spieler, und desto größer ist die Aussicht auf Gewinn.

Wer lediglich über ein recht kleines Kapital verfügt, kommt nur über eine Kapitalisierung aus Gewinnen seiner anfangs geringen Einsätze zum Erfolg. Die so ansteigenden Gewinne können sehr hoch werden, ohne dass eigenes Kapital eingesetzt werden muss; es wird nur noch mit dem Geld der Spielbank „gearbeitet“ – steuerfrei.

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Aufgrund der sehr zeitaufwendigen, komplizierten Berechnungen und Wartezeiten nach der wissenschaftlich fundierten Methode Grilleaus auf den infrage kommenden Chancen am Roulette und  nachfolgenden Buchungen, halten wir die Umsetzung, wie sie Grilleau noch beschrieb und durchführte, im normalen Spielbankbetrieb (durchschnittlich 300 Kugelwürfe täglich) für unrentabel und zu aufwendig, zumindest, wenn nicht ein sehr hohes Kapital zur Verfügung steht, das bereits Einzelgewinne durch einen hohen Einsatz interessant macht und erste hohe Verluste verschmerzen lässt. Heutzutage können jedoch mit Hilfe eines einfachen aber effektiven Computerprogramms im Voraus zu Hause oder nebenbei an anderer Stelle die zu tätigenden Sätze bestimmt werden, wenige sind nötig, und der Aufwand gering. Dem Besuch der großen Spielcasinos weltweit und hohen Einkünften steht nichts im Weg außer dem Spieler selbst.

Es sind aber im Normalfall nach unserer Meinung zunächst, im kleineren Stil, insbesondere die erst seit einigen Jahren angebotenen virtuellen (über Computer) aber durchaus gleichwertigen der Onlinespielbanken ein lohnendes Spiel wert. Es können dort in Ruhe und jederzeit Einsätze ab 10 Cent – wenn nötig auf jede einzelne Zahl – zu jeder Zeit gesetzt werden. Berechnungen und Spieleinsätze, auch die, welche in der normalen Spielbank zu kompliziert wären, kann der Spieler nach Belieben und Bedarf vornehmen, und dabei das laufende Spiel unterbrechen so oft er will – und aus allem lernen.

Denn: Nach Grilleau und anderen Zufallsforschern  ist es, erwiesenermaßen, egal, ob die Sätze ununterbrochen oder zu völlig unterschiedlichen Zeiten, also unterbrochen, getätigt werden. Die sich ergebenden sogenannten Permanenzen des Spielers d. h. die Abweichungen, Zahlenfolgen und Mengen, letztlich die Ergebnisse der Sätze sind identisch, immer gleich. Das allein garantiert den möglichen Spielerfolg.

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Die nach unseren ausgiebigen und jahrzehntelangen Studien der „Gesetze des Zufalls“ und der besten Fachliteratur hier, sowie eigener empirischer Forschungen – unserer Überzeugung nach absolut gesicherten – einzigen Gewinnmöglichkeiten am Roulette

Eine so komplizierte, intelligente und mitunter schwer verständliche Materie ausreichend zu beherrschen, ist ein Umstand, der letztlich enorme materielle Einnahmen gewährleistet – in Form einer nicht einfachen aber ungemein erfolgreichen geschäftlichen Spekulation, ohne diejenigen Risiken, denen der unbedarfte Geschäftsmann besonders in der heutigen Zeit ausgesetzt ist.

Mit dagegen verhältnismäßig geringem Eigenkapital – der Spieler kann ja heutzutage zu Hause online ohne Kosten in virtuellen Kasinos beliebige Satzhöhen, auch kleinste, tätigen – arbeitet der ernsthafte Spieler ohne Ablenkungen und Störungen seine Annoncen mit Hilfe seines kleinen Computerprogramms durch, in das er lediglich die gefallenen Zahlen – 0 bis 36 – eingibt. Das Programm nimmt ihm die ungeheure Rechenarbeit und den sonst nicht beherrschbaren Aufwand ab, die Eintragungen in viele Heftseiten, Totalisatoren, Listen und Zahlenauswertungen, so, wie es noch Grilleau nicht anders bewältigen musste. Dieser hat aber schon die Möglichkeiten einer mechanischen oder andersartigen Übernahme dieser Schwerarbeit irgendwann in der Zukunft vorausgesagt. Inzwischen ist dies eingetroffen. Nur haben die wenigsten Spieler dies erkannt – zu wenig haben sie sich mit der Materie befasst und stattdessen über Systemen und Satzweisen gebrütet – natürlich ohne Erfolg.

Die Roulettezahlen erspielt man nun entweder im Online Kasino, in welchem auch effektiv oder theoretisch  Coups gesetzt werden, oder es dreht sich das eigene Heimroulette (kein Spielzeug sondern präzise), oder es werden Zahlen aus alten Spielpermanenzen, kreuz und quer, jede 2. oder jede 3. Zahl, benutzt. Das Ergebnis ist letztlich immer gleich. Auf dieses besondere Gesetz der Gleichheit unterbrochener zu fortgesetzt gespielten Coups kommen wir nochmals gesondert zu sprechen. Dieses Gesetz erst ermöglicht einen in Ruhe vorbereiteten Angriff auf das Roulette, kurz und schmerzlos, ruhig und kalt, gleich der Weise, wie ein Croupier aus-und einzahlt, gleich einer gefühllosen Maschine.

Hinweisen müssen wir aber genau hier  nochmals auf die gesetzlich-empirisch nachweisbare Tatsache, dass  sich zwangsläufig aufgrund einer vom Spieler in seiner eigenen, nur ihm zugewiesenen persönlichen Zahlen-Permanenz von ihm zufällig ausgewählter Zufallszahlen aus der immer gleichen Anzahl 0-36 eine fortlaufende Zahlenfolge bildet, deren sich bildende Figuren und Erscheinungsformen in jedem Abschnitt und an jeder Stelle harmonisch einfügen und ergänzen, ohne Ausnahme. Sehr kompliziert – wir werden noch an anderer Stelle genauer darauf eingehen

Die Gewinne werden durch geschickte Kapitalisierung in die Höhe schnellen, und schon bald braucht einerseits kein Eigenkapital mehr eingesetzt zu werden, und andererseits steigt der Reinertrag je nach  Einsatz und Kapitalisation immer weiter an, wie in einem enorm gut gehenden Geschäft (bis die Stückgrößen das erlaubte Maximum erreichen). Eine Verschlechterung, ja Ruin ist nicht zu befürchten – anders als im normalen Geschäftsleben. Das Besondere ist, dass der Spieler seine in Ruhe vorbereiteten wenigen Einsätze auch in einem üblichen Spielcasino, an jedem der Tische, an jedem Ort der Welt, an der Riviera etc. auf das Tableau legen kann, mit der Gewissheit, am Monatsende nicht nur seine Spesen gedeckt zu haben, sondern ihm auch gute Gewinne/Rendite – 10 bis 25 % – verbleiben.

Er braucht nicht einmal Permanenzen zu erzeugen, braucht kein eigenes kleines Roulette, keine Spielbankbesuche zuvor – nein, es reicht, wenn er alte, in Spielbanken geschriebene d. h. zuvor irgendwo aufgezeichnete Permanenzen in sein Programm (unser eigenes, selbst entwickeltes Programm ist sehr gut hierfür geeignet) für schnelle und laufende Berechnung des statistischen Ecarts eingibt und einfach nur jede 2. getroffene Zahl dort eingibt. natürlich auch eine andere beliebige Reihenfolge.

Wenn dann eine ausreichende Spannung auf seinem Bildschirm (hoher Ecart) angezeigt wird, kann der Spieler den nächsten eigenen Satz ermitteln und mit ausreichender Wahrscheinlichkeit gewinnen.

wird fortgesetzt

 

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Das Menschlein und der Tod                        

Kurzgeschichte

Tief gesunken auf den Boden der Tatsachen saß ein kleines Menschlein. Auf seinen Schultern trug es eine schwere Last, die für es so unerträglich war, dass es sich gar nicht vom Boden erheben konnte.

Sein kleines Herz war mit endloser Traurigkeit so gefüllt, dass es bitterlich weinen musste.

Es weinte so sehr, und so unaufhörlich, dass es überhaupt nicht bemerkt hatte, wie aus seinen salzigen Tränen ein kleiner See entstand.

Es sah auf einmal ein verkümmertes, nasses Gesicht, das ihm so jammervoll entgegenblickte, dass es zutiefst erschrak.

Es dauerte einige Augenblicke, bevor das Menschlein erkannte, dass es sein eigenes Spiegelbild war. Dennoch sank sein trauriges Herz nur noch tiefer.

Das kleine Menschlein war so verzweifelt geworden, dass es den Tod rief, er möge zu ihm kommen.

Der Tod, der sehr barmherzig war, hörte das Flehen des kleinen Menschleins und ging zu ihm hin, um sich darüber zu erkundigen, weshalb er gerufen worden war.“Nun sag mir, oh kleines Menschlein, weshalb du mich gerufen hast?“

„Ach“, sagte das Menschlein, „mein Herz hat sich schon oft nach dir gesehnt, und ich habe dich gerufen, damit du mich in deine Arme nimmst und mich zärtlich küsst. Denn du bist erhaben und mächtig. Sei du gnädig mir und berühre mich mit deiner sanften Hand.“Der Tod, der neben ihm saß, schwieg eine Weile und sagte:“ Du bist mir teuer, meine kleine Menschenseele. Gern würde ich dein Herz erlösen von deinem Kummer – doch das Lebensgesetz hat es mir verboten. Gewiss, erhaben und mächtig ist mein Wesen, aber dein Sehnen nach mir ist umsonst. Ich kann dich nicht berühren und küssen, denn, wahrhaftig, es ist mir untersagt.“

Da blickte das kleine Menschlein den Tod mit großen, traurigen Augen an und sagte:„Oh, barmherziger Herr, der Zweifel und die Traurigkeit halten mich gefesselt, und ich kann mich von dem Boden der Tatsachen nicht mehr erheben. Muss ich denn für alle Ewigkeit hier bleiben? Nur du kannst mir diese schwere Last, die auf meinen Schultern liegt und mich niederdrückt, wegnehmen. Ich flehe dich an, mich zu umarmen.“

„Ich sage dir, oh Menschenseele, berühren darf ich dich nicht. Das Lebensgesetz hat es mir verboten – wahrhaftig, es ist so.“

„Ach“, sagte das Menschlein, „das Lebensgesetz ist mir nicht zugeneigt. Selbst die Liebe ist mir bis jetzt nicht begegnet, und sogar mein bester Freund – die Hoffnung – hat mich vor langer Zeit verlassen. Die Verzweiflung ist mein ständiger Begleiter, und die Traurigkeit hat mein Herz erobert. Deshalb bin ich von dem Boden der Tatsachen gefangen. Und du, mein verehrter Tod, bist mein Retter.“

Der Tod blickte liebevoll das Menschlein an und sagte: „Das Lebensgesetz ist wohl dir zugeneigt, aber du hast es vergessen; und die Liebe ist stets dein Begleiter gewesen, doch du hast sie nicht erkannt. In deiner Unwissenheit hast du den kostbaren Reichtum, den das Leben und die Liebe dir schenkten, beiseite gefegt wie der Wind ein Blatt. Der Zweifel hat deinen Geist verwirrt und deinen Glauben an das Gute dir geraubt, deshalb hat dein Freund, die Hoffnung, dein Herz verlassen. Nun bist du gefesselt in den Ketten der Dinge, und darum bist du auf dem Boden der Tatsachen stecken geblieben. Wahrhaftig, meine kleine Menschenseele – es ist so.“

***     

Der Esel (The donkey)

Gedicht

Wär´ ich ein Esel, so tät´ich´s nimmer mehr

und dächt´, des Bösen sei nun Maß.

Nachdem der Herr mit starken Schlägen

das Fell gegerbt mir ohne Gnad´

so gäb´s nicht viel mehr abzuwägen

– ich ließ den schmackigen Salat

Indes mein menschlicher Verstand

den dummen Esel nicht versteht

werd´ ich nicht Herr der eig´nen Hand

so brech´ ich ein in jedes Beet…

 

Der Emigrant

 Gedicht

Im Maien war´s da stand ich am Schlagbaum

zum Land meiner Flüche und Nöte,

im Rücken die Stadt, die da lag in heller Morgenröte

So fremd war mir´s noch von draußen her an der Grenze

als Mensch zu pilgern, wo Kreuze begruben

– mitsamt den Bildern von zerschossenem Fleische –

die noch im Tode verdammte Leiche…

Wie finstre Ruhe im weißen Kleid mir deuchte Beton und Pistolen,

und so ward mir im Frieden, im Herzen versöhnt,

der Mutter Boden befohlen

Doch da schallt´s schon im altvertrauten Ton, wie ehemals dem unbequemen Bürgersohn:

„Kehrt, marsch, zurück, deine Sorte ist hier nicht erwünscht, und spar dir die weit´ren Worte!“

Sodann kommt der erste beste Sozialist daher und schwenkt seine rote Fahne, er frisst Kommunismus mit Sahne, und huldigt sich feste

und tut sich schwer und einer von dieser Sorte trägt das Arbeitertuch! Ihm öffnet man willig die Pforte…

Es ist der Arbeiterfluch!

*

Von einem, der auswandern wollte

Gedicht

Ein Toter ward auf den Friedhof geschleppt

Er starb auf Friedens Boden

Rings um das Grab rauschen Blätter im Wind

Und seht, sie legen sich sacht auf das Kind

Im offenen Grabe…

Und an der Mauer prangt leuchtend ein Brett

Ein rotes, mit weißer Schrift

Die verkündet, dass Freiheit und Menschlichkeit

Hier alle Menschen treffen

Doch es wendet sich ab von Freiheit und Glück

Die Mutter des Sohnes im Grabe

Sie wird nie versteh´n

Wie konnte der Mord

Im Lande des Friedens gescheh´n

Die hinter dem schützenden Riesen steh´n

Die wissen, warum sie die Mörder befahlen

Und Deutschland, ach Deutschland, ich glaube für immer

Wirst du Freiheit mit Leben bezahlen

Kommunismus, das ist nicht nur Arbeit und Brot

Nicht nur krumme Buckel!

Kommunismus ist Liebe und Achtung vor ihm

– Dem Sohne

Des Mutter Euch droht…

Tausend Jahre                                           *

Gedicht

Tausend Jahre sind vergangen

Tausend Jahre einer Zeit

In der Menschen angefangen

Tausend Jahre Erdenleid

Tiefe Wasser, lieblich klar

Dichte Wälder wunderbar

Urig wüchsig die Natur

Blätterrausch in Waldesflur

Durch die Steppen zogen Herden

Sonnenkräfte sich bemüh´n

Wo die Weiten sich verlaufen

Von der Erde zartem Grün

Über all´ die langen Jahre

Still der Wasser klarer Blick

Silbrig Wogen flüstern wahre

Lebenskraft und einzig Glück

Droben hielt am klaren Himmel

Stolzer Schwinge Kraft und Macht

Über Jahrmillionen Schönheit

Starker Greif die Himmelswacht

Tief drunten in den Wogen

Klangen Zaubermelodien

Freier Wesen unsresgleichen

Erfüllt mit Lebensharmonien

Doch Tausend Jahre sind vergangen

Und der Kelch ist bald geleert

O süßer Lebenswein und Freiheit

Da der Geist auf dieser Erde

Gift und Mord noch mehr verehrt

Tausend Jahre werden kommen

Darin der Geist bereits erstarb

Erloschen sein des Frühlings Düfte

Im Ruß erstickt das Meer, der Erde Lüfte

Zurück der Raum den Staub erwarb

in aqua veritas – ihr Verdammten

 Gedicht

Zerlumpt sind sie nicht,

eher grotesk,

mit Ketten an ihren Brillen.

Mit scharfer Zunge;

ohne Engagement,

Am Rande ihrer sozialen Brüder.

Weinselig, originell in ihren

lächerlichen Posen.

Vergessene, in einer allzu

realistischen Welt

mit marktwirtschaftlichem Vokabular

und middlife crisis im

krisenfesten Job,

in Zeiten ohne Zukunft;

verkaufter Intelligenz.

Mit Dichtern als Popanz

einer züchtigen Welt, Schreibern,

arm an Courage und

weich wie Quallen in

abfallverseuchter Brandung.

Mit Redakteuren im Zeitungssumpf

marktschreierischen Angebots

  • stehen sie allein,
  • wissen nicht, wer den Wahnsinn
  • verschuldet!

und: in aqua veritas

  • sie suchen die Wahrheit im Wasser…

in alkoholvernebelten Hirnen

schwimmt ihre Moral gesünder

an der Oberfläche

als die Fettaugen der verarschten

Gesellschaft,

im reinen Wasser der wenigen

noch natürlichen Quellen

dieses Planeten

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